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Sönke Hauschild. Foto: archiv

Am betrieblichen Wachstum haben gute Preise ebenso wenig gerüttelt wie niedrige Preise. Foto: pixabay

1968 war der Brüsseler Kommissionspräsident Sicco Mansholt ganz auf Wachstum eingestellt: Er peilte Betriebsgrößen von 80 bis 120 ha, 40 bis 60 Kühen und 450 bis 600 Schweinemastplätzen an. Das war eine Revolution, dabei nahm er Maß an der Familienarbeitsverfassung der landwirtschaftlichen Betriebe.

Heute bewegt sich der Familienbetrieb in anderen Sphären. Das damalige Wachstumsziel erscheint vielen Menschen als gute, alte Zeit. Anton Hofreiter von den Grünen ist ganz der Meinung Mansholts, nur mit einem rückwärts gerichteten Blick.

Am betrieblichen Wachstum haben gute Preise ebenso wenig gerüttelt wie niedrige Preise. Die Politik fördert Wachstum durch steigende Auflagen, aber auch durch die Förderung der Erneuerbaren Energien beispielsweise.

Auch Bauern sind an Wachstum interessiert, vor allem an einem Wachstum ihres Einkommens. Denn sie wollen mithalten mit dem wachsenden Einkommen der Gesellschaft und sich nicht nur betrieblich, sondern auch privat etwas leisten. Doch die Parole "Wachsen oder Weichen" ist aus ihrer Sicht so prägnant wie falsch.

Denn es geht den Bauern um etwas anderes: Optimierung. Erst einmal betriebswirtschaftlich. Hier gilt der ewige Dreiklang von Rentabilität, Stabilität und Liquidität. Jeder sucht nach dem Optimum, wobei der persönliche Charakter eine wichtige Rolle spielt. Wer das Risiko liebt, wird anders agieren als jemand, der Sicherheit sucht.

In Krisen wird deutlich, wer der Liquidität zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. Dabei ist das Optimum nie statisch, sondern wird von zahlreichen Anforderungen bestimmt: familiäre Situation, Lage des Betriebes, Natur, Wetter, Marktlage, Konsumentenwünsche, Politik, vielfältige technische Neuerungen. Manches davon übt Druck in Richtung Wachstum aus. Doch das eigentliche Ziel ist die Optimierung. Manch einer weicht auf die innerbetriebliche Optimierung aus, doch auch hier stellt sich irgendwann die Wachstumsfrage.

Kann man Wachstum und Optimierung entkoppeln? Sicherlich. Schon Ludwig Erhard verweigerte sich dem Wachstum als Ziel. Die soziale Marktwirtschaft sei nicht auf die Maximierung des Sozialprodukts gerichtet: "Sie ist auf überhaupt kein Ziel gerichtet als nur das eine, ein geordnetes Zusammenleben der Menschen zu ermöglichen, damit jeder seine eigenen Ziele mit Aussicht auf Erfolg verfolgen kann.

Glaubt eine Mehrheit von Menschen, Konsum und Wirtschaftswachstum bedeute höchste Lebenserfüllung, so wird die Marktwirtschaft die bestmögliche Verfolgung der Ziele ermöglichen, aber sie ermöglicht genauso die Verwirklichung ganz anderer Werte."

Aus heutiger Sicht hört sich das nach Hippie-Ökonomie an. Doch Erhard hatte verinnerlicht, dass Wirtschaft dem Menschen zu dienen hat, nicht umgekehrt. Und tatsächlich tut die Wirtschaft dies. Sind wir zufrieden mit dem, was wir haben? Wer verzichtet freiwillig auf die nächste Tariflohnerhöhung?

Wer heute streikt, der streikt für Wachstum. Wer Breitband fordert, setzt auf Wachstum. Wer beim Discounter einkauft, setzt auf Wachstum. Es ist eine gesellschaftliche Entscheidung. Und so gilt: Wir leben heute in der guten, alten Zeit von morgen. Aber es ist anzunehmen, dass wir auch da herauswachsen werden. Weil wir es wollen.

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