Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Pferd und Reiter

16.07.2010 -  

Insekten können Pferd und Reiter den Sommer vermiesen

Bild - Insekten können Pferd und Reiter den Sommer vermiesen


Die Einnebelung mit Fliegenspray lassen sich die meisten Pferde gut gefallen. Foto: Karen Diehn


Kampf den fliegenden Plagegeistern


Im Sommer werden sie schnell zu einer echten Plage: Mücken, Bremsen, Fliegen und andere Insekten. Auf der Suche nach Nahrung werden sie zu ungebetenen Dauergästen auf der Weide und im Stall. Wer sein Pferd zuverlässig vor der summenden Schar schützen will, braucht für Haut und Fell wirksame Abwehrmittel. Denn ein hartnäckiges Insekt kommt selten allein.


Die Flugzeit der meisten Insekten beginnt mit den ersten warmen Tagen im April und endet häufig erst im Oktober, wenn der erste Bodenfrost einsetzt. Die blutsaugenden Bremsen tauchen allerdings meist erst ab Mitte/Ende Juni auf und beginnen mit der Opfersuche unter Menschen und Tieren. Sind die Insekten erst einmal aus ihren Winterquartieren gekrochen, rüsten sie sich bald zur massenhaften Fortpflanzung und suchen nach Futter für sich oder ihre Brut. Stallungen, Pferdeweiden und alles, was Tiere umgibt, bieten in der Regel alles, was das Insektenherz begehrt. Fliegen gehören zur Kategorie der sommerlichen Lästlinge, schließlich stechen sie ihre Opfer nicht, sondern nerven durch Penetranz. Im Pferdeumfeld kommen vor allem Stuben-, Stall- und Augenfliegen vor sowie Schmeiß- und Fleischfliegen. Die Namen verraten, welche Umgebung ihnen besonders liegt.


Fliegen suchen organische Substanzen, um sich davon zu ernähren. Einige Arten sind regelrechte Abfallverwerter, denn sie können von toten pflanzlichen und tierischen Hinterlassenschaften (wie Pferdemist) gut leben. Auch zur Eiablage nutzen einige Arten besonders gerne tierische Hinterlassenschaften.


Übertragbare Krankheiten


Am Kopf landen viele Fliegen besonders gerne, um dort das Sekret der Augen, der Nase und des Maules aufzusaugen oder Hautschüppchen aufzunehmen. Wunden auf dem ganzen Körper sind ebenfalls ein gefundenes Fressen. An den behaarten Fliegenbeinen haften Keime gut, die die Insekten von Tier zu Tier übertragen können. Zu den auf Pferde übertragbaren Krankheiten gehört unter anderem die Bindehautentzündung.


Zu den schädlichen Insekten gehört die Hirschlausfliege, denn sie lebt als blutsaugender Ektoparasit. Mit ihrem Auftreten löst sie regelmäßig hektische und panische Abwehrreaktionen bei Pferden aus, die einen Weg suchen, sich von ihr zu befreien. Das 5 bis 6 mm kleine, bräunliche Tier, das zu den Lausfliegen gehört, kommt überall dort vor, wo verschiedene Hirscharten, Dachse oder Wildschweine leben, also vor allem in Waldnähe. Sie fliegt ihren potenziellen Wirt an und krallt sich hartnäckig fest. Beim Pferd bevorzugt sie als Landezone die Schweifrübe, Bauchnaht, Euter und Schlauch.


Zu den unbeliebtesten Mückenarten gehören die stechenden Vertreter, also vor allem die Stechmücken, Gnitzen und Kriebelmücken. Als blutsaugende Insekten können sie Krankheiten auslösen oder Keime übertragen. Ihr bevorzugter Lebensraum liegt in der Nähe von Teichen, langsam fließenden Gewässern oder sonstigen Wasserstellen. Sie werden besonders in der Dämmerung, bei feuchtwarmer Schwüle und in der Nacht aktiv. Beim Pferd stechen sie praktisch am gesamten Körper, wobei bestimmte Arten (Gnitzen und Kriebelmücken) Stellen bevorzugen, auf denen die Haare senkrecht wachsen. Ihre Stiche hinterlassen, selbst bei nicht allergischen Tieren (Sommerekzemer), juckende, leicht geschwollene Stellen. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts war außerdem bekannt, dass durch den Massenbefall von Kriebelmücken Weidetiere zu Tode kommen können, nämlich dann, wenn ein ganzer Schwarm bluthungrig zusticht.


In zunehmendem Maße werden Pferde und Reiter auch von Bremsen belästigt. Bei den meisten der rund 4.000 vorkommenden Arten saugen die Weibchen Blut, während die Männchen sich (wie bei vielen anderen Insekten) mit Nektar zufriedengeben. Besonders verbreitet ist die Regen- und Pferdebremse. Ihr bevorzugter Lebensraum sind feuchte Gebiete in Waldnähe, innerhalb von Wäldern ist sie nicht zu finden. Bremsen lieben besonders gewittrige Schwüle und die Zeit vor und nach sommerlichem Regen. Ihre Mundwerkzeuge sind größer als die von Mücken, und sie injizieren in die Stichstelle ebenfalls ein gerinnungshemmendes Sekret, sodass an der Bissstelle schnell eine unangenehm juckende Quaddel entsteht. Bremsen können wie Mücken und Zecken diverse Krankheiten übertragen.


Geschützter Rückzugsort


Stehen Pferde in der prallen Sonne auf dem Auslauf oder auf der Weide, dann sind sie eine ideale Zielscheibe für alle Arten von Insekten, die ihnen genüsslich übers Fell krabbeln. Das typische Abwehrverhalten äußert sich in Schweif- oder Kopfschlagen und dem Einsatz von Hufen oder Maul, wenn sich ein Plagegeist irgendwo hartnäckig hält.


Manche Pferde ertragen das Gesurre um sie herum recht gelassen und lassen sich selbst dann nicht aus der Ruhe bringen, wenn Dutzende Plagegeister auf ihnen herumkrabbeln. Andere reagieren deutlich genervter, werden beim Reiten unkonzentriert oder wandern ruhelos auf der Weide umher, wenn nur zwei oder drei Bremsen hinter ihnen her sind und eine Stichstelle suchen.


Je nach Pferdetyp und Haltungsform sind unterschiedliche Abwehrmaßnahmen gegen Insekten sinnvoll. Für den stoischen Dulder braucht es meist weniger Schutzmaßnahmen als für den hektischen, empfindlichen Typ, der schon auf der Weide kaum zur Ruhe kommt. Immer wieder kommt es vor, dass Vierbeiner übersät sind mit juckenden Quaddeln von zahlreichen Stichen. Linderung können hier Mittel verschaffen, die für Pferde mit Sommerekzem entwickelt wurden und im Reitsporthandel oder beim Tierarzt erhältlich sind.


Wächst der Insektendruck und damit das Unbehagen der Vierbeiner, wird ein geschützter Rückzugsort in Form eines Weideunterstandes oder Stallzeltes gerne aufgesucht. Je kühler und dunkler es dort ist, desto eher werden die fliegenden Plagegeister von ihrem potenziellen Opfer ablassen und es nicht dorthin verfolgen. Wird ein Pferd wegen der Insektenplage aufgestallt, dann garantieren offene Boxenklappen und Stalltüren zwar frische Luft, aber Insekten haben ebenfalls ungehinderten Zutritt. So bringt das Aufstallen weniger. Abhilfe könnten PVC-Plastikstreifen (zum Beispiel vor der offenen Boxenklappe) oder Windschutznetze schaffen, die Insekten abwehren, aber trotzdem Luft und Licht ins Gebäude bringen.


Der schönste Rückzugsort nützt nichts, wenn der Geruch von Schweiß, Mist und Futterresten Fliegen dorthinlockt. Regelmäßige Stallhygiene kann bereits helfen, den Insektendruck im und um den Stall zu vermindern. Wenn beispielsweise nasse Einstreu entfernt wird, die Futtertröge regelmäßig gereinigt werden und der Pferdemist entfernt wird, macht das die Umgebung des Pferdes weniger attraktiv für fliegende Lästlinge.


Für Stallwände und Einstreu werden verschiedene Produkte zum Einsprühen und Auftragen angeboten, die mit unterschiedlichen Wirkstoffen helfen sollen, Insekten zu vertreiben. Darüber hinaus gibt es Fress- und Kontaktinsektizide, deren Einsatz allerdings mit Bedacht erfolgen sollte, besonders im Umfeld von anderen Tieren. Zu kaufen gibt es außerdem Fliegen- und Insektenvernichter, die beispielsweise mithilfe von ultraviolettem Licht ihre fliegenden Opfer anlocken sollen. Vor der Leuchtröhre dieser Modelle ist ein unter Hochspannung stehendes Gitter montiert, das – so versprechen die verschiedenen Hersteller – die Insekten bei Kontakt töten soll.


Der klassische, klebrige Fliegenfänger ist in seiner Wirksamkeit jahrzehntelang bewährt und dabei recht günstig. Allerdings darf er natürlich nicht in Reichweite von Pferden angebracht werden, sie könnten sich darin ebenfalls verfangen.


Gut verhüllt


Eine völlig ungiftige Methode, lästige Insekten vom Pferd abzuhalten, sind Fliegendecken und Masken. Sie bieten den Vorteil, dass sie bei Bedarf an- und wieder ausgezogen werden können.


Fliegendecken gibt es in verschiedenen Formen, Farben und aus verschiedenen, meist luftigen Netzmaterialien. Modellvarianten mit Halsteil und Bauchlatz bieten zusätzlichen Schutz, vor allem für die bei Mücken bevorzugten Stichregionen. Teilweise werden gleich passende Kopf- beziehungsweise Augenmasken angeboten, die sich an der Decke befestigen lassen, damit nichts verrutscht oder abgestreift werden kann. Aus stichfesterem Material, für besonders empfindliche oder sogar allergische Vierbeiner, sind die sogenannten Ekzemerdecken. Fürs Training und zum Ausreiten werden Modelle mit einem Ausschnitt für den Sattel angeboten.


Zum Schutz der Kopf-, Ohren- und Augenpartie haben sich Masken aus Netz- oder Gitterstoff mit weicher Umrandung bewährt, die es mit und ohne Ohren und in unterschiedlichen Längen gibt. Für sicheren Sitz sorgen Gummizüge oder Klettverschlüsse. Einfach und effektiv zur Vertreibung von Fliegen ums Auge sind die Fliegenfransen, die am (gut sitzenden) Halfter oder auch an der Trense montiert werden können.


Geruchsschutzschild


Am häufigsten im Gebrauch sind im Sommer Mittel zum Aufsprühen oder Auftragen aufs Fell. In den letzten Jahren brachten verschiedene Hersteller Pumpsprays auf den Markt, die in ihrer Wirkung auf ganz bestimmte Insekten (beispielsweise Bremsen) abzielen. Ein speziell wirksames Mittel gegen Hirschlausfliegen, die in manchen Landstrichen massenhaft vorkommen, ist allerdings noch nicht zu bekommen.


Die Abwehr der geflügelten Plagegeister erfolgt in der Regel durch die Übertünchung des pferdigen Eigengeruches. Dazu setzen die Insektenspray-Hersteller unter anderem auf eine Kombination aus verschiedenen ätherischen Ölen, zu denen teilweise Komponenten beigemischt werden, die die Haut pflegen und die Wirkdauer erhöhen sollen. Auf der Flasche findet sich dann beispielsweise der Hinweis auf ein „Langzeitpolymer“. Immer häufiger werden außerdem Produkte angeboten, die die Breitband-Repellentien Diethyltoluamid (DEET), Icaridin oder IR 3535 enthalten und somit auf die Insektenabwehr durch chemische Bestandteile zur Geruchsmaskierung setzen.


Zur Gruppe der Insektizide gehört Permethrin. Es wirkt als Kontakt- und Fraßgift und entfaltet seine auf Insekten tödliche Wirkung nach wenigen Minuten. Außerdem soll es eine abstoßende Wirkung haben, die die anfliegenden Plagegeister frühzeitig abdrehen lässt. Permethrin findet sich unter anderem in Fliegensprays und in einer Emulsion, die es beim Tierarzt gibt.


Mancher Wirkstoff hält zwar viele Beißer und Stecher zuverlässig fern, reizt aber die Pferdehaut. So mussten Reiter bei der Verwendung von selbst gemachten Fliegenmitteln beispielsweise immer wieder feststellen, dass einige unverdünnt angewendete ätherische Öle bei ihren Vierbeinern sogar allergische Hautreaktionen hervorriefen.


Eine Herausforderung für die meisten Antiinsektenmittel ist nach wie vor die Wirkdauer. Was beim Weidegang vielleicht sogar stundenlange Wirkung zeigte, verpufft häufig, wenn dem Vierbeiner der verlockend riechende Schweiß aus dem Fell zu sickern beginnt. Hier hilft nur das Abduschen des Schweißes und erneutes Einnebeln mit dem Schutzschild aus der Flasche. Für längere Ausritte ist es praktisch, eine kleine Menge Fliegenspray als Notreserve dabeizuhaben, um „nachlegen“ zu können, falls die Wirkung unerwartet nachlässt.


Bei allen Fliegensprays, Emulsionen und Gels gilt es, genau die Dosierungs- und Anwendungsanleitung des Herstellers zu beachten und die Mittel sorgsam einzusetzen. In jedem Fall sollte der Schleimhaut- und Augenkontakt bei Mensch und Pferd vermieden werden. Im Kopfbereich lassen sich Produkte, die aufgesprüht werden müssen, nicht so großflächig aufbringen wie am restlichen Pferdekörper. Alternativ kann man einen kleinen Schwamm nehmen und das Spray damit auf empfindliche Körperpartien auftragen. Diese Vorgehensweise empfiehlt sich auch, wenn Vierbeiner auf das zischende Geräusch beim Einsprühen nervös reagieren und herumzappeln. Denn nur wenn das Fliegenspray auf dem Pferd landet, kann es als Schutzschild aus der Flasche die sommerlichen Plagegeister wirksam in Schach halten.


Karen Diehn


 


 


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