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Tonio Keller. Foto: Archiv

"Nachts hinaus, auch bei Unwetter, und Unfallopfer bergen – warum ich das mache? Weil ich es kann." Foto: Günther Richter/pixelio

Jesus gab sein Leben für uns am Kreuz. Das ist der Kern der christlichen Botschaft – eine Glaubenssache, mit der nicht alle Menschen etwas anfangen können. Aber selbst wenn dem so ist: Ist damit auch der Wert des Gebens hinfällig geworden?

Wir alle geben, tagtäglich – hier ein Trinkgeld, dort einen guten Ratschlag. In der Regel haben wir guten Grund dazu: An der Kasse geben wir Geld, weil wir etwas im Einkaufswagen haben. Dafür erwarten wir, dass die Ware einwandfrei ist, einen schimmeligen Joghurt würden wir zurückgeben. Aber geben, ohne etwas dafür zu erwarten? Am ehesten tun wir das den eigenen Kindern, der oder dem Geliebten, den Freunden, auch gegenüber dem dörflichen Gemeinwesen durch ehrenamtliches Engagement, aber da wird es langsam schon weniger, und auch die Menschen, die dies tun, werden weniger. Und erwarten wir nicht doch etwas dafür? Zumindest Anerkennung, Wertschätzung, das ist nicht zu viel verlangt!

Dass unsere Großzügigkeit nicht immer vollkommen selbstlos ist, merken wir daran, dass es uns ärgert, vielleicht sogar wütend macht, wenn andere da nicht gleichziehen, obwohl sie es unserer Meinung nach sollten. Das fängt schon beim Streit ums Geschirrspülen oder Straßenkehren in der Familie an: Warum immer ich? Der oder die hat schon lange nicht mehr! Diese Entrüstung ist nicht unsinnig. Gerechtigkeit ist ebenfalls ein hohes Gut, und so mancher Drückeberger braucht einen Schubs zu seinen Pflichten oder zumindest eine freundliche Erinnerung.

Doch gerät bei solcher Betrachtung leicht Berechnung in den Vordergrund. Wie viel ist angesagt zu geben, sodass ich auch genug bekomme? Bin ich nicht ohnehin schon zu viel im Plus? Sollen doch die anderen mal! Das Vertrackte dabei: Auf der sicheren Seite steht man, wenn man mit einer deutlichen Marge im Minus bleibt, sich aber dennoch im Plus fühlt - für andere stellt sich das natürlich umgekehrt dar. Wohin das führt, das hören wir lautstark in der Öffentlichkeit: "Wir werden benachteiligt!" – "Alles bekommen diese oder jene!" – "An uns denkt man wieder nicht!" Gewiss haben verschiedene gesellschaftliche Gruppen guten Grund zur Klage, aber ist es nicht erstaunlich, dass anscheinend fast alle unzufrieden sind, und das bei einem Wohlstand, wie er in Deutschland noch nie geherrscht hat?

Einmal andersherum betrachtet: Warum muss es für mich von Nachteil sein, wenn ich eventuell mehr gebe als andere? Zeigt das nicht, dass ich eben genau dazu in der Lage bin, dass ich über einen Reichtum verfüge – wohlgemerkt nicht ausschließlich einen materiellen –, von dem ich abgeben kann? Einen Reichtum, den ich selbst von irgendwoher bekommen habe – durch Begabung, Glück, Erfolg, Erbschaft, günstige Umstände – und der überfließen will, nicht zuletzt, damit er auch mir weiter zufließt? Wenn man abrechnet, geht die Erfahrung verloren, dass Geben reich macht.

Ein Notfallsanitäter wurde einmal gefragt, warum er das denn mache: nachts hinaus, auch bei Unwetter, und Unfallopfer bergen. Weil es ihm Spaß mache? Weil er dafür Anerkennung bekomme? Nein, er sagte: weil ich es kann. Das kann Grund genug sein, es zu tun und dankbar zu sein, dass man es kann. Dafür muss man noch nicht einmal an etwas glauben.

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