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Sönke Hauschild. Foto: Archiv

Wer übernimmt die Pflege der Deiche, wenn es keine Schafe mehr in Schleswig-Holstein gibt? Foto: pixabay

Sommerferien im Jahr 2025: Die letzten Schafe sind gerissen. Dafür gibt es zwei Wochen Sommerferien zusätzlich. Nach heftigen Protesten der Eltern entfallen die Herbstferien. Doch genügte der Hinweis auf zunehmende Herbststürme, um den Protest zum Erliegen zu bringen. Den Blanken Hans will eben niemand vor der Tür haben. Kinderlose wurden verpflichtet, anteilig in die Deichsozialkasse zu zahlen. Denn auch sie profitieren von der Arbeit der Kinder auf den Hochseedeichen.

"Zwei Wochen zum Schutz der Deiche" – das ist das Motto des Kultusministeriums in Zusammenarbeit mit dem Umweltministerium und dem Landesbetrieb für Küstenschutz, bevor es dann in den auch für Kinder wohlverdienten Urlaub geht. Zwar gab es jahrelange Diskussionen, ob Kinderarbeit schon ab der 1. Schulklasse ethisch und vor allem rechtlich vertretbar ist. Aber in der Not findet Politik immer eine Lösung, und so wurden kurzerhand wesentliche Gesetze geschleift, die dem Küstenschutz im Wege standen.

Frühmorgens fahren die Kinder in Küstennähe wie gewohnt zur Schule und werden dann an die Deiche transportiert. Alle anderen erfreuen sich für zwei Wochen eines spannenden Camplebens auf Eiderstedt und anderenorts. "In dieser Zeit macht der Tourismus Urlaub", versucht die Tourismusagentur die Belegung aller Hotels in St. Peter Ording, Büsum oder Tönning schönzureden. Das gelingt zwar nur bedingt, doch weiß die Tourismuswirtschaft natürlich auch, dass es keine Alternative gibt.

Braungebrannt oder stark gerötet fallen die Kinder abends ins Bett, für Heimweh gibt es wenig Kraft und Zeit. Doch ist der Herbst 2023 mit seinen Angriffen auf die verwahrlosten Küstenschutzdeiche Warnung genug. Manch ein Kind gewinnt der Sache sogar etwas Positives ab: "Ich bin im Ballett, die Arbeit hier ist ganz ähnlich", lacht Janine aus Preetz. Und Jan aus Flensburg meint: "Beim Bolzen ist es genauso: Wir sind eine richtige Mannschaft!" Nach zehn Stunden Deicharbeit ist den Kindern die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Doch wie sagt der 42-jährige Vater Michael aus Westerhever: "Mit tun die Kinder leid, aber wir Erwachsene können das leider nicht."

Hoch und runter geht es, vor allem auf der Seeseite. Spur neben Spur laufen die Kinder. Mit ihren kleinen Füßen imitieren sie den festen Tritt der Schafe auf den Deichen. Dabei singen sie Lieder von den Schafen, die vor wenigen Jahren noch die Arbeit der Kinder übernahmen. Und sie singen vom Wolf, der hin und wieder von jenseits des stark befestigten landseitigen Zaunes zusieht.

Der Anblick des wilden Tieres spornt die Kinder trotz ihrer Müdigkeit an, nicht nachzulassen. Und natürlich die Erfahrung aus 2023, als der Deich an weiten Strecken dem Sturm "Robert" nachgab und riesige Flächen inklusive der Städte unter Wasser setzte. Damals gingen die allerletzten Schafherden verloren, die dem Wolf bis dato getrotzt hatten - wenn auch mit täglich steigenden Verlusten. Die meisten Deichschäfer hatten sich da schon anderen Tätigkeiten zugewandt. Viele von ihnen werden bis heute psychologisch betreut. Schafe hält niemand mehr. Diese Tierart ist in Schleswig-Holstein ausgestorben.

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