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Bei Wahl des Kriteriums Raufutter muss dieses ständig verfügbar sein. Foto: Dr. Tölle

In diesem zweiten Teil der Serie zur Initiative Tierwohl geht es um die Wahlpflicht- beziehungsweise Wahlkriterien für die Schweinemast. In Tabelle 1 sind die möglichen Kriterien mit den entsprechenden Boni aufgeführt. Aus dieser Liste kann sich jeder Mäster die Kriterien aussuchen, die er umsetzen möchte. Schweinemäster, die an der Initiative Tierwohl teilnehmen möchten, müssen eines der beiden Kriterien „10 % mehr Platz“ (alternativ auch 20 % beziehungsweise 40 % mehr Platz) oder die Gabe von „Raufutter“ umsetzen. Sie können jedoch auch beide Wahlpflichtkriterien gleichzeitig wählen.

Mehr Platz oder Raufutter

Bei den Platzkriterien (+10 %, +20 %, +40 %) geht es um die für die Tiere jederzeit uneingeschränkt verfügbare Fläche. Die entsprechend einzuhaltenden Werte sind in Tabelle 2 aufgeführt. Bei der Berechnung der Nettobuchtenfläche (Buchteninnenmaße) werden die Flächen unter Trögen, Trogabweisern, Futterautomaten, Scheuerbäumen, Zwischenwänden, Tränkeschalen und so weiter abgezogen. Aufkantungen (zum Beispiel vor Trögen) oder Stufen (zum Beispiel zwischen einem Spalten- und Strohbereich) zählen dagegen mit. Zudem ist es auch möglich, mehr Platz durch eine speziell für den Aufenthalt der Tiere vorgesehene erhöhte Ebene zu schaffen (die Rampe zur erhöhten Ebene zählt dabei nicht). Da sich die Platzvorgaben immer auf den jeweiligen Gewichtsabschnitt der Tiere beziehen, kann auch eine angepasste Buchtenbelegung mit entsprechendem Umstallmanagement zu mehr Platz führen.

Betriebsplan mit Nettoflächen

Wichtig ist, dass das gewählte Platzangebot jederzeit und in jeder einzelnen Bucht eingehalten werden muss – auch bei schwieriger Vermarktungslage. Einzige Ausnahme sind durch Tierseuchen oder ähnlich bedingte Vermarktungssperren. Für die Überprüfung der Platzkriterien ist ein Betriebsplan mit entsprechender Zuordnung der Buchten vorzuweisen. Darin müssen die Buchtenmaße mit Flächenberechnung vorliegen. Zudem muss erkennbar sein, wie viele Tiere in welchem Gewichtsabschnitt in die jeweilige Bucht passen.

Was umfasst Raufutter?

Das zweite Wahlpflichtkriterium, das Raufutter, umfasst die von der Fütterung separate Gabe von Rohfaserträgern. Dies können neben Heu, Stroh, Silagen, Stroh/Melasse-Pressformen auch Rohfaserkomponenten wie Trester, Trockenschnitzel, Schalen (zum Beispiel Sojaschalen), Kleien, Grünmehle und so weiter sein. Raufutter unterliegt den futtermittelrechtlichen Vorgaben – also auch bezüglich der Hygiene. 

Die Schweine müssen frei wählen können, ob und wie viel Raufutter sie aufnehmen. Deshalb muss die Gabe von Raufutter separat vom eigentlichen Futter erfolgen. Die Darreichungsformen sind sehr variabel: angefangen mit Raufen, separaten Trögen oder Futterautomaten bis hin zur Gabe auf dem Boden. Wichtig ist: Werden Tröge, Automaten oder Ähnliches für die Raufuttergabe eingesetzt, dürfen diese nicht gleichzeitig für die Fütterung genutzt werden.

Raufutter jederzeit verfügbar

In den Leitfäden der Initiative ist detailliert beschrieben, wie viele Tiere bei welcher Darreichungsform maximal je Gerät zugelassen sind. Beispielsweise reicht eine wandständige Raufe, die seitlich geschlossen und bis zu 30 cm breit ist, für maximal 20 Mastschweine ab 60 kg. 

Raufuttermengen sind nicht vorgegeben. Der Schweinehalter muss aber sicherstellen, dass Raufutter ständig verfügbar ist und von den Tieren ausreichend aufgenommen werden kann. Beispielsweise ist die Verabreichung von Melasse/Stroh-Presszylindern hier zwar möglich, aber allzu oft nicht ausreichend. Denn der Landwirt muss gewährleisten können, dass diese Presszylinder jederzeit nachrutschen und für die Tiere in ausreichender Menge fressbar sind. Wer dieses nicht sicher gewährleisten kann, sollte besser darauf verzichten. Grundsätzlich entscheidet bei allen eingesetzten Gerätschaften die Einstellung und Befüllung in Kombination mit dem Material darüber, ob diese Form der Raufuttergabe ausreichend ist.

Organisches Beschäftigungsmaterial

Das Wahlkriterium „zusätzliches organisches Beschäftigungsmaterial“ überschneidet sich mit dem Kriterium Raufutter. Alles das, was an Raufutter zugelassen ist, ist auch als organisches Beschäftigungsmaterial einsetzbar. Die Vorgaben, wie viele Tiere an welches Gerät passen, entsprechen ebenfalls denen von Raufutter.

Zusätzlich zum Raufutter kommen aber noch einige organische Beschäftigungsobjekte als Möglichkeit hinzu. Hier sind Holz, Jutesack, Hanfseil, Melassewürfel oder Ähnliches gemeint. Ein derartiges Objekt reicht für bis zu 20 Tiere aus. Wichtig sind auch hier die ständige Verfügbarkeit und die hygienische Unbedenklichkeit. Deshalb wird zum Beispiel ein Holz auch nicht einfach in die Bucht geworfen.

Das Kriterium „zusätzliches organisches Beschäftigungsmaterial“ bedeutet, es muss zusätzlich zum gleichzeitig gesetzlich vorgegebenen Beschäftigungsmaterial in der Bucht vorhanden sein. Hier muss es sich um unterschiedliche Materialien handeln. Wird also beispielsweise Holz als organisches Beschäftigungsmaterial gewählt, muss gleichzeitig zum Beispiel eine Kette mit Kunststoffkugel in der Bucht vorhanden sein.

Die Kriterien Raufutter und organisches Beschäftigungsmaterial können gleichzeitig gewählt werden. Um beide Boni zu erhalten, muss es sich aber um unterschiedliche Materialien handeln, die auch nicht mit einem Gerät gleichzeitig verabreicht werden dürfen. Beispielsweise wäre die Gabe von Silomais als Raufutter in Kombination mit dem Holz als organischem Beschäftigungsmaterial möglich. 

Das Kriterium Jungebermast

Beim Kriterium Jungebermast dürfen keine chirurgisch kastrierten Schweine im Betrieb sein. Ausgenommen sind hier tiermedizinisch begründete Einzelfälle – zum Beispiel Binneneber. Zudem müssen mindestens 40 % Eber, bezogen auf die gesamten Mastschweine im Betrieb beziehungsweise im Durchgang sein. Dringend empfohlen wird bei diesem Kriterium, sich im Vorfeld um eine sichere Vermarktung der Eber zu kümmern. 

Automatische Luftkühlungsvorrichtungen

Unter automatischer Luftkühlung sind stationär eingerichtete, automatische Vorrichtungen zur aktiven Kühlung der Luft zu verstehen. Hier werden in erster Linie die klassischen, über die Klimaregelung gesteuerten Hochdruckvernebelungsanlagen zum Tragen kommen. Aber auch Systeme, bei denen der Zuluftstrom runtergekühlt wird (zum Beispiel durch Erdwärmetauscher oder Wasserverrieselung et cetera), sind möglich. Einweichanlagen können nur anerkannt werden, wenn sie für diesen Zweck mit speziellen Vernebelungsdüsen umgerüstet werden und wenn sie automatisch – mindestens nach Temperatur – geregelt werden können.

Saufen aus offener Fläche

Die Möglichkeit des Saufens aus offener Fläche kann durch Schalen- oder Beckentränken ermöglicht werden. Diese können mit Aqualevel-Systemen, Nippeln oder anderen Tränkemechanismen ausgerüstet sein. Offene Tränken müssen mindestens im Tier-Tränkeplatz-Verhältnis von 1:36 vorhanden sein. Unberührt davon bleibt die gesetzliche Tier-Tränkeplatz-Vorgabe von 1:12. Im Klartext: Mindestens jede dritte Tränke muss eine offene Tränke sein und in jeder Bucht muss mindestens eine offene Tränke vorhanden sein. Für die Fütterung genutzte Futtertröge können nicht gleichzeitig als offene Tränken anerkannt werden. Offene Beckentränken in (Brei-)Futterautomaten werden nur berücksichtigt, wenn das Wasserbecken bauartbedingt (mindestens mit entsprechend hoher Aufkantung) vom Futterbereich getrennt ist.

Buchtenstrukturierung über Trennwände

Die Buchtenstrukturierung erfolgt über Trennwände in der Bucht. In jeder Bucht muss eine geschlossene Trennwand vorhanden sein, die beidseitig zugänglich ist. Jede anrechenbare Teil-Trennwand muss mindestens 1 m lang sein. Je angefangenen 20 Tieren muss mindestens 1 m Trennwand vorhanden sein. Da der Einbau einer Trennwand in kleinen Gruppen nur schwer umsetzbar ist, kann dieses Kriterium in Buchten mit weniger als 20 Tieren nur genommen werden, wenn gleichzeitig das Kriterium mindestens 20 % (oder 40 % mehr Platz) gewählt wird. 


Kriterium Scheuermöglichkeit

Das Kriterium Scheuermöglichkeit ist erfüllt, wenn in jeder Bucht eine entsprechende Vorrichtung (zum Beispiel ein Scheuerbaum) installiert, frei zugänglich  und wenn mindestens eine Scheuermöglichkeit je 50 Tieren vorhanden ist. Diese muss einen Neigungswinkel von 40 bis 60º (aus der Waagerechten) vorweisen, damit die Schweine sich auch am Rücken scheuern können. Möglich sind auch Bürstensysteme, an denen sich die Tiere (unabhängig vom Winkel) seitlich und am Rücken scheuern können. Wichtig ist, dass die Vorrichtungen – abgesehen von der hygienischen Unbedenklichkeit – auch keine Verletzungsgefahr (zum Beispiel durch vorstehende Schrauben) bergen. Das Material für einen Scheuerbaum ist nicht vorgegeben – es muss eine raue Oberfläche haben.

Beschaffenheit der Komfortliegefläche

Eine Komfortliegefläche muss weich sein, und der Schlitzanteil darf bei maximal 10 % liegen. Möglich sind hier geschlossene beziehungsweise schlitzreduzierte Flächen, die mit einer Gummimatte bedeckt sind oder mit deutlich bodendeckender Einstreu. Ein wichtiger Punkt sind die in Tabelle 2 dargestellten Mindest-Komfortliegeflächen, die analog zum Platzkriterium in einem Betriebsplan dokumentiert sein müssen.

Außenklimareiz und Auslauf

Außenklimareize sind in Offenfrontställen, Ställen mit Auslauf, Hütten- und Freilandhaltungen und so weiter gegeben. Das alleinige Öffnen von Türen und Fenstern reicht nicht aus. Außenklimareize müssen ständig – also auch ganzjährig gegeben sein. 

Der Auslauf muss jederzeit für alle Tiere gleichzeitig frei zugänglich und befestigt sein, einen Sonnenschutz für alle Tiere haben und entsprechend groß sein (Tabelle 2). Auch bei diesem Kriterium ist der Flächennachweis über den Betriebsplan notwendig. Freilandhaltung wird hier angerechnet.

Mehr zur Initiative Tierwohl findet sich sind unter www.initiative-tierwohl.de

 

Im nächsten Teil der Serie widmen wir uns der Ferkelerzeugung und -aufzucht.

Dr. Karl-Heinz Tölle

ISN-Projekt GmbH

Tel.: 0 54 91-96 65-36

toelle@schweine.net

Ole Peter Tiedje

Landwirtschaftskammer 

Tel.: 0 43 81-90 09-35

otiedje@lksh.de

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