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Tonio Keller. Foto: archiv

Büroklammern sind ein nützliches Hilfsmittel zur Ordnung von losen Blättern. Foto: pixaby

Würde man einem Supercomputer den Befehl geben, die perfekte Büroklammer zu konstruieren, dann würde er nicht eher ruhen, bis er das ganze Universum in Büroklammern verwandelt hätte. Diese Fiktion malt der Schriftsteller Frank Schätzing in seinem Roman "Die Tyrannei des Schmetterlings" aus. Die Botschaft: Der Zwang zur Perfektion endet im Absurden. Büroklammern – da drängt sich das Stichwort Bürokratie geradezu auf.

Jüngstes Beispiel ist die EU-Datenschutzgrundverordnung, die maßgeblich unser neuer Digitalminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) auf den Weg gebracht hat. Keine Frage: Datenschutz ist wichtig! Das zeigen nicht zuletzt die Auswüchse von Datengeschacher bei Facebook und anderen digitalen Giganten. Insbesondere der Schutz vor Missbrauch des Bildes im Internet ließ bisher noch sehr zu wünschen übrig. Also Ärmel hochgekrempelt und strenge Messlatten angelegt, jetzt wird aufgeräumt, und zwar perfekt!

Die Folge: Man wird überschwemmt von Aufforderungen, die Erlaubnis zur Nutzung seiner Daten zu bekräftigen oder zu widerrufen. E-Mails solchen Inhalts bekomme ich von Freunden ebenso wie von Unbekannten, von Veranstaltern wie von Versicherungsagenturen. Der Buchhändler, der mich anrufen soll, wenn die Bestellung da ist, tut dies künftig nicht mehr ohne schriftliche Absicherung. Wenn ich beim Apotheker einen Hustensaft kaufe, werde ich um die Unterschrift unter ein Dokument gebeten, bei dem ich weder den Inhalt verstehe noch die Folgen des Unterschreibens wie des Nichtunterschreibens.

Manche verlangen für die Nutzung meiner Daten eine Rückantwort, anderenfalls würden sie mich aus ihrem Leben streichen. Andere begnügen sich mit dem Bescheid, man möge sich melden, wenn man das nicht möchte. Haben die etwa alle schon meine Daten, oder streuen sie diese Mails einfach so in die Welt – und erzeugen damit zusätzliche Spams zu den vielen anderen? Müsste ich womöglich auch solche Mails versenden, und wenn ja, warum? Aufsichtsbehörden sind überlastet und überfordert, sie kommen bei der Regulierung von Pannen und Verstößen nicht nach.

Die Industrieund Handelskammer Kiel klagt über ein "riesiges Bürokratiemonster, das von kleinen Unternehmen kaum zu bewältigen ist". Schlimmer noch: Es zeigt sich, dass durch Rundumschläge wie das neue Datenschutzgesetz gerade nicht die in Schranken gewiesen werden, die tatsächlich in großem Maße Schindluder treiben. Schon machen sich Gauner die Unsicherheiten zunutze. Sie geben sich gegenüber Privatpersonen, Kleinunternehmern und auch Landwirten als behördliche Datenschützer aus und drängen auf das Ausfüllen eines bereitgestellten Formulars – das dann den Abschluss eines Abonnements eines "Basisdatenschutzes" zur Folge hat. Es kostet rund 500 € im Jahr und ist völlig überflüssig.

Und warum sind, als das neue Gesetz in Kraft trat, nicht Schlag 0 Uhr die "schone russisch Frau" aus meinem E-Mail-Ordner verschwunden, der Afrikaner mit den überflüssigen Millionen und der Apotheker mit den Viagra-Sonderangeboten? Denen habe ich nämlich nie eine Einverständniserklärung zur Nutzung meiner Daten geschickt.

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