Bauernblatt Schleswig-Holstein
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08.05.2009 -
Milcherzeuger kritisieren Preiskampf im Lebensmitteleinzelhandel
„Tüte leer“ – die Erzeuger werden derzeit bis zum letzten Tropfen ausgewrungen.
Foto: Sönke Hauschild
„Dann geht bei uns das Licht aus!“
Wie ein Lauffeuer machte die Meldung der Lebensmittel-Zeitung vom 30. April die Runde: Aldi hat die neuen Kontrakte mit den Meiereien abgeschlossen. Rund ein Dutzend Milchprodukte, darunter Trinkmilch, Quark und Sahne, sollen nun deutlich im Preis sinken. Marktteilnehmer berichten von Abschlägen im zweistelligen Prozentbereich gegenüber den November-Verträgen. Inzwischen haben andere Händler nachgezogen.
Die neuen Verträge laufen ein halbes Jahr und gelten ab Mai. Aldi zielte in den Verhandlungen offenbar auf eines ab: den absolut niedrigsten Einkaufpreis. Man will nicht, dass Konkurrenten die Trinkmilch billiger einkaufen. Das war in der Vergangenheit teilweise der Fall. Es wird nun erwartet, dass Aldi die niedrigeren Einkaufspreise wie üblich an den Verbraucher durchreicht. Allein der „Kundenköder“ Trinkmilch soll im Preis um 6,5 Cent je Liter sinken. Ein Liter fettarme Milch könnte dann 43 Cent, ein Liter Vollmilch 49 Cent kosten. Vor allem Meiereien mit einem hohen Anteil an Trinkmilch und Frischeprodukten werden ihren Milchauszahlungspreis stark senken müssen.
Erwartet wird zudem, dass die Aldi-Kontrakte „wie üblich“ Vorbildfunktion für Konkurrenzunternehmen haben – mit dramatischen Folgen: Der Milchauszahlungspreis könnte flächendeckend unter 20 Cent pro Liter fallen, befürchteten Branchenbeobachter und rechnen damit, dass die Verarbeiter verstärkt über Kooperationen und Fusionen reden. Das Bauernblatt hat Landwirte und Meiereien gefragt, wie sie auf diese Nachricht reagieren.
Rainer Benthien weiß, dass der Markt Preisschwankungen mit sich bringt: „Wir sind jetzt da, wo die Schweinehalter schon lange sind – im Markt.“ Und das bedeutet im Moment: ganz unten. Die Milch macht’s nicht im Moment, und so ist Benthien mit seiner Frau Margret überein gekommen, den 48-Hektar Betrieb mit 40 Milchkühen auf Kosten der eigenen Ersparnisse über Wasser zu halten. Lange geht das aber nicht mehr gut, meint Margret Benthien. Urlaub ist nicht drin, geschweige denn ein neues Auto. Doch auch die Investitionen in den Betrieb müssen jetzt zurückstehen. Zwar erwirtschaftet der Betrieb in Appen bei Hamburg mit dem Unterstellen von Pferden ein Zusatzeinkommen, doch reicht auch das bei diesen Milchpreisen hinten und vorne nicht.
30 bis 35 Cent benötigt Benthien, 22 gibt es von der Nordmilch. Und das ist noch viel. Benthien wird seine Kündigung bei der Meierei zurückziehen. Er möchte Milcherzeuger bleiben, auch wenn die Hamburger Randlage gute Voraussetzungen bietet, die Pferdehaltung auszudehnen. Doch die Lage allein reicht nicht. Auch dafür sind Investitionen notwendig, die er nicht bewältigen kann. Denn dieses Geld nimmt im Moment der Tankwagenfahrer mit, jeden Tag etwas mehr.
Zwei Höfe hat Nico Hellerich im Lauf der vergangenen 20 Jahre übernommen. Damit bildet er genau den Strukturwandel in dieser Zeit ab. Doch nun befürchtet der Wewelsflether, dass es auch ihn treffen könnte. Hellerich erzeugt auf 85 Hektar in der Wilstermarsch 550.000 kg Milch und bekommt von der Breitenburger Milchzentrale in Itzehoe 19 Cent für den Liter. „Viel zu wenig“, meint der Landwirt.
Auch Hellerich sponsert derzeit den deutschen Milchverbrauch, und zwar mit 300 Euro täglich, die aktuellen Preissenkungen durch den Handel noch nicht eingerechnet. Zwar habe die Wilstermarsch traditionell den Vorteil, dass die Milch dort zu sehr geringen Kosten erzeugt werde. Doch könne man nun die Kosten auch nicht weiter senken, gibt er zu bedenken. Er braucht 31 Cent, um zurechtzukommen.
Was ist zu tun? „Wir schieben die Reparaturen. Neuinvestitionen sind gar nicht mehr drin“, erklärt Hellerich. Oberstes Gebot ist es, die Liquidität zu sichern. Und das fällt zunehmend schwerer. Notfalls muss die Bank helfen, stellt sich Hellerich auf einen schweren Gang ein. Unter seiner Regie ist der Betrieb von 20 auf 80 Kühe gewachsen. Dass auch dieses Wachstum keine Zukunftssicherheit bietet, ist für ihn „ernüchternd“. Dennoch ist Nico Hellerich überzeugt, dass der Familienbetrieb auch im Markt unschlagbar bleibt, weil er die Kostenbelastung in schweren Zeiten besser abpuffern kann. Hellerich hat deshalb „kein Problem mit dem Markt“. Der Milcherzeuger kritisiert aber: „Was da im Moment abgeht, ist kein Markt!“ Er meint den Lebensmittelhandel, der die Meiereien gegeneinander ausspielt.
Mit Unverständnis beobachtet er, dass trotzdem jede Meierei meint, „alles richtig zu machen“. Hellerich fordert die Vermarkter auf, jetzt aktiv zu werden, nach dem Raiffeisen-Motto: „Eine für alle“. Die Meiereien müssten sich zusammentun und gemeinsam am Markt auftreten. Als Hoffnungsschimmer deutet er die Meldung aus Itzehoe, dass die Käseproduktion derzeit wieder hochgefahren wird. Doch der Wilstermarscher bleibt vorsichtig: In der Wirtschaftskrise sei das Käsegeschäft „hochspekulativ“ geworden. Und diese Wirkung entlädt sich auf seinen Betrieb.
Bent Jensen-Nissen und Olaf Jürgensen haben den Betrieb der Zukunft im Kopf und kräftig daran gebaut: 250 Kühe, 2,3 Mio kg Quote, 90 Hektar Grünland und 150 Hektar Acker. Sie wirtschaften seit 1999 in einer GbR, die sich auf Milch spezialisiert hat. Der Erfolg gab ihnen Recht. Der Betrieb in Friedrichsau konnte in den vergangenen zehn Jahren aus sich heraus wachsen, sogar in schlechten Zeiten wurden Reserven gebildet. Doch das jüngste dreiviertel Jahr hat alles „aufgefressen“, was an Liquidität auf dem Betrieb war.
„Wir verbrennen 15.000 Euro im Monat“, berichtet Jensen-Nissen aus dem Alltag eines Zukunftsbetriebes. Und die Nordmilch kündigt schon sinkende Auszahlungspreise an. „Wenn das so bleibt, dann gehen bei uns im nächsten Jahr die Lichter aus“, zeigt er die Dramatik dieser Zahlen auf. Auch Jensen-Nissen setzt etwas Hoffnung in den Käsesektor, in dem sich die Läger momentan leeren. Doch braucht die GbR gut 32 Cent, um zurechtzukommen. Davon wird sich der Auszahlungspreis noch lange fernhalten, befürchten die Gesellschafter. Und das tut weh, denn die Kosten laufen unvermindert weiter.
Inzwischen hat die GbR die Familien der Partner mobilisiert, um die Arbeitskosten zu senken. 2,5 Fremd-AK sind für diese Betriebsgröße ein niedriger Wert. Um die Liquidität zu sichern, wurde ein Zwischenkredit in Anspruch genommen. Das enge Verhältnis zur Hausbank bewährt sich in dieser Zeit. Das gilt auch für die Investition in ein zweites Standbein. Auch dieses „schmeckt“ nach Milch. Jürgensen erklärt, dass man mit einem dritten Partner in Biogas investieren werde, eine Hofanlage mit 250 kW. Damit soll der energetische Wert der Gülle in einen monetären verwandelt werden. 50 Prozent Gülle ist ein hoher Anteil und zeigt, dass die Milch weiter die Hauptrolle im Betrieb spielen soll. Steigende Pachtkosten für Ackerland führen dazu, dass die Flächenverwertung an Bedeutung gewinnt. „Ein hohes Ergebnis ist nur mit Biogas möglich“, resümiert Jensen-Nissen nachdenklich.
An die Meiereien richten Jürgensen und Jensen-Nissen die „dringende Aufforderung“, Verarbeitung und Verkauf zusammenzufassen. „Wir brauchen endlich ein Ergebnis, das den Betrieben hilft“, meint Jensen-Nissen und fordert eine Zusammenarbeit aller Vermarkter in Norddeutschland. Die Milchwirtschaft müsse in Preisverhandlungen einstimmig auftreten. Das geplante Verkaufskontor zwischen der Nordmilch und Humana könne da nur ein allererster Schritt sein. Noch steckt man nicht den Kopf in den Angelner Sand. Doch klar ist: Es muss sich etwas ändern – zügig. Der Weg „Zurück in die Zukunft“ führt in der Friedrichsauer GbR nur über einen steigenden Preis.
„Die Lage ist bescheiden“, korrigiert Henrik Butenschön einen weitaus kräftigeren Ausdruck aus seinem Mund. 25 Cent brauche er, ohne Lohn und Abschreibung gerechnet. Die Barmstedter Meierei zahlt im Moment 18 Cent. „Ganz kribbelig“ wird seiner Frau Katja manchmal angesichts dieser Preise. Doch ist Butenschön überzeugt, dass „nach jedem Regen wieder die Sonne scheint“. Und so zieht der 160-Kuh-Betrieb mit 1,3 Mio. kg Milch seinen Investitionsplan durch. In Bargstedt wird in antizyklisch in einen neuen Stall investiert. Katja Butenschön nennt als „Bankerin“ die Vorteile der Krise: „Die Zinsen befinden sich auf einem Rekordtief, Bauunternehmen haben nichts zu tun, und die Baustoffe werden günstiger.“
Ist alles eine Frage der Sichtweise? Butenschön zumindest betrachtet die Milchpreise im Dreijahresschnitt. Und damit kommt er – noch – zurecht. Im guten Jahr 2007 hat er Geld mitgenommen, das jetzt beim Stallbau hilft. Auch nutzt er die Vorteile eines Familienbetriebes: Die Mitarbeit der Eltern und Schwiegereltern spart knappes Geld. Nicht nur als Ärgernis, sondern gar als Bedrohung sieht der Milcherzeuger aber die Flächenkonkurrenz durch die Biogasanlagen. Er wird deutlich: „Die Pachtpreise sind schon heute für Milcherzeuger nicht mehr bezahlbar“, kritisiert er das Ungleichgewicht zwischen der garantierten Einspeisevergütung für Biostrom und den sinkenden Preis für Milch. Um den Kostendruck durch Biogas zu lindern, fordert er, eine Förderung der Weidehaltung über Modulationsmittel.
Doch was ist mit den Erträgen? Henrik Butenschön ist ehrenamtlich in der Meierei Barmstedt engagiert. Und er weiß, dass die Meiereien „mehr zusammenarbeiten, als man denkt“. Doch auch er kritisiert, dass Schleswig-Holstein den Anschluss an den Markt verpasst habe. „Wir müssen mit höherwertigen Produkten in den Markt.“ Durchaus selbstkritisch sagt der Milcherzeuger: „Ehrenamt und Hauptamt in den Meiereien müssen sich mehr bewegen.“ Als „größten Feler“ bezeichnet er den Milchstreik im sommer 2007. Dieses habe dem Milchabsatz langfristig geschadet. Die betrieblichen Investitionen sind ein Zeichen von Zukunfts-Mut: Doch auch Butenschöns, die „aus der Krise herauswachsen“ wollen, wird der Gang zur Bank am Ende des Jahres nicht erspart bleiben, sollte der Milchpreis bis dahin auf Tauchstation bleiben.
Fazit:
Die Milcherzeuger sind sich einig: Bleiben die Auszahlungspreise bis Ende des Jahres auf diesem oder gar einem niedrigeren Niveau, dann gehen bei ihnen die Lichter aus. Das verkraftet kein Betrieb. Der Auszahlungspreis muss nachhaltig über 30 Cent liegen. Damit kommen „Groß und Klein“ zurecht. Die Meiereien müssen (noch) mehr zusammenarbeiten, um der Marktmacht des Handels eigene Stärke entgegenzusetzen. Soll in Schleswig-Holstein weiter Milch erzeugt werden, müssen die externen Kosten runter. Dazu gehört die Biogasförderung auf den Prüfstand.
Sönke Hauschild





