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Der afrikanische Löwe ist eine Gefahr für Leib und Leben. Aber in Deutschland ist dieser Gefahr niemand ausgesetzt. Foto: pixabay

Sönke Hauschild. Foto: Archiv

Fleisch ist wahrscheinlich krebserregend, ebenso der Konsum heißer Getränke oder der Friseurberuf. Sonnenstrahlen, Zigaretten und Alkohol sind sogar sicher krebserregend. Das erklärt die internationale Krebsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation. Sie untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Und das ist der entscheidende Unterschied zu anderen Ergebnissen. Es fehlt die Beurteilung der Exposition: Bin ich dem Risiko überhaupt ausgesetzt? Nur dann ist es richtig, eine Warnung auszusprechen.

Beispiel: Der afrikanische Löwe ist eine sichere Gefahr für Leib und Leben, vor allem, wenn er richtig hungrig ist. Aber ist er eine reale Gefahr für jemanden, der in Deutschland lebt? Nein. Wir sind dem Löwen nicht ausgesetzt. Die Risikobewertung lautet also: Keine Gefahr. Eine Warnung vor dem Löwen wäre in unseren Breiten vor allem unseriös und lächerlich. Wir haben berechtigterweise keine Angst vor dem afrikanischen Großjäger.

Die IARC bewertet nicht, ob ein konkretes Risiko besteht und bleibt damit in der Theorie stecken. Eine Risikocharakterisierung gibt sie nicht ab. Diese setzt sich zusammen aus der Identifizierung einer Gefahr, der Beschreibung derselben und der Einschätzung, inwiefern man einer Gefahr ausgesetzt ist. Im Vergleich zum Löwen sieht es beim Wolf mit der Exposition übrigens anders aus. Er lebt unter uns. Deshalb darf diese Gefahr nicht einfach abgetan werden, sondern es muss seriös darüber diskutiert werden, um zu einer echten Risikobewertung zu kommen. Leider endet diese politische Diskussion schon bei der Nichtidentifizierung der Gefahr.

Zurück zur IARC. Wer auf Nummer sicher gehen will, der meidet in Zukunft den Friseur und schließt damit selbst eine unbestimmte Wahrscheinlichkeit aus, an Krebs zu erkranken. Ob das sinnvoll ist, um wirklich auf Nullrisiko zu gehen, muss jeder für sich entscheiden. Die Lebensqualität erhöht es sicher nicht. Gleiches gilt für Fleisch oder Heißgetränke.

Warum orientieren wir uns am Nullrisiko? Es hat zu tun mit dem Misstrauen gegenüber Institutionen. Wer meint, jegliches Wissen sei interessengeleitet, verlangt ein Nullrisiko. Er muss es sogar. Doch in der Natur gibt es kein Nullrisiko. Bauern arbeiten mit Leben. Und wo etwas lebt, dort wird auch gestorben, früher oder später. Früher haben wir alle gelernt, Gefahren zu erkennen und zu meiden. Heute kennen wir sie nicht, aber fürchten sie umso mehr.

Campylobacter, den mit jährlich 70.000 Fällen häufigsten meldepflichtigen bakteriellen Erreger von Durchfallerkrankungen kennen weniger als ein Drittel der Deutschen. Vor Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln haben viele Angst. Erkrankungen sind hier aber unbekannt. Unsere Gefahrenwahrnehmung ist gefährlich uninformiert. Aus dieser Sackgasse müssen wir raus!

Laut Bundesinstitut für Risikobewertung fällt unter den Begriff "wahrscheinlich" des IARC alles, bei dem es zum krebserregenden Potenzial eines Stoffes noch Forschungsbedarf gibt. Genau das ist der Schlüssel zu einer echten Risikobewertung: Wissen durch Forschen. Bis dahin sollten wir das Leben genießen. Denn auch Angst kann krank machen. Und der Fleischverzehr bleibt gesünder als das Rauchen. Da nützt es wenig, dass die Zigarette vegan ist.

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