Pferd und Reiter
13.08.2010 -
Frühzeitige Erkennung von Hufrehe kann Schlimmeres vermeiden
Fette Wiesen locken die Pferde mit ihrem saftigen Gras, doch das grüne Vergnügen birgt eine extreme Hufrehegefahr.
Leckere grüne Weiden bergen Gefahr
Die Wiesen locken mit ihrem saftigen Gras, und die Pferde lieben das Frischfutter. Doch das grüne Vergnügen birgt eine extreme Hufrehegefahr. Die Folgen sind oft schwerwiegend und für Pferd und Besitzer mit langen Behandlungsodysseen verbunden. Trotz aller möglichen Therapien ist die Hufrehe unberechenbar und bleibt oftmals ein dauerhafter Pflegefall.
Die verschiedenen Ursachen, Krankheitsgrade und Verläufe machen eine Reheerkrankung der Hufe unberechenbar und stellen Tierärzte, Hufschmiede und Pferdehalter immer wieder vor eine große Herausforderung. Doch es gibt Erkenntnisse zu den Ursachen der Hufrehe, sodass einer Erkrankung vorgebeugt werden kann, und es gibt Behandlungsmethoden. Ausschlaggebend für die Zukunft eines Pferdes ist, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist. Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung hilft, Schlimmeres zu verhindern.
Ursachen für die Entstehung der Hufrehe
Die Hufrehe ist eine komplexe Erkrankung, die den gesamten Körper betrifft und letztendlich im Huf sichtbar wird. Eine Hufreheerkrankung kann durch viele Faktoren verursacht werden. Sieben Ursachen kennt Dr. Kampmann von der Tierklinik Wahlstedt: „Angeführt wird die Liste durch die Hufrehe, die durch einen Fütterungsfehler verursacht wird. Das geschieht zum Beispiel, wenn wir unsere Pferde auf die saftigen, fetten Wiesen stellen und das Pferd plötzlich große Mengen Kohlenhydrate aufnimmt, ohne dass sich die Darmflora darauf einstellen konnte. Je nach Wetterlage sammeln sich die Kohlenhydrate mal mehr und mal weniger in den Gräsern der Weiden. Wenn Pferde diese leicht verdaulichen Nährstoffe in zu großen Mengen fressen, kann die empfindliche Darmflora des Dünndarms überfordert werden, denn sie kann die Kohlenhydrate nicht komplett aufnehmen. Der Darm übersäuert, und die Darmbakterien sterben ab. Diese toten und damit hochgiftigen Bakterien gelangen in den Kreislauf und können eine Hufrehe auslösen“, erklärt Dr. Kampmann. Gerade das Speicherkohlenhydrat Fruktan, das von Gräsern als Speicher überschüssiger Energie genutzt wird, wenn es nicht gleich für den Wachstum verbraucht wird, gilt als Risikofaktor für das Auftreten von Hufrehe.
Die Energieproduktion des Weidegrases ist abhängig von der Sonne. Ist es warm, sonnig und dazu ein bisschen feucht, kann das Gras ungehindert wachsen. Sind die nächtlichen Temperaturen aber eher kühl, kann das Gras nicht wachsen. Durch die morgendliche Sonne läuft die Produktion der Energie auf Hochtouren. Die Pflanze produziert mehr Energie, – also Zucker, das in Fruktane umgewandelt wird –, als sie tatsächlich gerade benötigt, und lagert diese Energiespeicher ab. Auf Grund dieser Überkonzentration von Fruktan in der Pflanze, besteht besonders an kalten Morgenstunden eine hohe Rehegefahr.
„Im Prinzip kann aber jede plötzliche Futterumstellung zu einer Rehegefahr mit den gleichen fatalen Folgen führen“, sagt der Tierarzt und erklärt weitere Auslöser: „Eine Geburtenrehe kann entstehen, wenn die Nachgeburt nicht komplett von der Stute abgestoßen wird und ein kleiner Teil in der Gebärmutter zurückbleibt. Dies kann zur Infektion führen, Gifte werden abgesondert, gelangen in den Blutkreislauf und können eine Hufrehe auslösen.
Infolge von Überbelastung kann eine Belastungsrehe entstehen, etwa bei zu langen Ausritten auf hartem Boden oder bei zu langem Stehen auf hartem Stallboden. Im Verdacht, eine toxische Rehe auszulösen, stehen auch eine Reihe von Pilzgiften sowie verschiedene Giftpflanzen, und es gibt eine Medikamentenrehe, bei der die Pferde auf einen Inhaltsstoff reagieren. Ebenfalls problematisch sind das sogenannte Cushing Syndrom, bei dem das Pferd zu viel körpereigenes Cortisol durch eine Fehlfunktion der Hirnanhangdrüse produziert, und das metabolische Syndrom, bei dem eine Störung des Stoffwechsels vorliegt, von dem besonders die Robustpferderassen betroffen sind.“
Was im Huf passiert
„Bei einer Hufrehe kommt es zu einer Entzündung der Huflederhaut und zu einer Schwellung und Absonderung von Gewebsflüssigkeit“, erklärt Dr. Kampmann, Fachtierarzt für Pferde. Durch die fehlende Ausdehnungsmöglichkeit im Huf kommt es zu starken Schmerzen für das Pferd. „Darüber hinaus fördert der Flüssigkeitsaustritt die Ablösung zwischen Hornkapsel und Knochen. Folgen können ein Absinken des Hufbeins in die Kapsel oder eine Rotation des Hufes um das Hufgelenk sein, wobei die Hufbeinspitze zum Boden hin tendiert. Das Endstadium bildet das Ausschuhen, bei dem sich die Hufkapsel komplett ablöst. In diesem Stadium ist jedoch ein Erlösen des Tieres anzuraten“, sagt der Fachmann. Entscheidend für die Zukunft des Pferdes ist aber, wie weit der Krankheitsprozess fortschreiten konnte. Je früher also die Rehe erkannt wird, umso besser, denn jede Stunde zählt.
Hufrehe erkennen und Sofortmaßnahmen leisten
Innerhalb der ersten Minuten ist der Huf kühler als normal. Erst wenn die Entzündung abläuft, wird der Huf sehr warm. „Zentrales Erkennungsmerkmal ist eine Bewegungsunlust“, weiß Dr. Kampmann. „Während sich Pferde im Extremfall gar nicht mehr bewegen möchten, gehen weniger betroffene Pferde zumindest noch bereitwillig Schritt. Besonders deutlich wird das auf hartem, später auch auf weichem Boden. Um die schmerzenden Zehe zu entlasten, treten die Pferde zuerst mit Ballen und Tracht auf, und der Gang wird kurz und flach.“ Je nach Verlauf nehmen viele Pferde irgendwann die typische Sägebockstellung ein. Die Hinterbeine werden weit unter den Bauch geschoben und die Vorderbeine dafür weit vorgestellt. Damit versuchen die Pferde, die Hufe zu entlasten, da sie oft sehr starke Schmerzen haben. Ebenfalls gehen mit dem Krankheitsbild eine Erhöhung der Atem- und Pulsfrequenz, ein Anstieg der Körpertemperatur sowie ein gestörtes Allgemeinbefinden einher.
Dem Pferdehalter muss bewusst sein, dass ein Hufrehefall immer ein Notfall und in jedem Fall ein Tierarzt zu benachrichtigen ist. Bis zu dessen Eintreffen sollte der Pferdehalter versuchen, seinem Pferd die Schmerzen zu erleichtern und zu vermeiden, dass sich dessen Zustand verschlimmert. „Das Kühlen der Hufe ist die wichtigste Erste-Hilfe-Maßnahme. Das lindert nicht nur den Schmerz, sondern wirkt der Entzündung im Huf entgegen. Dazu kann man die Pferde in einen Bach stellen, die Beine kalt abspritzen oder die Hufe in einen stabilen Eimer stellen“, rät Dr. Kampmann als Sofortmaßnahmen bis zum Eintreffen des Tierarztes.
Behandlung durch den Tierarzt
„Während der akuten Rehe steht das Wohlbefinden des Pferdes an oberster Stelle. Das Pferd wird festgesetzt, um eine übermäßige Bewegung zu vermeiden, und dem Pferd werden Schmerzmittel verabreicht. Weiterhin müssen die Ursachen des Schmerzes geklärt und diese gezielt behandelt werden“, erklärt Dr. Kampmann. Im Rahmen einer Rehebehandlung werden dann entzündungshemmende Präparate, durchblutungsfördernde Medikamente oder entgiftende Substanzen wie nierenanregende Substanzen verschrieben. Weiterhin hat sich der Einsatz von Blutegeln bei der Hufrehebehandlung schon oft als sehr hilfreich erwiesen. Die Fütterung sollte auf Heu und Stroh umgestellt werden, und eine Fressbremse verhindert die Aufnahme von Frischfutter auf der Weide. Zusatzfuttermittel helfen, die Huflederhaut besser zu versorgen.
Zusätzlich zum Tierarzt kann ein Hufschmied unterstützend tätig sein, indem er den vorhandenen Beschlag entfernt oder angemessen verändert, etwa mit einem Hochstellen der Trachten. „Als probates Mittel hat sich auch der sogenannte Aderlass erwiesen. Dazu werden dem Pferd 5 bis 10 l Blut abgenommen und durch eine Kochsalzlösung ersetzt. Mit dieser Behandlung wird eine vorübergehende Blutverdünnung erreicht, und Giftstoffe werden reduziert. In der weiteren Behandlung muss der Grad der Rehe durch ein Röntgenbild, das sogenannte Venogramm, herausgefunden werden“, erklärt der Tierarzt, der diese relativ neue Methode in der Wahlstedter Tierklinik anbietet. „Dabei wird ein spezielles Kontrastmittel in die Venen injiziert, und in einer standardisierten Zeit werden Röntgenbilder des Hufes gemacht. Nach der Auswertung der Bilder kann eine Aussage über die Schädigung des Hufes getroffen und über weitere Maßnahmen entschieden werden.“ Nach Begutachtung der Röntgenbilder durch den Tierarzt und den Hufschmied können durch Beurteilung der Fußung, Bewegungsfunktion und Hufsituation weitere Hufbeschlagsmaßnahmen folgen.
Als Behandlungsalternative bietet die Tierklinik Wahlstedt eine Ozontherapie an. In der Humanmedizin werden solche Therapien etwa bei Diabetikern und zur Behandlung von sogenannten „Raucherbeinen“ eingesetzt. Weil Durchblutungsstörungen der kleinen Blutgefäße im Huf auch Merkmal einer Rehe sind, kann die Therapie auch bei Pferden eingesetzt werden. „Bei der Ozontherapie werden dem Pferd etwa 1 1/2 l Blut entnommen, heparinisiert, mittels eines Spezialgerätes mit Sauerstoff und Ozon versetzt und dem Pferd wieder zurückgeführt“, erklärt Dr. Kampmann, der dieser Methode mit großem Erfolg einsetzt.
Unterschiedliche Heilungschancen
Die Heilungschancen sind immer vom Grad der Erkrankung abhängig. Der Heilungsprozess kann sich in Abhängigkeit von der Vorschädigung und des Krankheitsverlaufes über Monate und Jahre hinziehen. Trotz aller möglichen Therapien bleibt die Hufrehe mit ihren schwierigen Krankheitsverläufen unberechenbar. Oft bleibt das Rehepferd huftechnisch ein Pflegefall und benötigt dauerhaft eine besonders aufmerksame Betreuung. Doch ein vollständiges Ausheilen der Erkrankung ist bei entsprechend konsequentem Verhalten des Besitzers und regelmäßigen Korrekturen des erkrankten Hufes möglich.
Melanie Kayser





