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Liebe Leser,

der Riese ist 1,70 m groß, 62 Jahre alt, wirkt eher schmächtig und introvertiert. Seit 2000 regiert er – mit einer vierjährigen Unterbrechung – sein Riesenreich Russland. Seither lässt Wladimir Putin keine Gelegenheit aus, die Muskeln spielen zu lassen. Selten zum Vorteil seiner Landsleute. Oft zum Nachteil für den Rest der Welt. Riesen sind, so weiß man aus Märchenbüchern in Kindertagen, mit Vorsicht zu genießen. Das haben Entscheider verdrängt, die in ihrer Einfalt vor einem diabolischen Riesen den Bückling machen oder diesen – nicht minder unpassend – umarmen.

Abhängigkeiten – von Riesen zumal – sind stets voller Risiko. Ein falscher Zungenschlag, schon ist der Gashahn zu. Eine zu nachdrücklich vorgebrachte demokratische Forderung – und der begehrte metallische Industrierohstoff „Seltene Erden“ könnte ausbleiben. Nicht anders verhält es sich in umgekehrter Richtung mit dem Export von Industriegütern und Nahrungsmitteln. Hier gilt Deutschland, ja die Europäische Union insgesamt, als Weltmeister. Jedenfalls solange das politische Fahrwasser ruhig ist. Flammen Krisenherde auf, dreht sich die Sache blitzartig.

Die Ukraine kämpft um ihre Unabhängigkeit. Russland ist das ein Dorn im Auge. Europa, die USA und weitere Länder stellen sich auf die Seite der Reformer und greifen zu Sanktionen gegen Russland. Folge:  Die Riesenreichregierung macht ihre Grenzen für Lebensmittelimporte aus den Staaten, die Sanktionen erließen, dicht (Seiten 8/9). Aus Wirtschaftspartnern wurden Wirtschaftsfeinde. Nun stellt sich die Frage, wer den längeren Atem hat. Und auch, wie lange die rund 144 Millionen Bewohner Russlands willens sind, den Gürtel noch enger zu schnallen. Momentan steht die Mehrheit zu dem Lebensmittelembargo. Regierung und Medien lassen keinen Zweifel daran, dass Russland auch ohne importierte Lebensmittel auskomme, deren Qualität sei ja ohnehin deutlich schlechter als die der im eigenen Land erzeugten, heißt es selbstbewusst an der Wolga. Wie bitte?! Könnte Russland auf die Agrarimporte – allein aus der EU haben sie einen Wertumfang von jährlich fast 12 Mrd. € – wirklich längere Zeit verzichten? Wohl kaum. Auch dann nicht, wenn Erzeugerländer Südamerikas die Importlücke zumindest teilweise schließen wollten. Ein neuer Verteilungskampf am Agrarrohstoffmarkt ist entbrannt.

Für die Europäische Union, die USA, Kanada, Australien und Norwegen ist das Embargo ein Desaster. Allein der Russlandexport macht EU-weit 10 % der Gesamtausfuhren in Drittländer aus. Bundesagrarminister Christian Schmidt spricht von einer harten Probe, auf die die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland gestellt werde. Vorsichtig ausgedrückt. Klar ist: Es gibt bei Putins Muskelspiel beiderseits nur Verlierer – das russische Volk sowie die Agrar- und Lebensmittelwirtschaft in den vom Embargo betroffenen Ländern – und nicht zuletzt deren Landwirte.

Krisen sind immer auch Chancen, sagt man. Das trifft in diesem Fall durchaus zu. Ernstzunehmende Marktexperten mahnen im Zeichen der Globalisierung schon lange, beherzter und kreativer internationale Absatzmärkte zu erschließen. Unter dem Druck des Embargos ist jetzt Gelegenheit, endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Dass es funktioniert, hat sich in diesem Frühjahr nach dem russischen Importverbot für EU-Schweinefleisch gezeigt: Ein nicht unbeträchtlicher Teil wurde nach Südostasien „umgeleitet“. Ebenso klappen sollte das bei Rind, Geflügel, Milchprodukten, Gemüse ... Europa hat viel für den Weltmarkt anzubieten – aber es darf sich durch nichts und niemanden erpressen lassen! 

Herzlichst Ihr Ralph Judisch

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