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Das Schwein hat verschiedene Bedürfnisse, unter anderen das Bedürfnis nach Sättigung und die zeitintensive Beschäftigung mit der Futtersuche und -aufnahme. In den derzeitigen Tierhaltungssystemen ist die Haltungsumgebung eher reizarm gestaltet. Es treten zum Teil Verhaltensstörungen wie das Schwanzbeißen beziehungsweise Bekauen der Artgenossen zur Befriedigung der nicht ausgelebten Bedürfnisse auf. Um diese Problematik einzugrenzen, werden derzeit in der Wissenschaft verschiedene Strategien zur Förderung des Tierwohls diskutiert.

Ein großes Ziel besteht darin, die Schweine ausreichend zu sättigen (Füllung des Magen-Darm-Traktes) und eine Veränderung des Verhaltens zu erreichen (ruhige Tiere). Auch vor dem Hintergrund der geänderten Haltungsverordnungen für Sauen (Gruppenhaltung) wird der Fokus verstärkt auf eine geeignete Faserfütterung beziehungsweise die Ergänzung von Raufutter für Schweine als alternative Möglichkeit gerichtet. Nach dem § 25 (6) der Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung (2006) müssen tragende Sauen mit Rohfaser in einer ausreichenden Menge und Qualität versorgt werden. Trächtige Jungsauen und Sauen sind bis eine Woche vor dem voraussichtlichen Abferkeltermin mit Alleinfutter mit einem Rohfaseranteil in der TS von mindestens 8 % (zirka 7 % bei 88 % TS) oder so zu füttern, dass die tägliche Aufnahme von mindestens 200 g Rohfaser je Tier gewährleistet ist. Bei Mastschweinen sind diesbezüglich keine konkreten Anforderungen genannt.

Was können Faserstoffe leisten?

Die Wirkung der Faser ist sehr vielseitig. So beeinflusst die Faser unmittelbar über den Verdauungsvorgang die Darmgesundheit und in der Folge das Wohlbefinden der Schweine sowie die Gesundheit. Die Verdaulichkeit von Faserstoffen, das heißt schwerer verdaulichen Kohlenhydraten, ist bei Schweinen sehr stark altersabhängig. Mit zunehmendem Alter und Gewicht des Tieres steigt die Verdaulichkeit kontinuierlich an (steigende Enzymtätigkeit) (LE Goff und Noblet 2001).
Aber nicht nur die absoluten Gehalte an schwerer verdaulichen Kohlenhydraten sind entscheidend, sondern die Anteile an ganz bestimmten Bestandteilen wie beispielsweise NDF/ADF sowie die Gehalte dieser spezifischen Fraktionen im Futter (NDF = neutrale lösliche Detergentienfaser; ADF = saure lösliche Detergentienfaser) (siehe Einteilung Abbildung 1).

  • NDF: umfasst die pflanzlichen Zellwandbestandteile in einem Futtermittel -> Zellulose, Hemizellulose, Pektin, Lignin (NDF = neutral detergent fibre)
  • ADF: umfasst den unverdaulichen Teil der Zellwandbestandteile -> Zellulose und Lignin (ADF = acid detergent fibre)
  • ADL: ist nahezu identisch mit dem Ligningehalt und wird daher auch als „acid detergent lignin“ (ADL) bezeichnet
  • NSP: sind Nicht-Stärke-Polysaccharide und sind in pflanzlichen Zellwänden vorhanden. Sie können durch den tierischen Organismus nicht abgebaut werden. Es handelt sich hierbei unter anderem um Zellulose, ß-Glucane, Arabinoxylane (Pentosane), Mannane, Galaktane, Xyloglukane und Pektine.
  • BFS: ist die bakteriell fermentierbare Substanz, die den Bakterien im Darmtrakt als Ernährungsbestandteile zur Verfügung stehen
  • WHC: ist die Wasserhaltekapazität beziehungsweise das Wasserbindevermögen von Futtermitteln nach zwei Stunden. Hierbei gilt: Je mehr Wasser eine Komponente halten kann, desto stärker ist ihre Quellfähigkeit. Bei Einsatz eines Futtermittels mit einem hohen WHC-Wert kann eine stärkere Füllung des Magen-Darm-Traktes beim Schwein erzielt werden (Sättigung, Ruhe).

Zieht man bei der Berechnung den ADF-Wert von dem NDF-Wert ab, erhält man den fermentierbaren Faseranteil im FM, der die Nahrung für die Mikroflora im Darm bildet. Es geht darum, den hinteren Darmabschnitt (Dickdarm) mit einer ausreichenden Menge an bakteriell fermentierbarer Substanz (= BFS) zu versorgen. Diese schwer verdaulichen Kohlenhydrate wie Zellulose, Hemizellulose, Beta-Glucane, Pentosane, Pektine und Inuline stehen den Darmbewohnern im Dickdarm über verschiedene Faserträger zur Verfügung und fördern die Etablierung von positiven Bakterien (Milchsäure-/Bifidobakterien) und damit die Darmgesundheit (Darm = größtes Immunorgan = Immunkompetenz).

Senkung des MMA-Risikos

Darüber hinaus wird eine ausreichende Peristaltik im Darm erreicht, die Kotkonsistenz wird gezielt eingestellt, und Verstopfungen können vermieden werden (Geburtsvorbereitung bei Sauen). In der Folge kann das MMA-Risiko durch zügigere und leichtere Geburten gesenkt werden (Senkung Ferkelverluste). Außerdem wird nach der Geburt eine schnelle Futtersteigerung beziehungsweise hohe Futteraufnahmekapazität ermöglicht, indem zuvor in der niedertragenden und hochtragenden Phase quellfähige Fasern gefüttert wurden, die den Magen-Darm-Trakt voluminöser gemacht haben.
Ist der Darm gesund, so steigt die Abwehrleistung beziehungsweise Verdrängung gegenüber krank machenden Erregern wie beispielsweise E. coli und anderen Erregern an. Die Vitalität und die Leistung der Tiere können gesteigert werden. Die Zusammenhänge, die sich durch eine gezielte Faserversorgung ergeben, werden in der Abbildung 2 dargestellt.
Bei der Verdauung der fermentierbaren schwerer verdaulichen Kohlenhydrate durch Bakterien im Enddarm entstehen bakterielle Stoffwechselprodukte wie flüchtige Fettsäuren (überwiegend Essig-, Butter- und Propionsäure), die dem Schwein Energie liefern, den pH-Wert absenken und ein anhaltendes Sättigungsgefühl fördern (weniger Stress, mehr Ruhe). Neben den Rohfasergehalten, den Gehalten an NDF, ADF, ADL und der BFS können aber auch nachfolgende physikalisch-chemische Eigenschaften in der Tierernährung/-fütterung relevant sein: Löslichkeit, Wasserhaltekapazität beziehungsweise Wasserbindungskapazität sowie Viskosität und Fermentierbarkeit (Hooda et al. 2011).

Wie sind Raufutter zu beurteilen?

Unter Raufutter werden Grundfuttermittel oder Wirtschaftsfutter wie beispielsweise Stroh, Heu, Maissilage, Grünmehl/Cobs oder Luzernengrünmehl verstanden. Raufutter umfasst sowohl wasserreiche Futtermittel (Grünfutter) und anderes Saftfutter, wie Rüben oder Silage, als auch trockenes Raufutter wie Heu oder Stroh (breite Streuung der TS-Gehalte). Es wird oft auf dem eigenen Betrieb erzeugt. Wie das Raufutter auf das Schwein wirkt, wird in der Tabelle 1 dargestellt. Zunächst weckt das Raufutter das Interesse des Schweins. Es wird gerochen, betastet und mit dem Rüssel analysiert (Beschäftigung mit der Futteraufnahme). Einzelne Substanzen werden aufgenommen, eingespeichelt und abgeschluckt. Enzyme und Hormone werden aktiviert und die Sekretion im Magen- und Darmbereich gefördert. Durch das strukturierte Raufutter erfolgt im Magen eine gute Schichtung und volumenmäßige Füllung des Magen-Darm-Traktes, was zur Sättigung und Ruhe der Tiere beiträgt. Schließlich wird der Verdauungsbrei im Darm durch den hohen Anteil gering verdaulicher Faserbestandteile weitergeleitet. Die Darmwand beziehungsweise Darmzotten werden stabilisiert, indem im Bereich der Krypten ein Schutzfilm aufgebaut wird. Positive Dickdarmbewohner werden durch ausreichend fermentierbare Faser gestärkt (Eubiose). Die Peristaltik wird gefördert, und negative Erreger werden schnellstmöglich ausgeschieden.
Die verschiedenen Faserlieferanten enthalten sehr unterschiedliche Faserbestandteile und -mengen (siehe Tabelle 2). So liefert beispielsweise die trockene Weizenkleie mit 453 g NDF zirka 70 g mehr NDF als die feuchte Maissilage. Die Weizenkleie enthält zudem mit 321 g fermentierbaren Fasern (NDF-ADF) einen hohen Anteil an Bakterienfutter. Beachtet werden muss die hygienische Beschaffenheit der Weizenkleie. Maissilage liefert 194 g fermentierbare Faser. Die angegebenen Spannen in der Tabelle 4 ergeben sich aus den Kalkulationen zur Optimierung der vorläufigen NDF-Bedarfsempfehlungen.

Kontrolle des Raufutters

Raufutter muss sich bei Verfütterung in einem einwandfreien Hygienezustand und einer gesundheitsfördernden Qualität befinden. Hierzu sollten regelmäßig Untersuchungen bei der Lufa oder anderen Laboren zur Prüfung der einzelnen Inhaltsstoffe und der hygienischen Beschaffenheit durchgeführt werden. Ein positiver Effekt des Einsatzes von Maissilage besteht beispielsweise in der Wirkung der durch den Silierungsprozess entstandenen organischen Säuren. Auch durch den guten Geschmack der Silage als Raufutterkomponente werden die Sauen und Mastschweinen zum Fressen animiert. Bei Schweinen wird Raufutter allerdings nur kombiniert mit Mischfutter eingesetzt, als das sogenannte „Top-Dressing“, um eine ausgewogene und leistungsgerechte Fütterung zu gewährleisten. Unter dem Aspekt einer ausreichenden Faserversorgung und einer zufriedenstellenden Beschäftigung mit der Futteraufnahme sowie der Steigerung des Tierwohls können verschiedene Raufutter (siehe Tabelle 2) in der Schweinefütterung eingesetzt werden.
Neben den genannten Faserträgern spielen neben den zuvor genannten Eigenschaften aber auch die absoluten Gehalte der verschiedenen Kohlenhydratfraktionen eine wichtige Rolle. In den vorläufigen Empfehlungen wird für tragende Sauen ein NDF- beziehungsweise ADF-Gehalt von über 200 beziehungsweise unter 80 g/kg Futter eingestellt. Bei laktierenden Sauen sollten Werte von über 160 g NDF und unter 70 g ADF je Kilo Futter erzielt werden. In der Mastschweinefütterung werden NDF- und ADF-Gehalte von über 140 und unter 40 g/kg Futter angestrebt (siehe Tabelle 3). In sauren Mischungen (CCM-reiche Rationen oder fermentierte Futtermischungen) können geringere Gehalte an NDF und ADF toleriert werden, da diese durch die enthaltenen Säuren bereits gesundheitsfördernde Wirkungen im Magen-Darm-Trakt erreichen.

Effekte und Funktionen der Faserfraktionen 

  • verbesserte Darmperistaltik – unterstützt Darmgesundheit und Immunkompetenz
  • Steuerung der Passagerate und der Kotkonsistenz und somit verbesserte Kotabsetzung (zum Beispiel Geburtsvorbereitung bei Sauen)
  • Bildung von bakteriellen Stoffwechselprodukte bei der Fermentation (zum Beispiel FFS)
  • Erhöhung der Enzymsekretion durch mechanische Stimulierung der Darmmukosa
  • N-Fixierung im Dickdarm durch BFS – durch weniger leicht emittierbaren Harnstickstoff
  • Quellvermögen steuert die Futteraufnahme (Sättigungsgefühl) – Sauenherde ist ruhiger (zum Beispiel bei Gruppenhaltung von Sauen)
  • Gastro-Intestinal-Trakt (GIT) wird durch Quellvermögen der Faser voluminöser – kann Futteraufnahmekapazität in der Laktation positiv beeinflussen

Wie viel Raufutter anbieten?

Vorläufige NDF-Empfehlungen: 160 bis 200 beziehungsweise 130 bis 140 g NDF je Kilo Futter für Sauen beziehungsweise für Mastschweine (vergleiche Tabelle 3).
Der kalkulierte Raufuttereinsatz ergibt sich aus den unterstellten Futteraufnahmen je Tier, dem Energiebedarf pro Tag und dem Energiegehalt je Kilo Futter sowie dem anzustrebenden vorläufigen NDF-Gehalt je Kilo Futter. Um die erforderlichen Mengen an NDF bei nieder- und hochtragenden Sauen abzudecken, wäre beispielsweise täglich in niedrig versorgten NDF-Rationen eine Menge von 330 g Heu je Sau erforderlich (siehe Tabelle 4). Wenn bereits die Ausgangsration eine hohe Faserversorgung aufweist, müssten zur Beschäftigung 110 g Heu je Sau kalkuliert werden. Bei Mastschweinen wären 20 bis 75 g Heu zusätzlich, das heißt on top zum Standardfutter zu verabreichen.
Anders sähe es bei der Maissilage, dem Biertreber oder den Pressschnitzeln aus. Hier sollte eine gemeinsame Verfütterung des Raufutters über ein Schrot- oder Flüssigfutter erfolgen, zur Vermeidung von starkem Futteraufnahmewahlverhalten. Hierdurch sollen Imbalancen bei der Nährstoffversorgung und Einbußen in den Leistungen bei den Schweinen mit stärkerem Auseinanderwachsen verhindert werden. Bei den Sauen werden bis zu 1.200 g Maissilage kalkuliert und bei den Mastschweinen eine Menge von 110 bis 330 g, angepasst an die jeweiligen Bedarfswerte. Eine Einsatzmenge von 330 g Maissilage in der Endmast würde in etwa einer Menge von 6 % am Gesamtfutter mit gleicher Trockenmasse entsprechen.
Auf jeden Fall sichergestellt werden sollte die Nährstoff- beziehungsweise Energiezufuhr insgesamt pro Tag in den verschiedenen Leistungsabschnitten. Bei den tragenden und säugenden Sauen sollte trotz Verabreichung von Raufutter eine Energiezuführung von 35 beziehungsweise 43 MJ ME je Sau und Tag möglich sein. Bei Mastschweinen sollte eine Energiemenge von 24,5 bei 45 kg LM beziehungsweise 36 MJ ME bei 90 kg LM mit der Gesamtration eingehalten werden. So kann sichergestellt werden, dass die Leistung der Schweine konstant bleibt.

Dr. Gerhard Stalljohann
Landwirtschaftskammer
Nordrhein-Westfalen
Tel.: 02 51 23 76-860
Gerhard.stalljohann[at]lwk.nrw.de

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