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Tonio Keller. Foto: archiv

Die Raunächte wurden früher als zusätzliche Tage eingeschoben, um das Mondjahr mit dem Sonnenjahr auszugleichen. Sie galten als unheimlich und tot. Foto: Alfred Heiler/pixelio

Ungefähr zwölf Mal im Jahr kreist der Mond um die Erde, was sich im Wort Monat niederschlägt, aber nicht genau zwölf Mal. Die Völker alter Zeiten schalteten deshalb kurz vor Jahresende zusätzliche Tage ein. Es waren tote Tage und Nächte, Raunächte genannt, unheimlich und gefürchtet, in denen man nur die nötigsten Verrichtungen unternahm. Ein bisschen spiegelt sich das noch darin wider, dass man die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr "zwischen den Jahren" nennt. In der ist auch heutzutage nicht viel los, wenn auch aus dem Grund, dass viele die Brückentage für einen Kurzurlaub nutzen und Läden und Restaurants schließen. Auch das Bauernblatt erscheint ja in dieser Woche nicht.

Hochkonjunktur haben in dieser Zeit hingegen Rückblicke und Ausblicke, Planungen und gute Vorsätze - sowohl in den Medien wie im privaten Kreis. Werde ich darauf angesprochen, muss ich meist eine schlüssige Antwort schuldig bleiben. Der Wechsel des Kalenders ist keine einschneidende Zäsur im Leben, und persönliche Umwälzungen kündigen sich nicht mit Silvesterknall an. Manchmal ist einfach nur Ausspannen angesagt, zur Ruhe kommen, ohne Verpflichtung, große Dinge zu denken.

Wenn diese Zeit zwischen den Zeiten etwas Besonderes hat, dann vielleicht dies: zu zeigen, wie wenig wir wissen, vor allem über das, was wir zu wissen glauben. Die tote Zeit hat ihren Wert gerade dadurch, dass sie nichts vorgibt. In dieser Leere kann etwas entstehen, das wirklich neu ist, das wir nicht vorhersehen, schon gar nicht geplant haben. Es kann uns überraschen, vielleicht befremden, ratlos machen. Denn das wirklich Neue entzieht sich unseren Ansprüchen und Zwecken, frech und schamlos.

Besonders wichtig – und besonders fruchtbar – ist dies in der Begegnung mit anderen. Oft glauben wir schon zu wissen, was unser Gegenüber denkt und was davon zu halten ist. So wird ein Gespräch schnell zum Aufeinanderprallen von Positionen statt zu einer Verständigung. In der Politik, in Talkshows und in Sozialen Medien gehört dies leider zum schlechten Ton. Vielleicht sind das Schlimmste daran nicht einmal die Beleidigungen und Kränkungen, sondern dass wir so nichts voneinander erfahren. "Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten zu werden", hat der französische Philosoph Emmanuel Lévinas geschrieben. Dieses Erlebnis versäumen wir allzu leicht.

Was sagt uns der Augenschein? Doch nur das, was wir aufgrund unseres Vermögens – und Unvermögens – sehen können, und oft genug ist es das, was wir gerne sehen wollen. Es ist eine verzwickte Sache: Wir sind auf den Augenschein angewiesen und müssen uns auf ihn verlassen. Doch nicht von Ungefähr ist es ein "Schein", er kann uns trügen. Den großen Wissenschaftlern ist das bekannt. "Eigentlich dürfen wir gar nichts für selbstverständlich halten", hat Albert Einstein gesagt: "Nichts deutet darauf hin, dass sich die Natur so verhält, wie wir es gerne haben möchten."

Mat­thias Claudius hat dasselbe in der dritten Strophe seines Liedes "Der Mond ist aufgegangen" wunderschön ausgedrückt: "Siehst du den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön. So ist's mit vielen Sachen, die wir getrost verlachen, weil unsre Augen sie nicht sehn."

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