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Foto: kis

Unter einer „scheinbar schwer aufzulösenden Spannung“ stehe die öffentliche Diskussion um die artgerechte Haltung von Nutztieren. Aufladen würde sie sich zwischen dem tiergerecht Wünschenswerten und dem derzeit für die Landwirtschaft ökonomisch Möglichen.

So eröffnete die Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbandes, Brigitte Scherb, das Bäuerinnenforum, die zentrale Veranstaltung des Verbandes auf der Internationalen Grünen Woche. Es ging um die Tierwohldebatte und dabei vor allem auch um die Frage der Kommunikation mit dem Verbraucher.Dass Politiker gewählt seien, um sich der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe der Tierwohldebatte anzunehmen, betonte Dr. Maria Flachsbarth, Tierärztin und parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Sie vertrat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, der die Initiative „Eine Frage der Haltung – neue Wege für mehr Tierwohl“ gestartet hatte. Die Fachfrau betonte, dass man die wirtschaftliche Perspektive der Nutztierhaltung nicht von den Zielen des Tierschutzes und der gesellschaftlichen Debatte trennen könne. „Gesellschaftliche Akzeptanz wird sehr schnell zum harten Produktionsfaktor – dies gilt für die gesamte Wirtschaft, aber eben in besonderem Maße für die Nutztierhaltung“, so Flachsbarth. Die Initiative habe sich deshalb das anspruchsvolle Ziel gesetzt, beim Tierwohl vorankommen und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit der Nutztierhalter im Blick behalten. Denn es wäre weder den Tieren noch den Verbrauchern gedient, wenn sich die Nutztierhaltung in andere Länder verlagern würde. Das zu verhindern und Akzeptanz für die moderne Nutztierhaltung zu finden, seien die wesentlichen Ziele der Tierwohlinitiative. Dabei dürfe die Politik die Landwirte nicht allein stehen lassen, so die Staatssekretärin.

Mit dem Blick des Wissenschaftlers betrachtete Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, Präsident des Thühnen-Instituts, der zugleich als einer der einflussreichsten Berater in Deutschland zur Zukunft der Tierproduktion gilt, die Tierwohlinitiative. Er beleuchtete „Handlungsoptionen für Politik und Wirtschaft – auf dem Weg zu einer Gemeinschaftsstrategie“. Der Wissenschaftler ließ keinen Zweifel daran, dass der mit wirtschaftlichem Erfolg verbundene Trend zu größeren Beständen, höherer Tierleistung, mehr Automatisierung und zunehmender regionaler Konzentration aus betriebswirtschaftlicher Sicht auch künftig fortgesetzt werde. Genau an der Stelle aber beginne das Problem, so Isermeyer. Die Entwicklungsrichtung – schneller, höher, weiter, größer, höher – stoße, wenn es um Nutztiere, also Mitgeschöpfe gehe, bei vielen und nicht nur bei Extremisten auf Kritik. Problematisch sei, dass diese Kritik sehr breit gefächert sei. Eine Bestandsaufnahme des Thünen-Instituts zeige, es gehe nicht nur um Aspekte wie Tierwohl, Antibiotika oder Platz pro Tier. „Vielen passt die ganze Richtung mit Drinnenhaltung, immer mehr Ferkeln pro Sau, Sojaimporten, Ammoniakemissionen und Fleischkonsum an sich nicht“, so der Referent. Deshalb müsse sich die Branche dafür sensibilisieren, dass sie es mit einem sogenannten Moving Target zu tun habe. Isermeyer bezeichnete es aus diesem Grund als „hochgefährlich“, sich auf bestimmte technische Lösungen zu konzentrieren, weil man dann trotz aller Anstrengungen nicht aus der gesellschaftlichen Kritik herauskomme. „Was wir brauchen, ist eine nationale Gesamtstrategie für die Nutztierhaltung“, so der Professor. Dem Vorteil vielfältiger Aktivitäten der Landwirte vor Ort, die glaubhaft kommunizieren könnten, wie sie produzierten, stehe der Nachteil gegenüber, dass es bisher keine überzeugende Kommunikation in den großen Städten gebe. Die kritische Meinung bilde sich am Ende nämlich nicht vorrangig auf dem Lande, sondern in den Städten. Und wenn dort von den einzelnen Bundesländern, den einzelnen Parteien jeweils individuelle Ziele „in die Luft gemalt“ würden, verwirre das irgendwann. Wichtig sei es deshalb zu klären, auf welches Leitbild Tierhaltung ausgerichtet werden soll. Ohne gemeinsames Leitbild sei es schwer, die Bevölkerung hinter sich zu bekommen. Um sich dieser Zielstellung zu nähern, sei ein demokratischer Weg wichtig. Zunächst müsse die Landwirtschaft mit der Gesellschaft in einen systematischen, ergebnisoffenen Diskurs kommen, um die Frage zu klären, wie wir in Deutschland mit Nutztieren umgehen wollen. Isermeyer betonte, dass es dabei nicht darum gehe, dass Landwirte der Gesellschaft erklären, wie man mit Nutztieren umzugehen hat, sondern zuzuhören und von der „Einwegkommunikation“ wegzukommen.Die Menschen wüssten im Grunde, dass sie kein Fleisch essen wollten, das aus dem Ausland kommt und auch dass Landwirte von ihrem Beruf leben müssten. Wichtig sei es zum Beispiel, Fragen zu klären wie: „Woran wollen wir in Zukunft erkennen, ob es den Nutztieren gut geht?“ Um diesen Prozess umzusetzen, brauche man einen Katalog von Maßnahmen und vor allem „viel Geld“. Derzeit würden jährlich 5 Mrd. € mit zwar sinnvollen, aber zu vielen Einzelmodellen wie dem Tierwohllabel, der Zweiten Säule der Agrarpolitik und nun der Tierwohinitiative „mit der Gießkanne“ verteilt. Alle derzeit parallel laufenden Optionen reichten aber nicht für einen Richtungswechsel aus. Isermeyer nannte daher zwei aus seiner Sicht mögliche Gesamtstrategien: ein wirtschaftsgetragenes Szenario mit Geld, das an verpflichtende Maßnahmen zum Beispiel für den Handel, Schlachtereien und Exportbetriebe gebunden sei, und als Zweites den politischen Weg mit einer schrittweisen Verschärfung der Tierschutzgesetze und einer Politik, die „richtig viel Geld“ in die Hand nehme, um die Betriebe in die Lage zu versetzen, mit den erhöhten Auflagen klarzukommen. Ob eine solche gesamtgesellschaftliche, überparteiliche Lösung überhaupt möglich sei, wurde in der anschließenden Diskussion gefragt. Maria Flachsbarth sagte dazu: Sie fürchte, dass das Thema Massentierhaltung parteipolitisch missbraucht werde. Auch die Tierwohlinitiative gelte zunächst nur für diese Legislaturperiode.

Ute Mushardt, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus, sprach sich für mehr Unterstützung der Betriebe mit Urlaubsangeboten aus, die jährlich bei zwei Millionen Übernachtungen auf ihren Höfen in engem Kontakt mit dem Verbraucher stünden. Davon seien immerhin 70 % Vollerwerbsbetriebe. Diese Betriebe, aber auch die Verbände wie der LandFrauenverband würden die Idee der Tierwohlintitiative ehrenamtlich unterstützen. Wo bleibe das viele Geld aus der Zweiten Säule für diese Unterstützer, fragte sie. Ein Schweinehalter beschrieb, dass er seinen Tieren heute nach dem Verzicht auf das Kupieren der Schwänze weit mehr Penicillin als früher verabreichen müsse. Und das, weil verletzte Tiere, denen der Schwanz abgebissen wurde, sonst unter einer schmerzhaften Entzündung litten. Für Wissenschaftler Isermeyer ein typisches Problem im „Elend der derzeitigen Situation“ mit Einzelversuchen nach dem Motto „Try and error“. Durch die Anmerkung von Ute Mushardt und auch die Schilderung des Landwirtes fühlte er sich in seiner Forderung nach einen strategischen Miteinander von Bund und Ländern bestätigt. Nach wiederholten Beteuerungen von Landwirten aus dem Forum, sie hielten ihre Tiere artgerecht und dem resignierten Spruch: „Wir können tun, was wir wollten, dem Verbraucher wird es doch nie genug sein“, mahnte Isermeyer, dass man lernen müsse zuzuhören, was die Gesellschaft wolle. Mit einem tollen Applaus aus den eignen Reihen werde man am Ende auf der Straße nicht siegen können.  

Kathrin Iselt-Segert

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