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Fleisch, so sagen Wissenschaftler, lieferte den eiweißreichen Rohstoff zum Wachstum des menschlichen Gehirns und war somit der Faktor, der den Homo (Mensch) zum sapiens (klug)machte. Heute verlegen wir den Gehirnschmalz darauf, vom Tier als Lebensmittel wegzukommen. Ob das klug ist, wird sich zeigen. Foto: pixabay

Sönke Hauschild. Foto: Archiv

Fleisch, so sagen Wissenschaftler, lieferte den eiweißreichen Rohstoff zum Wachstum des menschlichen Gehirns und war somit der Faktor, der den Homo (Mensch) zum sapiens (klug) machte. Heute verlegen wir den Gehirnschmalz darauf, vom Tier als Lebensmittel wegzukommen. Ob das klug ist, wird sich zeigen. Fleischalternativen werden zunehmend reif für den Massenmarkt, seien es Fleisch-"Pflanzerl" oder labortechnische Produkte aus Tierzellen. Dass der Hype beim Burger, einem Hackprodukt, anfängt, zeugt davon, wie weit man noch weg davon ist, ein ganzes Stück Fleisch zu kopieren. Doch sind Startups auf dem Weg, ein komplettes Gewebe zu züchten. "Meat Growers" nennen sich diese Forscher. Sie lassen Fleisch im Labor, später in der Fabrik wachsen. Kostete die erste künstliche Frikadelle 2013 noch eine Viertelmillion Dollar, so ist man heute bei 50 Dollar für ein Steak angelangt. Mit dem Preis ist eine wichtige Hürde am Schwinden. Kommt nun die Fleischwende?

Die Unternehmensberatung A.T. Kearney schätzt, dass in 20 Jahren nur noch 40 % der Fleischmenge von Tieren stammen wird, 35 % aus tierischen Stammzellen, 25 % aus Pflanzen. Es bleibt also zumindest bei der Präferenz tierischer Proteine. Die US-Denkfabrik RethinkX erwartet, dass Kunstproteine 2035 zehnmal billiger als tierische Proteine sein könnten und dass die Zahl der Rinder und die Umsätze der US-Fleisch- und -Milchbranche sich bis 2030 halbieren. Nun muss man nicht alles für bare Münze nehmen. Eines aber ist klar: Diese Produkte würden nicht mehr in einer bäuerlichen Landwirtschaft erzeugt. Profitieren werden auch keine Kleinstlabore mit Hinterhofatmosphäre. Das Geschäft rentiert sich nur, wenn Massen erzeugt werden. Das ist ganz große Agrarindustrie, kombiniert mit einer anspruchsvollen Agrarchemie.

Vieles ist ungeklärt: Was geschieht mit den nicht nutzbaren Reststoffen? Vielleicht profitiert der Energiemarkt davon. Was geschieht mit dem Dauergrünland? Was machen vor allem (Welt-)Regionen, die vom Grünland leben? Was wird aus dem ländlichen Raum? Die Menschen werden in die Städte wandern, den Arbeitsplätzen hinterher. Wie ersetzen wir Milch, Quark und Käse? Es gibt bereits pflanzliche Alternativen, deren Massenproduktion allerdings eine Menge Fläche beansprucht. Welche Folgen hat es für Staaten und Menschen, wenn wenige internationale Unternehmen von der Abholung des Rohstoffes auf dem Acker bis zum Ladenregal alles in der Hand haben? Wie versorgen wir ohne Tierhaltung die Äcker mit Nährstoffen? Mit "Bio" ist es dann wohl vorbei. Vielleicht gewinnt der Klärschlamm neu an Wert. Dann müssen aber jegliche Rückstände sicher ausgeschlossen werden. Denn die technischen Prozesse reagieren weit empfindlicher auf Medikamente oder Hormone als ein Schweinemagen. Was, wenn die Produktion stoppt, sei es wegen eines Streikes, eines technischen Störfalles, einer Kontamination, einer feindlichen Attacke? Zumindest würde die Wertschätzung für Lebensmittel kurzfristig steigen. Das wäre aber auch der einzige Vorteil.

Unsere Kultur wird sich verändern. Die natürlichen Zusammenhänge treten in den Hintergrund, Regionalität ebenso. Die Stabilität der Systeme wird fragiler. Die Bedeutung von ertragreicher Ackerfläche wird exponentiell zunehmen, die Auswirkungen schlechter Ernten auch. Und das alles machen wir noch mal warum genau?

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