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Liebe Leser,

das Landesamt für soziale Dienste warnte diese Woche vor gefälschten Medikamenten im Internet. Neues Futter für die Verbraucherirritation. Für den Moment sind Tierhaltung und Lebensmittel raus aus den großen Schlagzeilen. Vereinzelt findet man sie noch in den Meldungsspalten. Deutet sich am Medienhimmel ein Zwischenhoch an? Sicherlich nicht, und wenn doch, wird es gewiss ein sehr kurzes.

Wer sucht, der findet: aus Tierschutzgründen beschlagnahmte Rinder, ein vorrübergehend gesperrter Schlachthof, totgeschlagene Ferkel, Schweine mit zerbissenen Ohren und Schwänzen für ein Qualitätsfleischprogramm … Es verging in diesem Jahr bislang kaum eine Woche, in der nicht irgendein Vorfall dieser Art Zeitungen und Bildschirme füllte. Kritische Verbraucher gingen auf Distanz zu den Fleischtheken. Und uns, den Journalisten der Fachpresse, kommt die Aufgabe zu, mit Fakten und Sachlichkeit den Versuch einer objektiven Aufklärung zu wagen, ohne in Plattheiten zu verfallen oder mit Scheuklappen den eigenen Blick auf die Realitäten einzuengen. Die dargestellten Vorfälle gehören thematisiert. Es ist  ureigene Aufgabe der Medien, die Bevölkerung zu informieren, die Finger in Wunden zu legen, Missstände öffentlich zu machen und so deren Beseitigung anzustoßen. Über das Wie der Berichterstattung darf man durchaus geteilter Meinung sein. Die Notwendigkeit bleibt – ob es jedermann passt oder nicht.

Verstöße gegen den Tierschutz – wie überhaupt gegen geltendes Recht – lassen sich immer und überall finden. Wenn man nur hartnäckig genug danach sucht. Der eine mogelt etwas bei der Steuererklärung, der andere fährt fast immer schneller als erlaubt, und der dritte klopft seiner Stute öfters recht derbe auf den Po. Sind deswegen alle Steuerpflichtigen, Autofahrer und Reiter Betrüger, Verkehrsrowdys oder Tierschinder? Nein, da muss man schon sauber unterscheiden, werden Sie sagen. Genau das ist der Punkt, der bei vielen Berichten über Tierschutzverstöße fehlt. Es sind abstoßende, traurige Einzelfälle, die nicht tabuisiert werden dürfen – aber auch nicht verallgemeinert. Die übergroße Mehrzahl der Landwirte und Verarbeiter verrichtet sein Tagwerk untadelig. Viele davon sind befremdet und schämen sich für ihre Berufskollegen, auf deren Höfen für die verstörenden Bilder und Artikel recherchiert wurde.

Ein Leser, selbst Landwirt, schrieb uns zu einem der Fernsehberichte: „Die Zustände in dem betroffenen Stall sind erschreckend und unhaltbar“, und appellierte an den Schweinehalter: „Holen Sie sich Hilfe und/oder steigen Sie aus! Es könnte für Sie ein  Befreiungsschlag werden.“ Gewiss, das sagt sich von außen leicht. Doch angezeigt ist, regelmäßig sein eigenes Tun und Handeln – auch das der Mitarbeiter – zu überprüfen und hierbei externe Fachleute hinzuzuziehen, auch, um eine möglicherweise schleichend begonnene Betriebsblindheit zu kurieren.

Der Bauernverbandsspitze geht couragiert auf Distanz zu „Tierhaltern, die ihre Tiere so halten“ wie oben beschrieben. Das ist der richtige, aber keinesfalls ein steinloser Weg. Will der Berufsstand nach außen glaubwürdig bleiben, muss er rigoros Missstände in den eigenen Reihen anpacken und beseitigen. Eine innere Selbsterziehung, die – „von oben“ zwar nach Kräften  unterstützt – vor allem aber von der Basis her kommen muss. Wenn Einsicht und Wille weit um sich greifen, sollte es gelingen, der Landwirtschaft eine stabile mediale Hochwetterlage zu verschaffen. Zwischenhochs dagegen bringen nur Atempausen. 

Herzlichst Ihr

Ralph Judisch, Chefredakteur

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