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Hasskommentare sind keine Seltenheit mehr – von plumpen Beleidigungen bis hin zu ernsten Bedrohungen. Foto: imago

Tonio Keller. Foto: Archiv

Hassnachrichten und wüste Drohungen in der Öffentlichkeit nehmen immer mehr überhand. In den Schlagzeilen sind derzeit die abscheulichen Morddrohungen gegen die Grünen-Politiker Cem Özdemir und Claudia Roth. Doch es sind viele Menschen mit dergleichen konfrontiert – das Spektrum reicht von Beschimpfung bis Bedrohung. Für manche ist es inzwischen bitterer Alltag. Landwirte werden von Passanten bei der Feldarbeit behindert. Nutztierhalter werden als Nazis bezeichnet – die Abwegigkeit dieses Begriffes spielt offensichtlich keine Rolle. Solche Angriffe erfolgen auch von der anderen Seite des gesellschaftlichen Spektrums aus. So wird, wer Flüchtlinge aufnimmt oder betreut, als Vaterlandsverräter beschimpft. Politiker, die sich dafür einsetzen, wünscht man an den Galgen. Und es bleibt nicht bei Worten, wie der Mord an dem Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke schonungslos offenbart. Am meisten sind natürlich Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, Zielscheibe von verbalen und tätlichen Attacken, aber es trifft auch Privatleute, wie obige Beispiele zeigen.

Ohne Frage wurde auch früher gehetzt – nicht wenig und nicht harmlos. Heute aber multiplizieren die jederzeit verfügbaren Neuen Medien die wahrnehmbare Präsenz um ein Vielfaches. Gibt es heute mehr Urheber von Hassreden als früher, oder scheint es nur so, weil sie nun überall gehört werden? Vermutlich sind es tatsächlich mehr, weil die Allgegenwart zur Nachahmung anregt und die Hemmschwelle senkt. Dass man dabei sehr leicht anonym bleiben kann, dass es so gut wie nicht sanktioniert wird, tut ein Übriges. In der Regel ist der Hassschreiber persönlich feige.

Als Erklärung wird häufig ein allgemeiner Verlust der Werte bemüht. Tatsächlich verfügen wir gesamtgesellschaftlich über keinen wirksamen Moralkodex über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus. Das ist keineswegs ein Rückschritt, hat es doch die Befreiung von den engen Fesseln einer restriktiven Dorfsitte, einer despotischen Großfamilie oder einer scheinheiligen Kirchenmoral ermöglicht, und wir erschrecken zu Recht, wenn wir solches manchmal heute noch in geschlossenen sozialen Subsystemen wahrnehmen. Auch die Hassredner haben ja Werte, und sie wollen, dass diese für alle gelten, ohne Kompromiss. Abgesehen davon wurde ein Wertekanon auch früher weitgehend mit Sanktionen durchgesetzt – ein brüchiges Instrument, wenn die Dämme fallen. Werte kann man nicht verordnen. Verinnerlicht werden sie nur, wenn sie vorgelebt und erfahren werden. Darin liegt das Problem, aber auch die Lösung. Allerdings wird die wohl eine längere Zeitspanne brauchen, die eher in Generationen zu messen ist.

Durch zunehmende Vereinzelung, durch Verlust einer erlebten, positiven Gemeinschaft hat sich ein allgemeines Anspruchsdenken breitgemacht: Was steht mir zu? Was wird mir verweigert? Wer ist schuld an einem unerfreulichen Ereignis, und wie kann ich ihn dafür haftbar machen? Diese Haltung rächt sich, indem sie die Schleusen des Hasses öffnet, wenn man sich zu kurz gekommen und dabei im Recht fühlt. Und das ist eigentlich immer der Fall. Vor Augen habe ich eine Menge entwurzelter Menschen, die Hass verbreiten, nur weil andere etwas tun, was ihnen nicht passt. Mögen sie nicht unser gesellschaftliches Leben bestimmen! Mögen sie vor allem nicht unser eigenes Denken vergiften!

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