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...Nicole Wartzack

Kleine Auszeiten findet Nicole Wartzack bei den LandFrauen.
Zusammen mit ihrem Mann hat die Geschäftsführerin mehrere Buchführungskurse besucht und die Lizenz für ein Güterkraftunternehmen erworben. Fotos: Kathrin Iselt-Segert

Fische können ja leider nicht sprechen, sonst hätten die Rüsselbarben, Neonsalmler und Metallpanzerwelse, die durch die Wasserpflanzenwelt im Aquarium des Büros von Nicole Wartzack gleiten und glitzern, eine Menge zu erzählen. Die Nordfriesin führt zusammen mit ihrem Mann Nico die Geschäfte der Bahnsen Reh GmbH. 2013 übernahmen der gelernte Landmaschinenschlosser und die Einzelhandelsverkäuferin das landtechnische Lohnunternehmen. Die Energie, die beide in dieses Projekt steckten, hätte in den zurückliegenden Jahren locker für vier Leben gereicht.

Die eigentliche Geschichte beginnt allerdings noch vor den Rüsselbarben und Neonsalmlern. Mit 21 Jahren lernte die junge Frau aus Struckum, die in einem Elektrofachgeschäft arbeitet, Nico Wartzack kennen, der bei der Bahnsen Reh e. K. seine Ausbildung macht und sich vom Schlosser über den Fahrer bis zum Disponenten hocharbeitet. Ein Jahr später, 2005, heiraten die beiden. Bald gehören Jonas und Julian zur kleinen Familie. Die junge Mutter hilft ab und an im Büro des Lohnunternehmens oder holt – die Jungs auf dem Kindersitz – Ersatzteile ab.

Familienprojekt

Das 1958 von Heinrich Reh in den Reußenkögen gegründete Unternehmen gehört zu dieser Zeit Rüdiger Bahnsen, der es 1995 übernommen hat. Als Bahnsen darüber nachdenkt, die Firma zu verkaufen, kommt Nico Wartzack 2010 mit der Idee nach Hause, sich selbstständig zu machen, den Betrieb zu übernehmen und weiter auszubauen. Schnell steht fest, es soll ein Familienprojekt werden. Sie reden mit Rüdiger Bahnsen. Die Themen und Summen, die bei den ersten Gesprächen "über den Tisch fliegen", zeigen den beiden schnell, dass es blauäugig wäre, das Vorhaben ohne fachlichen Rat anzugehen. Den finden sie in Viöl bei einer Steuer- und Unternehmensberatung.

"Zwei Jahre brauchten wir, bis das ganze Paket inklusive Finanzierung geschnürt war", erinnert sich die heutige Geschäftsführerin. Doch die Verkaufsverhandlungen erweisen sich als zäh, Ausgang ungewiss. Die Wartzacks setzen sich einen Termin: Am 1. August 2013 wollen sie entweder neue Inhaber der Firma sein oder aber diese verlassen. Erst am Nachmittag des 31. Juli kommt es zum Abschluss beim Notar.

Noch in der Nacht zieht die Familie aus dem Haus in Almdorf in den Sophien-Magdalenenkoog. "Wir wussten, dass wir 24 Stunden vor Ort sein müssen, wenn der Betrieb ungestört laufen soll." Um 7 Uhr sind sie im Büro. Die Mitarbeiter müssen informiert, die Umfirmierung ins Rollen, Firmenkonten eröffnet, die Buchführung geschlossen und neu eröffnet werden. "Ein wahnsinniger Kraftakt", beschreibt Nicole Wartzack die intensiven Tage. Schön war, dass die Mitarbeiter "voll hinter uns standen, weil sie sahen, dass wir die Firma und die Arbeitsplätze erhalten wollen".

Fast ein Schock dagegen die erste Dieselrechnung: "Vorher hatte ich als Hausfrau mit Beträgen zu tun, die sich um 100 Euro für den Wochenendeinkauf drehten und nun lag eine Dieselrechnung über 23.000 Euro auf dem Tisch." Nicole Watzlack erinnert sich noch gut, wie sie mit der Rechnung auf den Hof zu ihrem Mann ging, und sagte, da müsse ein Fehler vorliegen. Ihr Mann hat mit einem amüsierten Lächeln geantwortet: "Daran wirst du dich gewöhnen müssen."

Brandnacht

Sie gewöhnt sich allmählich daran. Nachdem der Vorbesitzer im Herbst aus dem Wohnhaus auszieht, kann das Paar die Matratze in der provisorischen Küche wieder gegen ein Bett tauschen. Heute ist dort das Büro von Nicole Wartzack. Über den einstigen Anschluss für die Spüle wird nun das Aquarium versorgt. Rüsselbarben, Neonsalmler und Metallpanzerwelse ziehen ein. Ende 2014 ist die Umstrukturierung abgeschlossen, das Lager wieder auf der Reihe, die Maschinenhalle auf Vordermann, der Fuhrpark ausgebaut. Die Arbeitstage auch für die neuen Firmeninhaber wieder etwas geregelter.

Damit könnte die Geschichte einer erfolgreichen Firmenübernahme abschließen. Wäre da nicht die Nacht vom 2. auf den 3. September 2015. Der Anruf einer Nachbarin reißt die Familie aus dem Schlaf. "Bei euch brennt es lichterloh!" Da steht die große Maschinenhalle schon in Flammen. Während ihr Mann versucht, wenigstens die um die Halle geparkten Maschinen noch wegzufahren und zu retten, holt seine Frau die Jungs aus dem Bett und telefoniert Hilfe heran. Schließlich kämpfen sieben Feuerwehren gegen den Brand, Rettungswagen stehen auf dem Hof. Die Eheleute bekommen davon nur noch wenig mit, denn auch die Kripo kommt und befragt beide in getrennten Räumen.

"Das ist schon eine unwirkliche Situation, wenn in diesem Moment jemand wissen will, was du gestern Abend gegessen hast, ob und was du im Fernsehen geschaut hast." Erst später realisiert sie, dass in dieser Nacht LandFrauen mit geschmierten Broten für die Helfer auf den Hof kommen und eine von ihnen die Jungs für diese Nacht zu sich holt.

Wie Harakiri

Bei Tage besehen war natürlich klar, warum die Polizisten alles genau wissen wollten. Ein Millionenschaden ist entstanden. Schließlich ist die Brandursache geklärt: ein Kurzschluss im Wechselrichter, auf dem eine Photovoltaik-Anlage installiert war. "Die ersten Wochen saßen wir bis zu acht Stunden mit Versicherungsleuten am Tisch und die Maisernte stand vor der Tür." Alle umliegenden Partner hätten in dieser Situation geholfen, Maschinen zu fairen Preisen geliehen und auf umliegenden Windparkflächen wurden der Firma Stellplätze für den Fuhrpark zur Verfügung gestellt.

Viel zum Schlafen kommen die Wartzacks nicht. Als die Versicherung drängt, Angebote für den Neubau vorzulegen, steht für die beiden fest, das Unglück als Möglichkeit zu sehen und etwas ganz Neues zu machen. Statt die 3.000-m2-Halle im Ganzen zu ersetzen, entsteht eine kleinere Halle nur für Maschinen und die Werkstatt aus den Gründerjahren weicht einer neuen mit acht Spuren und Fußbodenheizung. Heute stehen die neuen Gebäude um einen großzügigen Platz, es gibt moderne Frühstücks- und Sanitärräume für die inzwischen 56 Festangestellten.

Was heute eine Erfolgsgeschichte ist, habe sich damals "ein bisschen wie Harakiri" angefühlt, gibt die Geschäftsführerin unumwunden zu. Einmal hat sich ihre Familie in den ganzen Jahren Urlaub genommen. "2016 sind wir nach dem Brand an unsere Grenzen gekommen und das erste Mal geflogen, ein paar Tage nach Mallorca." Die neuen Liegesitze auf der Terrasse gleich hinterm Bürogebäude haben die Wartzacks allerdings noch nicht einmal genutzt.

"Wenn wir grillen, dann in der großen Halle, nicht mit zehn, sondern 100 Stück Fleisch", sagt Nicole Wartzack. "Wir haben mit jedem hier eine Geschichte, kennen alle auch mit ihren Angehörigen", erzählt sie. Das alles funktioniere nur, weil die ganze Familie hinter der Firma stehe, auch die Söhne. "Unsere Jungs haben beide Diesel im Blut", sagt die 35-Jährige mit einem Lachen. Der Große ist 16, hat den T-Führerschein und gerade seine Lehre begonnen – als Schlosser. Kathrin Iselt-Segert

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