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Auch die Lohnunternehmer hatten es schwer, ihre Kunden zeitgerecht zufriedenzustellen. Foto: Dr. Andrea Feiffer

Alles was mit „zu“ anfängt, pflegte mein Großvater zu sagen, ist von Übel. Zu viel/zu wenig, zu dick/zu dünn und so weiter. Ich habe seither noch keine Ausnahme gefunden. Aber gilt das auch für „zu“ effizient?

In diesem Jahr war Schleswig-Holstein eine Ausnahme, aber in anderen Bundesländern hat die diesjährige Ernte es uns wieder gezeigt: Wir brauchen elastische Systeme, um die Unwägbarkeiten der Witterung auszubalancieren. Eine zu starke einseitige Ausrichtung der Ernte auf höchste Effizienz kann das Ergebnis ins Gegenteil kippen. Nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Privaten sind wir heute mehr denn je effizienzgetrieben. Wir stehen unter Erfolgsdruck und wollen unsere Ziele mit minimalem Ressourceneinsatz erreichen. Das ist auch erst einmal richtig. Mit der Effizienz darf man es nur nicht zu weit treiben, weil dann das eigentliche Ziel in Gefahr gerät. Und hier läuft manches System aus Versehen aus dem Ruder, weil Effektivität und Effizienz falsche Gewichte haben. 

Das gilt auch in Bezug auf das Frühkaufgeschäft bei Mähdreschern. Effizient wäre es, wenn der neue Mähdrescher sehr viel Fläche schafft. Das senkt die Maschinen- und Lohnkosten, und man steht buchhalterisch gut da. Man wäre sowohl effektiv, das heißt man erreicht sein Grundziel (qualitätsgerecht und verlustarm ernten) und ist darüber hinaus auch hocheffizient, weil man das Ziel mit geringsten Kosten erreicht. Aber nur in einem von fünf Erntejahren trifft das auch so zu. In schwierigen Jahren wäre man mit knapper Mähdrescherausstattung zwar nach wie vor noch effizient (Erntefläche mit geringen Maschinenkosten bewältigt), aber längst nicht mehr effektiv (Ziel, qualitätsgerecht und verlustarm zu ernten, nicht erreicht). Am Ende sind die Kosten für entgangene Fallzahlen, Rücktrocknung, Schwund, verspätete Folgearbeiten, zerfahrene Äcker, schlechte Strohverteilung unter feuchten Bedingungen und so weiter sehr viel höher als die Einsparung, die ein hoch ausgelasteter, vermeintlich effizienter Mähdrescher gebracht hätte. Und natürlich funktioniert das auch umgekehrt, wenn sich ein Betrieb mit nur geringer Druschfläche einen eigenen Mähdrescher kauft. So ist er zwar effektiv (er erreicht sein Ziel – qualitätsgerecht und verlustarm ernten – unter allen Umständen), aber er arbeitet sehr ineffizient (zu hohe Maschinenkosten). Wo ist nun der optimale Punkt, um bei der Mähdrescherauslastung sowohl effektiv als auch effizient zu sein? Immer dort, wo die Maschinenkosten und die Folge- beziehungsweise Prozesskosten zusammengenommen den geringsten Wert einnehmen, siehe Abbildung 1.

Dieser Punkt ist aber in jeder Ernte woanders. Im Jahrhundertsommer 2003 wären alle mit der halben Mähdrescherflotte ausgekommen. Schon eine Ernte später, im feuchten Lagerjahr 2004, wäre die doppelte Anzahl gerade richtig gewesen. Ist es also sinnlos, nach dem sogenannten Vitalitätsfenster zu suchen, in dem  die Ernte mit der richtigen Mähdrescherkapazität nachhaltig gut läuft? Es kommt ja doch jedes Jahr anders. Im Gegenteil: Wer diesen Punkt findet, wird von Extremjahren zwar auch getroffen, aber die Folgen sind abgemildert. Die Balance stimmt, man bleibt elastisch. Und gerade das ist wichtig unter freiem Himmel.

Kosten nicht auf Hektar, sondern Tonne beziehen

Dieses Vitalitätsfenster beziehungsweise die richtige Mähdrescherkapazität für den eigenen Betrieb lässt sich umso zielgenauer finden, wenn man die Erntekosten nicht auf den Hektar, sondern auf die Tonne bezieht. Natürlich erntet der Mähdrescher zunächst Hektar ab. Nur allzu oft werden ausschließlich die Maschinenkosten je Hektar als Maß für die Effizienz herangezogen, die dann mit anderen Betrieben verglichen werden, deren Strukturen eigentlich nicht vergleichbar sind. Die „Scheineffizienz“ kann zu einer übertrieben hohen Ausnutzung des Mähdreschers verführen. Aber im Mähdrescher findet der Schnittpunkt vom Hektar zur Tonne statt. Das heißt, nach der Ernte ist der Hektar gar nicht mehr relevant, sondern nur noch die verkaufbare Tonne. Und diese Tonnen werden mit bestimmten Prozesskosten eingebracht, wo man mit Qualitäts- und Druschverlusten, mit Rücktrocknung, schlechtem Strohmanagement und Folgeaufwendungen die zu geringe Mähdrescherkapazität mitunter wieder ausbügeln muss. Diese Kosten werden dann gern den Witterungs- und Aufwuchsbedingungen überantwortet, obwohl sie im kausalen Zusammenhang mit der Mähdrescherkapazität stehen. 

Stets ist die Summe der Maschinen- und Prozesskosten das Maß der Dinge, wenn Maschinenkosten errechnet und Prozesskosten abgeschätzt werden müssen. Hierfür gibt es keine Faustzahlen. Jeder Betrieb muss sich unter Beachtung seiner betriebsspezifischen Bedingungen (Sorten- und Reifestaffelung, mögliche Druschstunden, Trocknungs-, Reinigungs-, Lagerkapazitäten, Logistik et cetera) ausrechnen, was einem Mähdrescher an Hektar zuzumuten ist, ohne dass die Einsparung an Maschinenkosten vom Vielfachen der Prozesskosten aufgezehrt wird oder umgekehrt die Einsparung an Prozesskosten von zu hohen Maschinenkosten.

Sicherheit vor Effizienz

Oft wird gefragt, ob man den Mähdrescher lieber „zu“ groß oder „zu“ klein kauft. Was denn das kleinere Übel sei, die Überkapazität oder der randgenähte Mähdrescher. Wie gesagt, alles was mit „zu“ anfängt ... Und dennoch ist ein bestimmtes Maß an Überkapazität das kleinere Übel verglichen mit dem gleichen Maß an Unterkapazität. Man erntet mit dem „zu“ großen Mähdrescher zwar mit höheren Maschinenkosten, aber diese sind kalkulierbar. Die Reserve federt jedoch schwierige Ernten ab, sodass man immer mit einem blauen Auge davonkommt. Denn die Maschinenkosten sind planbar, während die Prozesskosten unberechenbar explodieren können. Die moderne Forschung nennt das Resilienz, die Fähigkeit von Prozessen, gegenüber äußeren Einflüssen und Turbulenzen belastbar und krisenfest zu sein. Der Belgier Bernard Lietaer findet zu Recht: „In natürlichen Systemen (wie der Ernte unter freiem Himmel) herrscht eine Asymmetrie zwischen Effizienz und Belastbarkeit. Das heißt, ein System muß etwa doppelt so belastbar sein wie effizient, wenn es dauerhaft überlebensfähig sein will.“ Das ist kein Freibrief, um unser Effizienzstreben zu begraben und nun, koste es, was es wolle, Mähdrescher zu kaufen. In der Ernte geht Sicherheit vor knallharter Effizienz. Im Zweifel kauft man besser den leistungsstärkeren Mähdrescher als den schwächeren, die höhere PS-Klasse, die leistungssteigernden Assistenzsysteme und so weiter. Man ist auch bei Wachstumsabsichten zukunftssicherer. Je mehr es aufs Ganze geht, desto größer muss die Resilienz, die Belastbarkeit sein, auch wenn das Abstriche bei der Effizienz bedeutet. Und bei der Ernte geht es ums Ganze – um die gesamten Jahresaufwendungen und den gesamten Jahreserlös.

Leistungsklasse ausrechnen

Ein Beratungsgespräch beginnt oft mit der Frage: Ich will mir einen xy-Mähdrescher kaufen, wie viel Fläche muss der denn machen? Diese Frage wird für jede Region und Betriebsstruktur anders beantwortet. Nur umgekehrt wird ein Schuh daraus, indem man sich ausrechnet, welche Kapazität der zukünftige Mähdrescher für die eigene Betriebsstruktur haben muss. Als Grundlage der Berechnung werden die mittleren Druschstunden in der Ernte herangezogen. Da kann man sich auf allgemeine Zahlen, zum Beispiel des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTLB) stützen, aber besser noch auf eigene Aufzeichnungen und Erfahrungen, siehe Abbildung 2.

Ein Beispiel: Ein Betrieb im Thüringer Becken hat 780 ha (Wintergerste, Raps, Weizen). Die Wintergerste beginnt im Mittel um den 16. Juli. Das Ernteende legt der Landwirt dagegen wunschgemäß fest – wann soll die Ernte in Normaljahren abgeschlossen sein, damit alle Folgearbeiten laufen können? In unserem Beispiel ist das der 24. August. Der Betrieb hätte demnach 40 mögliche Druschtage. Wenn die Wintergerste nur geringe Flächen einnimmt und nach deren Aberntung bis zum Raps eine Pause eintritt, in der zwar Erntezeit zur Verfügung steht, aber nichts reif ist, lässt man die Wintergerste aus der Berechnung heraus. Der Beginn der Haupternte ist in unserem Beispielsbetrieb der 28. Juli mit Raps, wobei bis 24. August 28 Erntetage verfügbar sind. In dieser Region fallen etwa 50 % der Erntetage aus Witterungsgründen weg. Es verbleiben 14 Erntetage à 10 h pro Tag. Im Norden Schleswig-Holsteins wären es drei bis vier Stunden weniger, auf der Querfurter Platte dagegen noch ein bis zwei Stunden mehr. Die verfügbare Erntezeit von 140 h in mittleren Jahren ist die Ausgangsbasis, siehe  Abbildung 3.

Bei 700 ha (Wintergerste von den 780 ha abgezogen) muss der zukünftige Mähdrescher in jeder möglichen Druschstunde 5 ha leisten beziehungsweise in jeder Stunde 38 t durchsetzen. Nun variiert der Leistungsanspruch mit den Anforderungen an Korntrockenheit. Kann oder will man zum Beispiel mit 1 % höherer Kornfeuchte dreschen, stehen als Faustzahl etwa 1,5 Stunden mehr pro Tag zur Verfügung, was den Leistungsanspruch auf 4,3 ha/h beziehungsweise 33 t/h herunterschraubt. Mit diesem Leistungsanspruch könnte man sich nun beim Händler nach dem beziehungsweise den geeigneten Mähdreschern umsehen.

Technologie entscheidet

Der errechnete Leistungsanspruch (5 ha /38 t/h) setzt voraus, dass man in jeder verfügbaren Stunde auch drischt und nicht umsetzt, Pause macht, auf Abfuhrfahrzeuge wartet, repariert und so weiter. Wer zum Beispiel am Feldrand abbunkert, muss im Gegenzug schon wieder mindestens 9 t drauflegen und den Leistungsanspruch von 38 t/h auf 47 t/h beziehungsweise 6 ha/h anheben. Ebenso muss man etwa 20 % an höherer Leistung vorhalten, wenn man statt mit 1 % Druschverlusten nur mit 0,5 % ernten will. Und so erhöht sich mit jeder logistischen Schwäche beziehungsweise Gegebenheit die notwendige Mähdrescherkapazität. 

Jeder Betrieb muss für sich die Quote der Leistungsabstriche einschätzen. In der Praxis liegt sie bei 15 bis 60 %. Oder andersherum, die Auslastung der installierten Mähdrescherleistung beträgt je nach Technologie und betrieblichen Voraussetzungen zwischen 40 und 85 %.

Unser Beispielbetrieb schätzt seine Abstriche, die er aus betriebslogistischen Gründen machen muss, auf etwa 30 % ein. Demnach müsste der Mähdrescher fast 50 t/h dreschen, will er in einem normalen/guten Jahr auf der sicheren Seite sein. Das traut er sich nicht zu und arbeitet dagegen mit zwei Mittelklasse-Mähdreschern. Auch in einem durchwachsenen Jahr wie 2014 mit viel lagerndem Getreide in den südlichen Regionen schafft er die Ernte sicher. Man ist den Turbulenzen der Witterung zwar ausgeliefert, aber nicht preisgegeben. Seine Ernte ist resilient. Nicht zu unterschätzen ist auch der gesundheitliche Aspekt einer stressärmeren Ernte für Betriebsleiter und Mitarbeiter. Einen Herzinfarkt für eine scheinbare Effizienz, die sich unter dem Strich mehrerer Erntejahre letztlich als Zusatzgeschäft erweist, ist nicht erstrebenswert. Natürlich kann die Fläche des Beispielbetriebes auch mit nur einem Mähdrescher der obersten Leistungsklasse beerntet werden. Dann muss man Sicherheit mit Prozessgestaltung schaffen, durch Nachbarschaftshilfe oder Dienstleister im Rücken, Umladewagen, Eigenlagerung, Abschüttflächen, wenn die Logistik stockt, Top- und Wechselfahrer, großzügige Vorerntereparatur, Ersatzteilbevorratung, günstige Anbaustrukturen für kurze Wege, breite Reifestaffelung und beste Bestandesführung, um Ernteerschwernisse zu vermeiden.

Druschkonzept, Ausstattung und Händler

Wenn die notwendige Mähdrescherkapazität ermittelt ist, muss man sich Gedanken über das passende Druschkonzept machen. Schüttler-, Hybrid- und Rotordrescher haben ihre speziellen Vor- und Nachteile.

Die nächste Überlegung betrifft die Ausstattung wie Schneidwerksbreite, Lenkhilfe und andere Assistenzsysteme. In diesen Schritten hat man dann im Wesentlichen den Mähdrescher in Leistungsklasse, Druschkonzept und Ausstattung konfiguriert. Bleibt noch die Frage nach dem Fabrikat, die oft so gestellt wird: „... unter vier Augen, welches Fabrikat würden Sie denn ...?“. Es gibt im europäischen Konkurrenzkampf keine schlechten Mähdrescher. Es gibt nur die falsche Leistungsklasse, das falsche Druschkonzept und den falschen Händler. Das heißt, man kauft den konfigurierten Mähdrescher beim Händler des Vertrauens. Servicesicherheit seitens des Händlers steht dabei noch über der letzten Tonne Leistungskraft. Denn Servicesicherheit hat wieder etwas mit Resilienz und Belastbarkeit des Systems zu tun.

Dr. Andrea Feiffer, feiffer consult

Tel.: 03632-75 70 00, beratung@feiffer-consult.de

 

 

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