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Die Kälber zeigten sich gegenüber den Veganern sehr kontaktfreudig. Foto: Janne Richling

Landwirte und Veganer treffen sich? Ja, ganz richtig! Initiiert wurde das Treffen in der vorvergangenen Woche vom Bauernverband Schleswig-Holstein (BVSH). Warum? Weil ein ewiges Gegeneinander, Unverständnis und Abblocken der jeweils anderen Sichtweisen niemals zu gegenseitigem Verständnis oder Akzeptanz führt.

Am Austausch nahmen acht Landwirte und drei vegane Tierrechtler teil, die der BVSH auf Facebook ausgewählt und angeschrieben hatte. Man muss dabei sauber zwischen Tierschützer und Tierrechtler unterscheiden: Tierschützer wollen unnötiges Leiden von Tieren abwenden und möchten die Tierhaltung ändern. Ihr Fokus liegt auf dem Thema "artgerechte Haltung". Tierrechtler hingegen fordern Grundrechte für Tiere und stellen sie auf eine Stufe mit dem Menschen. Die Nutztierhaltung wird nicht akzeptiert. Veganismus ist für Tierrechtler die einzig akzeptable Ernährungsform.

Redet mit, statt über uns

Treffpunkt war ein Familienbetreib im Kreis Segeberg mit Sauen, Mastschweinen, Milchvieh und Ackerbau. Hier war also alles vertreten, was die Veganer begutachten und kritisieren konnten. Zwei Veganerinnen sind extra aus Berlin angereist. Eine von ihnen ist studierte, aber nicht praktizierende Tierärztin ist. Der dritte im Bunde kam aus Hannover und steht dem Thema Landwirtschaft interessiert, aber kritisch gegenüber.

Uns Landwirten, aber auch den Veganern war von vornherein bewusst, dass wir die jeweils andere Seite von unseren Ansichtspunkten nicht überzeugen können. Aber das wollten wir auch garnicht. Das wäre eine Diskussion geworden, die zu nichts als Missmut geführt hätte. So sind wir als Gruppe durch die Ställe gegangen. Die Betriebsleiter haben jede Tür geöffnet, erklärt, was zu sehen ist und warum es so aussieht. Fragen wurden sofort beantwortet. So haben wir alle den Werdegang vom Kalb zur Kuh und vom Ferkel zum Mastschwein gesehen.

Anschließend saßen wir bei Kaffee und (veganem) Kuchen beisammen, haben den Rundgang Revue passieren lassen, kritische Themen diskutiert und wollten Vorgehensweisen sowie Alternativen zu bestimmten Punkten wissen.

Für Menschen, die sich bisher nie mit dem veganen Thema beschäftigt haben, ist es sehr schwer nachvollziehbar, wie die andere Seite tickt und was sie für Vorstellungen über oder Probleme mit der Nutztierhaltung hat. Im Laufe des Tages ist uns Landwirten dies etwas verständlicher geworden, wenn auch nicht ganz nachvollziehbar. Vom ethischen Grundsatz her sind Veganer komplett gegen die Nutztierhaltung. Neben kritischen Themen wie der reizlosen Haltungsumwelt, dem Platzangebot, dem Kastenstand, der Ferkelkastration wurde auch die Schlachtung angesprochen.

Bei jeder Haltungsform wird das Tier durch den Menschen fremdbestimmt. Der Freiheits- und Individualgedanke ist aus Sicht von Veganern nur in freier Wildbahn möglich. Sprich, domestizierte Tiere sind nicht gewollt, da in der Nutztierhaltung die Bedingungen des Lebens andere sind als die in freier Wildbahn. Es wurden die Kastenstände und "langweiliges Leben im Stall" mit dem Wühlen in der Erde unter freiem Himmel verglichen. Auch wurde eine mangelnde medizinische Versorgung von Einzeltieren erwähnt, wobei Landwirte wiederum argumentiert haben, dass es in der freien Wildbahn viel höhere Ferkelverluste und qualvolles Verenden gibt.

Horizonte erweitert

Ein weiterer Punkt, der seitens der Veganer angesprochen wurde, war, dass die Schlachtung von Tieren, die von uns Landwirten ausgesucht und zum Schlachter geschickt werden, und die Keulung eines gesamten Bestandes durch eine Pest doch eigentlich das Gleiche sei. Aus Sicht der Tiere trifft das möglicherweise auch zu, denn sie wissen nicht den Grund für die Schlachtung. "Sie werden gegen ihren Willen und zumeist aus wirtschaftlichen Erwägungen getötet", so die Veganerin weiter. Seitens der Landwirte wurde beschrieben, dass das für den Menschen jedoch etwas vollkommen anderes und viel emotionaler ist, als es dargestellt wurde. Es war interessant, beeindruckend und vielleicht auch erschreckend, wie die jeweils andere Seite darüber empfindet.

Im Laufe der Unterhaltung wollten wir von den Veganern wissen, ob sie ausschließlich Bioprodukte kaufen und von was sie sich ernähren. Regionalität, Saisonalität und Bioqualität steht bei allen drei im Vordergrund, wobei Ausnahmen nicht ausgeschlossen sind. Auch kaufen sie nicht immer Bio, da diese Produkte "auf Dauer schon ganz schön teuer sind". Einer der drei Veganer hat erwähnt, dass er Bioprodukte nicht immer besser und gesünder findet. Bezüglich Bodenbearbeitung müsse abgewogen werden, durch welche Methode weniger Lebewesen zu Schaden kommen. "Der Einsatz mit dem Pflug ist nachteilhafter als eine chemische Pflanzenschutzmaßnahme. Da müssen wir Kompromisse machen", so seine Aussage.

Wir konnten auf einer respektvollen Ebene miteinander diskutieren. Keiner wurde beleidigend oder ausfallend, sodass das vorherige Bauchkneifen der Betriebsleiter einer positiven Erfahrung gewichen ist. Die weite Anreise der Veganer wurde von allen Anwesenden anerkannt. Es hätte ja genauso gut "die Höhle des Löwen" werden können, für die Veganer genauso wie für die Betriebsleiter. Es war ein mutiges Treffen mit positiven Erfahrungen, neuen Eindrücken und Horizonterweiterungen und hoffentlich ein Anfang in Richtung Vermeidung von beleidigenden Äußerungen.

Letzteres ist gleichermaßen an uns Landwirte gerichtet. Wer Toleranz zeigt, wird toleriert. Verhärtete Fronten stoßen niemals auf plötzliche Empathie, aber durch Reden sorgt man für Interesse und ein Aufweichen der Barrikaden. Ein solches Treffen: gerne wieder

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