Zur Navigation springen Zum Inhalt springen

Liebe Leser, welcher Feiertag könnte freundlicher und unbeschwerter erscheinen als der Muttertag, der an diesem Sonntag ins Haus steht? An die Mutter zu denken und ihr etwas Schönes zu geben, zu sagen, für sie zu arrangieren oder, wenn sie entfernt wohnt, zu schicken – das ist doch eine gute Idee, oder? Nein, so einfach ist es anscheinend nicht, denn für fast alle, die ich kenne, hat der Muttertag einen unangenehmen Beigeschmack, falls sie ihn nicht gänzlich ablehnen. Am meisten tun dies erstaunlicherweise die Mütter selbst. „Das tut doch nicht not“ ist dabei noch die mildeste Form der Abwehr.

Argumente gegen den Muttertag gibt es viele: Die Tatsache, Mutter zu sein, sei doch kein Verdienst, führen manche an. Das Kind habe ja auch nicht darum gebeten, auf die Welt zu kommen. Auch gebe es nicht nur gute Mütter – und überhaupt, wer könne das schon immer von sich behaupten? Die Institutionalisierung des Anlasses ist ebenfalls vielen ein Dorn im Auge: Warum gerade an diesem Tag an die Mutter denken und an den anderen 364 Tagen des Jahres nicht? Es soll bloß kein Pflichtgefühl aufkommen! Die Kommerzialisierung, die uns in der Werbung für Blumen, Schokolade oder Schmuck entgegenschreit, tut ein Übriges, und schließlich wissen wir alle, dass die Nationalsozialisten den Muttertag für ihre Ideologie missbraucht und dadurch in Misskredit gebracht haben. Begeisterung und Vorfreude der Variante „Au ja, Muttertag!“ schlägt uns jedenfalls kaum entgegen – außer vielleicht in denjenigen Kindergärten, in denen sich fantasievolle Erzieherinnen lustige Bastelaktionen ausgedacht haben.

Muttertag – ein Gratwandel, eine Fettnäpfchenserie, ein heißes Eisen. Warum wird er so stiefmütterlich behandelt? Es ist schon erstaunlich, was man alles ins Feld führen kann, wenn man will. Bei Licht besehen sind allerdings all diese Argumente unbedeutend. Es muss nicht aus Pflichtgefühl sein, wenn jemand gratuliert, und warum nicht an diesem Tag? Es gibt kaum etwas Gutes, das nicht auch kommerzialisiert oder instrumentalisiert worden ist. Muss man es deswegen meiden?

Ich habe den Eindruck, dass diese Abwehr meist einer anderen Quelle entspringt: Wir tun uns oft schwer damit, jemandem, der uns nahesteht, diese Zuneigung und Dankbarkeit zu zeigen – je näher, desto heikler. Und womöglich tun wir uns noch schwerer damit, diese anzunehmen, wenn sie uns doch einmal gezeigt wird. Doch wenn es geschieht, und von Herzen, hat dies eine bleibende Wirkung für beide Seiten. Ich kenne Beispiele dafür.

Lassen wir also dem Muttertag sein Recht. Es ist sicher entlastend, wenn vonseiten der Mutter keine allzu großen Erwartungen gehegt werden und sie es nicht auf die Goldwaage legt, wenn das Kind oder die Kinder diesen Tag vergessen, nicht wichtig nehmen oder aus oben genannten Gründen nicht mögen. Aber wenn doch ein lieber Gruß, ein paar Blumen oder eine sonstige Aufmerksamkeit kommen, dann soll dies ruhig angenommen werden. Und wir Kinder können uns mal dazu aufraffen.

„Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir es nicht wagen, uns so herzlich zu geben, wie wir sind“, hat der Urwalddoktor Albert Schweitzer einmal gesagt. Manchmal brauchen wir einen Anstoß dazu, einen Anlass – und wenn es auch ein institutionalisierter ist. Dieser Sonntag könnte ein solcher sein.

nach oben

Hinweis zur Nutzung von Cookies

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter.