Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Pferd und Reiter

27.08.2010 -  

Das Gestüt "Llaun"

Bild - Claudia Gerling gibt ängstlichen Reitern den Mut zurück
© Fotos: Karin Drewes

 Hoch oben auf dem „Hasenberg“, mitten in der Holsteinischen Schweiz, liegt das Gestüt Llaun. „Llaun“ heißt  so viel wie hoffnungsvoll, stimmungsvoll und heiter. Das passt zu diesem idyllischen Ort, der zugleich eine Oase für Wieder- und Späteinsteiger ist. Denn Gestütsinhaberin Claudia Gerling bietet für jeden ein passendes Pferd und ein individuelles Reitkonzept an.So auch bei der 43-jährigen Patricia Böhme aus Hamburg, die seit vier Wochen jeden Sonntag nur des Reitens wegen nach Ostholstein kommt. „Ich habe etwas gesucht, das auf mich zugeschnitten ist“, so die Hamburgerin. „Außerdem haben es mir Claudia Gerlings Welsh Cobs angetan: nicht zu klein, elegant und ausgeglichen, und mit 150 cm Stockmaß ist die Sektion D das ideale Allround-Pferd für alle Disziplinen des Reitens und Fahrens.“


Die Späteinsteigerin Patricia hat einen stressigen Job in der Filmbranche und suchte einen Ausgleich in der Freizeit. Viele Ställe in und um Hamburg schaute sie sich in der Vergangenheit an, und überall fand die Hamburgerin das Gleiche. In mehr oder weniger großen Gruppen ritt man hintereinander her, immer an der Bande entlang. Patricia war ängstlich und hat deshalb immer wieder aufgehört. Auf dem Gestüt von Claudia Gerling dagegen befasst man sich mit dem Problem. Bodenarbeit, Handling und viele Übungen zur Losgelassenheit, wie etwa Traben nach einem Strickmuster: zweimal aussitzen, einmal aufstehen. Dabei legt Claudia Gerling besonders viel Wert darauf, dass ihre Pferde weich im Maul bleiben und Spaß an der Arbeit haben.


An diesem Sonntag kam für Patricia ein weiterer Schwierigkeitsgrad hinzu. Zum einen regnete es, sodass der Rasenplatz leicht rutschig wurde und auf dem Sandplatz weitertrainiert wurde. Dieser grenzt an die nahe gelegene Weide, auf der zwei Hengste stehen. Patricia ritt die bildhübsche 15-jährige zweifache Landessiegerin mit dem schönen Namen „Llaun Sidan Llwyd“. Die Hengste wieherten von den Weiden, und „Sidan“ antwortete. „Früher wäre ich nicht auf einem wiehernden Pferd geblieben, sondern runtergesprungen. Heute reiße ich mich zusammen und stehe es durch“, erzählt Patricia stolz.


Unterstützung bekommt sie von Gestütsinhaberin Claudia Gerling, Sonderpädagogin mit Zusatzqualifikation Therapeutisches Reiten und Trainer C, Reitpädagogikausbilderin und Reitlehrerin an den Volkshochschulen in Oldenburg, Lütjenburg und Lensahn. Davon konnte sich auch Julia Thieme, Mutter der fünfjährigen Maja, überzeugen. Maja leidet unter Zerebralparese, einer Bewegungsstörung des Nerven- und Muskelsystems, und kommt einmal in der Woche auf das Gestüt Llaun. Dann vergessen Mutter und Tochter für eine Stunde ihr hartes Schicksal. Fröhlich turnt Maja auf dem Pferd, fast wie ein gesundes Kind. Ihr Lachen schallt über den Platz, und mit einem Schnalzen spornt sie ihr Pferd zum schnelleren Gehen an. Auch Späteinsteigerin Julia Boksch und ihre fünfjährige Tochter Erna aus Kiel kommen auf das Gestüt nach Nessendorf. Als Zahnärztin hat auch sie, ähnlich wie Patricia Böhme, einen sehr zeitintensiven Beruf und ist zudem noch sehr ängstlich. Aller Angst zum Trotz stieg sie nun aber doch wieder in den Sattel und trabte sogar in ihrer ersten Stunde. Das freute besonders Tochter Erna, die mittlerweile schon recht sicher auf dem Pferd sitzt.


Wieder- oder Späteinsteiger auf ein Pferd zu setzen, heißt also nicht: Man nehme ein altes, müdes Schulpferd und erkläre dem total verängstigten Reiterneuling, wo und wie man zieht, sondern man muss motivieren können. Wie in den Reitstunden bei Claudia Gerling. Hier gibt es individuellen Reitunterricht in kleinen Gruppen nach verschiedenen Lernmethoden und reitpädagogischen Modellen.


Die vierbeinigen Therapeuten, allesamt selbst gezogen, leben artgerecht in Offenstall- und Weidehaltung. „Ich habe mein Leben den Pferden gewidmet“, so Claudia Gerling, und sie fand dabei eine Aufgabe, die Pferd und Mensch zusammenführt. Die Freude der Pferde an der Arbeit ist wichtig, um ihren guten Charakter zu erhalten. „Jede Begegnung ist immer wieder neu und immer wieder spannend“, sagt Claudia. Neu in ihrem Angebot sind Ausritte von Mutter und Tochter oder Vater und Sohn. Dabei begleitet sie das Kind auf dem Pferd, etwa als Handpferd. Außerdem besteht reges Interesse an Wanderritten über zwei bis vier Tage und an Hunter-Kursen, die demnächst ins Programm aufgenommen werden.


Karin Drewes


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