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Mechthilde Becker-Weigel Foto: Archiv

Könnte es sich beim staatlichen Tierwohllabel womöglich eher um ein Etikettchen für die Fleischverpackung als um ein Label handeln? Quelle: BMEL

Zwei Minister – pardon, einen Landwirtschaftsminister, eine Landwirtschaftsministerin, zwei Bundesregierungen und etliche Schweinegenerationen – hat es gebraucht, bis das staatliche Tierwohllabel endlich entwickelt war und von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) in der vorigen Woche vorgestellt werden konnte. Der Gesetzentwurf liegt jetzt zur Notifizierung in Brüssel (siehe Seite 8), und die ersten Produkte sollen 2020 auf den Markt kommen, sagte die Landwirtschaftsministerin bei der Vorstellung des Labels.

Der Handel wird mit seiner privatwirtschaftlich organisierten vierstufigen Initiative Tierwohl (ITW) schneller am Markt sein und will bereits im kommenden Monat starten. Die Einführung des staatlichen Labels dauert noch, aber der Medienrummel war riesig. Die Berichterstattung war sich darin einig, das Tierwohllabel abzukanzeln. Kritisiert wird allgemein die mittlerweile unübersichtliche Vielzahl der Siegel und Label und im Speziellen, dass die Anforderungskriterien dicht an den gesetzlichen Mindeststandards liegen. Für die Landwirte hinkt das staatliche Tierwohllabel noch an weiteren Stellen hinterher, weil unter anderem Regelungen zum Kastenstand, zum Schwänzekupieren und zur Kastration fehlen.

Die Teilnahme am Label ist freiwillig. Daraus entsteht ein wirklich großes Manko. Eigentlich ist man gewohnt, dass Regelungen, die von staatlicher Seite kommen, verpflichtend sind. Das könnte für den Verbraucher irritierend wirken. Eine verpflichtende Teilnahme bei höheren Kriterien als den staatlichen würde aber im Widerspruch zur Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Markt stehen. Die Exporte von Teilstücken sind ein lukratives Geschäft und finanzieren die viel zu preiswerten Edelteile mit, nach denen der deutsche Verbraucher so gerne greift. Könnte es sich beim staatlichen Tierwohllabel womöglich eher um ein Etikettchen für die Fleischverpackung als um ein Label handeln?

Mit Kritik haben auch die Ökoverbände nicht gespart, denn es gibt keine extra Biostufe. Die Stufen zwei und drei liegen in einigen Bereichen nahe an den Anforderungen der Ökolabel. Kriterien wie QS-Zertifizierung erfüllen die meisten Ökobetriebe nicht. Schwierig könnte es auch zum Beispiel bei Transportzeiten werden. Weil es keine ausgewiesene Biostufe beim staatlichen Tierwohllabel gibt, könnten konventionelle und Biobetriebe in den oberen Stufen in ihrer Bewertung gefährlich dicht  aneinanderrücken. Positiv am neuen Label ist, das Kaufverhalten der Verbraucher wird transparenter.
Mit seiner Wahl zeigt der Kunde nun, was er kaufen möchte und wieviel er zu bezahlen bereit ist.

Von den Landwirten hört man differenzierte Stellungnahmen und sie zeigen eine abwartende Haltung. Denn zu vieles ist noch nicht geklärt. Wer kontrolliert, und wie sollen die Kontrollen ablaufen? Wie hoch sind die Kosten, um die am Ende gestritten wird, bevor sie im schlechtesten Fall doch wieder beim Landwirt landen? Trotz aller offenen Fragen wurde durch das staatliche Tierwohllabel wieder einmal eine Diskussion ausgelöst. Tierwohl könnte leicht das Zukunfts-, wenn nicht das Überlebensthema für die Tierhaltung werden, egal unter welchem Label oder Etikett.

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