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Schleswig-Holstein


Zum Buch 37 Jahre Titelfotografie

Pferd und Reiter

16.11.2012 -  

Eingliederung von Neulingen in eine bestehende Herde

Bild - Eingliederung von Neulingen in eine bestehende Herde

Erfolgt die Eingewöhnung im Winter, muss auf ausreichend Ausweichfläche geachtet werden. Foto: Morell


Der „Neue“ im Stall


Wenn ein neues Pferd in den Stall kommt, bedeutet das immer eine turbulente Zeit für Vier- und Zweibeiner. Um unnötigen Stress und Verletzungen zu vermeiden, sollte die Eingewöhnung sehr behutsam vorgenommen werden.


Neben der bedarfsgerechten Fütterung mit qualitativ hochwertigen Futtermitteln und sauberen Liegemöglichkeiten sind täglicher Auslauf, viel frische Luft sowie Kontakt zu Artgenossen sehr wichtige Voraussetzungen für die Gesunderhaltung von Pferden.


Pferde fühlen sich nur in der Herde wirklich wohl und sicher, daher stellt die Haltung in Gruppen die artgerechteste Form der Pferdehaltung dar. Als Konsequenz für die Praxis erfolgt die Unterstellung idealerweise in einem Offenstall. Bei dieser Haltungsform teilen sich einige Pferde gemeinsam Stall und Auslauf, dabei können sie selbst entscheiden, in welchem Bereich sie sich gerade aufhalten möchten.


Bei sogenannten Bewegungsställen handelt es sich um Offenställe mit zusätzlichen Bewegungsanreizen für die Vierbeiner. Dies wird beispielsweise durch möglichst große Entfernungen zwischen Futterplatz, Liegefläche und Tränke gewährleistet. Häufig sind zudem Hindernisse in Form von Raumteilern oder Abtrennungen so installiert, dass die Pferde gezwungen sind, weitere Strecken täglich zurückzulegen als in einem „normalen“ Offenstall.


Rangordnung in jeder Pferdeherde


Wenn die Unterbringung in einem Offen- oder Bewegungsstall, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich ist, muss den Pferden eine andere Möglichkeit geboten werden, ihre Sozialkontakte zu pflegen. Während der Vegetationsperiode kann dieses Bedürfnis relativ einfach durch gemeinsamen Weidegang erfüllt werden, in den übrigen Monaten sollten den Pferden Gemeinschaftsausläufe zur Verfügung stehen, wenigstens für ein paar Stunden pro Tag.


In natürlich lebenden Herden übernimmt meist die älteste Stute die Leitung der Herde, das ranghöchste Mitglied ist jedoch ein Hengst. In der praktischen Pensionspferdehaltung ist diese Geschlechterkonstellation selbstverständlich nicht möglich. Wallache und Stuten werden entweder gemeinsam oder getrennt voneinander gehalten. Hengste müssen meist ein Einzeldasein fristen, nur wenige verstehen sich mit anderen Wallachen oder gar Hengsten. Die Rangordnung jeder Herde ist individuell und unter anderem beeinflusst durch Alter, Geschlecht, Geschicklichkeit und Mut.


Ist die Rangordnung einer Gruppe erst einmal festgelegt, dann kehrt für einige Zeit Ruhe ein. Das bedeutet aber nicht, dass alles immer friedlich ist. Immer wieder kommt es zu Rangeleien und kleinen Kämpfen untereinander, häufig auch „nur zum Spaß“. Diese Verhaltensweisen sind ein wichtiger Bestandteil des Pferdelebens und dürfen ihnen nicht durch Einzelhaltung vorenthalten werden. In einer Herde mit stabiler Rangordnung sind ernsthafte Verletzungen eher selten. Wird jedoch ein neues Mitglied in die Herde integriert, kann es unter Umständen zu heftigen Kämpfen unter den Vierbeinern kommen.


Neues Mitglied vorsichtig integrieren


Kommt ein neues Pferd in eine stabile Herdengemeinschaft, so ist es ganz natürlich, dass Rangordnungskämpfe stattfinden. Jetzt liegt es an den Stallbetreibern und Pferdebesitzern, durch behutsames Zusammenführen des neuen Mitgliedes mit der Herde das Risiko von Verletzungen so gut wie möglich zu verringern.


Für den „Neuen“ ist in dieser Zeit der Stress besonders groß. In der Regel hat er gerade einen Stallwechsel hinter sich gebracht und musste vielleicht eine Pferdefreundschaft aufgeben. Die gesamte Umgebung ist ihm fremd, die neuen Artgenossen ebenso. Hat es zudem noch einen neuen Besitzer, so muss dem Pferd besonders viel Zeit für die Eingewöhnung gegeben werden. Nach der Ankunft im neuen Stall sollte das Pferd sich alles in Ruhe anschauen dürfen, mit genügend Sicherheitsabstand zu den neuen Artgenossen.


Es ist außerdem sinnvoll, in dieser Zeit in Absprache mit dem Pferdebesitzer eine Wurmkur zu geben, damit nicht unnötig viele Würmer eingeschleppt werden. Der Stallbetreiber sollte sich vom Besitzer bestätigen lassen, dass das neue Pferd keine ansteckenden Krankheiten hat. Bei Zweifeln kann er auch eine tierärztliche Bescheinigung verlangen.


Ist das Pferd in einer Box untergebracht, so muss es zunächst die neuen Nachbarn kennenlernen. Dabei ist gute Beobachtung seitens des Stallbetreibers und des Pferdebesitzers insbesondere in der Anfangszeit wichtig. Drohen die benachbarten Pferde dem Neuling ständig oder greifen diesen an, kann es sinnvoll sein, die Boxenabtrennung zu erhöhen, wenn hierzu die Möglichkeit besteht. Nach einer gewissen Zeit wird sich dieses Verhalten in der Regel normalisieren.


Der nächste Schritt besteht darin, das neue Pferd mit Artgenossen in einem gemeinschaftlichen Auslauf zusammen zu bringen. Idealerweise erfolgt eine Eingewöhnung in den Sommermonaten auf einer großzügigen Weide. Bei Unstimmigkeiten bleibt so genügend Platz für die Vierbeiner, um sich aus dem Weg zu gehen. Außerdem ist das saftige Gras meist interessanter als der Neuzugang.


Anfangs sollte der Neuling mit nur einem einzigen, möglichst verträglichen und ruhigen Pferd zusammen auf die Weide gebracht werden. Idealerweise haben sich diese beiden bereits kennengelernt, vielleicht als Boxennachbarn. Nun gilt es, zu beobachten, wie die Pferde sich verhalten. Kurze Drohungen und auch Angriffe sind durchaus nicht ungewöhnlich, wilde Keilereien sollten aber durch den Pferdebesitzer oder Stallbetreiber durch lautes Rufen und Knallen (nicht Schlagen!) mit einer langen Peitsche abgebrochen werden. Vorsicht, der Mensch muss immer ausreichend Abstand wahren, damit er nicht selbst „unter die Hufe“ gerät. Ist diese erste Zusammenführung gelungen, so werden nach und nach mit derselben Vorgehensweise die anderen Herdenmitglieder dazu gestellt, bis die Herde komplett ist.


Besonderheiten bei der Offenstallhaltung


Ein neues Pferd in eine Offenstallherde zu integrieren, funktioniert vom Prinzip her ähnlich wie bei Boxenpferden. Idealerweise befindet sich im Liege- oder Fressbereich des Offenstalls eine Eingewöhnungsbox, die Sicht- und Schnupperkontakt zulässt. Auf eine stabile Bauweise muss unbedingt geachtet werden, damit beim Ausschlagen kein Pferd Verletzungen davonträgt. Sogenannte mobile Boxenpanels (aus Eisenrohen) sind für diesen Zweck eher ungeeignet, da hier sehr leicht die Pferdebeine zwischen die Rohre gelangen können. Auch in diesem Fall erfolgt die Zusammenführung idealerweise auf der Weide, ebenfalls möglichst mit einem einzelnen, verträglichen, rangniederen Mitglied der bestehenden Herde. Die ersten paar Wochen sollten die Pferde hauptsächlich gemeinsam auf der Weide verbringen. Die Zeit im Offenstall sollte zu Beginn nur sehr kurz sein und erst langsam gesteigert werden. Grund dafür sind die Strukturen in einem Bewegungs- beziehungsweise Offenstall. An Futter,- Tränke- oder Liegeplätzen treffen meist viele Pferde aufeinander, hier ist die Gefahr von Streitigkeiten besonders hoch.


In vielen Offenställen werden, insbesondere aufgrund arbeitswirtschaftlicher Vorteile, Futterautomaten eingesetzt, sowohl für Rau- als auch für Kraftfutter. Es ist wichtig, das neue Pferd mit diesen Automaten vertraut zu machen. Da dies je nach Pferd sehr zeitaufwändig sein kann und sich unter Umständen nicht so einfach mit dem Tagesgeschäft vereinbaren lässt, kann es sinnvoll sein, diese Aufgabe nach erfolgter Einweisung dem Pferdebesitzer zu überlassen, zumal das Pferd zu diesem in der Regel mehr Vertrauen hat. Ist der Besitzer aus Zeit- oder sonstigen Gründen nicht bereit, diese Aufgabe zu übernehmen, so besteht die Möglichkeit, die Gewöhnung an die Futterautomaten gegen eine zusätzliche Gebühr anzubieten.


Eingewöhnung im Winter schwieriger


Im Winter ändert sich oft die Weidesituation. Winterausläufe sind häufig aus Platzgründen relativ klein dimensioniert. Das erschwert die Eingewöhnung ungemein, da bei Unstimmigkeiten zwischen den Vierbeinern der Platz zum Ausweichen fehlt und das „Opfer“ unter Umständen kaum Möglichkeiten zum Fliehen hat. Schlimme Biss- und Trittverletzungen können die Folge sein. Zudem sind bei kalten Temperaturen die Pferde oft „übermütig“, was das Verletzungsrisiko zusätzlich erhöht. Es ist daher anzustreben, nur in den Sommermonaten neue Pferde aufzunehmen, was aber aufgrund betriebswirtschaftlicher Zwänge nicht immer möglich ist. Auf jeden Fall sollte man bei der Eingewöhnung in der schlechten Jahreszeit besonders sorgsam vorgehen und den Pferden mehr Zeit lassen.


Sven und Peggy Morell


 


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