Pferd und Reiter
02.07.2010 -
Sommerekzem: Kein kosmetisches Problem, sondern eine Erkrankung
Eine gut sitzende Ekzemdecke mit passender Kopfhaube schützt vor Stichen. Foto: Karen Diehn
Das große Jucken
Mit dem sommerlichen Temperaturanstieg beginnt die Insektenzeit. Während Fliegen lästig, aber harmlos sind, können die Stiche von einigen blutsaugenden Mückenarten bei Pferden eine allergische Erkrankung, das Sommerekzem, auslösen. Der daraus resultierende quälende Juckreiz ist mehr als nur ein kosmetisches Problem: Greift der Pferdebesitzer nicht ein, steht das Pferd bald ohne Langhaar und mit großflächigen Wunden da.
In Deutschland wurde das Sommerekzem etwa Mitte der fünfziger Jahre ein Thema, als immer mehr importierte Islandpferde erkrankten. Aber auch bei in Deutschland geborenen Pferden und in anderen Rassen tritt die Allergie seither auf. So gibt es beispielsweise betroffene Tinker, Haflinger, Araber, Friesen, Fjordpferde und Kaltblüter. In Australien ist die Krankheit unter dem Namen „Queensland Itch“ bekannt und wird dort vor allem bei Vollblütern beschrieben. In den USA leiden unter anderem Quarter Horses und Paints an der „Summer Itch“ genannten Variante des Sommerekzems.
Hervorgerufen wird die nicht infektiöse, allergische Erkrankung durch den Speichel verschiedener Mückenarten, zu denen die nur wenige Millimeter große Culicoides (Gnitzen) und Kriebelmücken zählen. Der eigentlich harmlose Stoff (Mückenspeichel) wird vom überschießenden Immunsystem des betroffenen Pferdes als körperfremd und bedrohlich gewertet, sodass Abwehrmaßnahmen eingeleitet werden. An den Stichstellen auf der Haut bilden sich kleine, schorfige Stellen (Papeln), die oft leicht geschwollen sind und zu jucken beginnen. Greift der Pferdehalter in diesem Stadium nicht ein, kommt das Pferd in einen Teufelskreis aus Juckreiz, Scheuern, noch mehr Stichen und noch mehr Scheuern.
Stark geplagte Pferde lassen sich manchmal nur noch schwer reiten, weil sie aufs Scheuern und die Insektenabwehr fixiert sind. Egal ob am Futtertrog, an der Zaunlatte, der Stalltür oder der Futterraufe, die Vierbeiner bearbeiten die juckenden Stellen ausgiebig, ohne dabei Linderung zu verspüren. Artgenossen werden zur intensiven Fellpflege aufgefordert, die – wie die Scheuerorgien – häufig blutige Folgen hat.
Der Juckreiz macht die Tiere unruhig, sie werfen sich hin, um sich den Bauch zu kratzen, separieren sich und suchen Schutz vor Insekten. Ute Klassen aus Högersdorf beobachtete ein ähnliches Verhalten noch vor Diagnosestellung bei ihrer Tinker-Stute: „Während sie wanderte oder mit dem Schweif schlug, waren die anderen noch relativ entspannt.“ Mähne, Schweif und Schopf werden durch das Scheuern erst dünn und brüchig, bald fehlen ganze Strähnen, und die darunterliegende Haut wird zunehmend gereizt und verletzt. Dicke, wulstige Falten mit nässenden Wunden können entstehen. Die geschädigte Haut ist empfänglich für bakterielle Hautinfektionen und Pilze, sodass großflächigere Läsionen die (ebenfalls juckende) Folge sein können.
Wann das Sommerekzem zum ersten Mal auftritt, ist unterschiedlich. Betroffen sind junge und alte Pferde aller Rassen und Farben, allerdings kaum Fohlen. Oftmals zeigen Pferde im späten Sommer erste Anzeichen. Zu Beginn lassen sich aber die Symptome nicht immer eindeutig zuordnen oder werden auf andere Erkrankungen geschoben. Ursächlich für Juckreiz mit Langhaarverlust könnten schließlich auch Pilzinfektionen, Stoffwechselprobleme, Mangelerscheinungen und der Befall mit Parasiten (zum Beispiel bei der Sommerräude) sein.
Yvonne Bensberg kaufte ihre damals vierjährige Fjord-Stute bereits schubbernd, dachte aber zunächst eher an eine Überempfindlichkeit gegen Bremsen: „Da es ziemlich am Ende des Jahres war, gingen die Symptome natürlich weg, und ich freute mich, dass sie kein Ekzemer ist... bis zum Frühjahr darauf.“ Ähnlich erging es Ute Klassen. Ihre Stute Athena, ein Direktimport aus Irland, fing mit Scheuern im ersten Sommer in ihrer neuen Heimat an. Ihre Besitzerin hatte noch keine Vorerfahrungen mit der Krankheit und dachte bei den Symptomen erst „an Würmer oder die Futterumstellung“. Doch die eingeleiteten Behandlungen schlugen nicht an. Die Stute hatte sich aber Mähne, Schweif und Becken „total blutig“ gescheuert, und aufgrund der Symptome und des Verhaltens kam die Pferdebesitzerin schließlich auf Sommerekzem.
Zu wissen, ob ein Pferd Ekzemer ist (oder werden kann), kann unter Umständen sogar kaufentscheidend sein und den Preis eines Pferdes drücken. Schließlich sind potenzielle Interessenten nicht immer gewillt, den zusätzlichen Aufwand bei Haltung, Fütterung und Pflege auf sich zu nehmen. Zuverlässige Aussagen über die Veranlagung zum Sommerekzem können Testverfahren wie der „Funktionelle In-vitro-Test“ (FIT) von der Tierärztlichen Hochschule Hannover geben, sowie der „Equine Cast 2000“ von der Firma Laboklin. Mit beiden Verfahren lässt sich sogar in der symptomlosen Zeit eine Allergieneigung nachweisen. Allerdings muss das zu testende Tier dem Allergen bereits einmal ausgesetzt gewesen sein.
Behandlung durch Vorbeugung
Im Vordergrund der Ekzemerbehandlung steht der Schutz vor Mückenstichen. Ohne Stiche gibt es keinen Juckreiz, und damit steigt die Lebensqualität des Pferdes. Wird mit den Maßnahmen rechtzeitig genug eingesetzt, lassen sich die rund sieben Ekzem-Monate durchaus ohne größere Langhaarverluste und blutige Scheuerstellen überstehen. Der hierfür notwendige pflegerische Aufwand ist jedoch – neben den zusätzlichen Kosten – deutlich höher als bei einem gesunden Pferd.
Aus den Lebens- und Fluggewohnheiten der allergieauslösenden Mücken ergeben sich verschiedene Ansätze für Abwehrmaßnahmen. Culicoides, Gnitzen und Kriebelmücken sind besonders bei feuchtwarmer Schwüle, in der Dämmerung und in der Nacht aktiv. Stärkerer Wind, trockene Hitze beziehungsweise Temperaturen unter 9 °C hemmen sie in ihrer Fluglust. In Regionen, in denen ein konstanter Wind geht (zum Beispiel küstennahe Gebiete), wird den Mücken das Fliegen erschwert, und es gibt deswegen meist weniger Ekzemer; Betroffene sind leichter zu pflegen.
Die Vermehrungshöhepunkte sind zwischen April und Mai sowie September und Oktober. Als Brutgebiete dienen Feuchtgebiete, Waldränder, langsam fließende Wasserläufe, Tümpel oder Teiche und Moorgebiete. Zu dieser Zeit und in mückenfreundlicher Umgebung braucht es folglich besonders wirksame Pflege und Schutzmaßnahmen. Um an das Blut des Opfers zu kommen, suchen die Mückenweibchen weiche Haut mit senkrechten Haaren. Beim Pferd sind das der Mähnenkamm, die Bauchnaht und der Schweif, Schlauch oder Euter, Kopf, Brust. Die Brust und die Kruppe können ebenfalls betroffen sein. Die meisten der anzufliegenden Körperpartien lassen sich mit einer Ekzemdecke verhüllen, durch die keine Mücke hindurchkommt. Die angebotenen Modelle verfügen in der Regel über einen Bauchlatz, ein Halsteil und einen Latz, der die Schweifrübe umschließt. Für den Kopf gibt es Kappen, die zusätzlich die Ohren und Augen schützen. Durch verschiedene Größen, Verstellmöglichkeiten und Gummizüge sitzen Decke und Kappe in der Regel sicher, müssen aber trotzdem täglich kontrolliert werden.
Die Ekzemdecke kann ihre Funktion nur erfüllen, wenn sie konsequent getragen wird. Meist merken die vierbeinigen Träger, dass sie mit Decke mehr Ruhe vor den Mücken haben und lassen sich das Anziehen gerne gefallen. Durch die leichten Materialien schwitzen sie selbst bei hohen Temperaturen nur wenig, und nach Regenschauern trocknen sie schnell wieder. Die Ekzemdecke sollte regelmäßig gewaschen werden, um das Pferd nicht durch den für Insekten verlockenden Geruchscocktail aus Schweiß, Mist oder Urin zur großflächigen Zielscheibe zu machen.
Regelmäßig die Rückstände der Pflege- und Insektenschutzprodukte mit hautschonenden, pflegenden Pferde- oder Babyshampoos aus Langhaar und Fell zu waschen, kann sinnvoll sein. Schmierige Rückstände, in Kombination mit Sand und Sonne, können nämlich wiederum jucken. Für die tägliche Einheit aus Hautpflege, Einsprühen mit Fliegenspray, Sitzkontrolle beziehungsweise An- und Ausziehen der Ekzemdecke brauchen geübte Ekzempferdebesitzer pro Tag etwa 15 bis 20 min. zusätzlich zum üblichen Programm der Versorgung. Manche Pferde werden durch die Ekzemdecke nahezu symptomfrei und brauchen dazu nur noch eine üppige Ladung Insektenspray auf die nicht bedeckten Körperteile. Andere Artgenossen sind darüber hinaus an bestimmten Stellen pflegebedürftig. Welches Mittel effektive Linderung bringt, ist von Pferd zu Pferd unterschiedlich.
In Reitsportgeschäften und beim Tierarzt gibt es für Sommerekzemer verschiedene Lotionen, Öle, Salben und Cremes. Vielfach bewährt haben sich darüber hinaus Mittel aus der Babypflege und gegen Neurodermitis. Wichtig bei der Wahl ist, dass die Produkte auf offenen Wunden verwendet werden können, sie nicht zusätzlich reizen (zum Beispiel durch pure ätherische Öle) und die Haut noch atmen lassen. Der Einsatz von kortisonhaltigen Mitteln lässt die Symptome zwar meist schnell abheilen, er ist aber dank des inzwischen großen Sortimentes an Alternativprodukten eigentlich nur noch in schweren Fällen nötig.
Nicht pferdegerecht wäre, dem Sommerekzemer alle Möglichkeiten zum Scheuern nehmen, indem beispielsweise alle Kanten und Zäune im Stall mit Elektrodraht geschützt werden. So werden die mückigen Monate zu einer juckenden Qual. Besser ist die Anbringung von Bürsten oder gut erreichbaren Scheuermöglichkeiten, die das Pferd gefahrlos nutzen kann.
Fütterung und Haltung
Der Markt bietet eine Vielzahl von Zusatzfuttermitteln, beispielsweise mit Algen-, Mineral- und Kräuterzusätzen, die bei Sommerekzem helfen sollen. Manches Produkt suggeriert, dass man damit das Ekzem quasi „wegfüttern“ kann. Die Tierärztin und Fachbuchautorin Anke Rübsbüldt stellt allerdings fest: „Konsequente und rechtzeitige Beifütterung kann nach meiner Erfahrung die Symptomatik entscheidend verbessern. Heilbar ist die Allergieneigung aber nicht.“ Und ein Ergänzungsfutter ersetzt natürlich nicht die übrigen Maßnahmen. Die Veterinärin aus Hamburg setzt bei ihren Patienten, zusätzlich zu einem speziellen Futterzusatz, auf eine Insektenschutz-Lösung und lässt schlimmer erkrankte Pferde „konsequent eindecken“.
Viele Ekzempferde-Besitzer machten die Erfahrung, dass sich ungehemmter Grasgenuss und große Mengen von eiweiß- und stärkehaltigem Kraftfutter nachteilig auf ihre Vierbeiner auswirken können. Wenig Gras, viel Raufutter und ein bedarfsgerechtes Mineralfutter können sich hingegen positiv auswirken.
Jennifer Hellmerichs aus Oldenburg sah die Folgen des Weidegangs auf unterschiedlichen Weiden an ihrem Pferd Hugo. Als der Fjord-Wallach auf einer sehr „armen Weide“ gestanden habe, „war vom Ekzem kaum was zu sehen“. Inzwischen hat die Pferdebesitzerin die Futtermittel mehrfach umgestellt, um das Ekzem ihres Pferdes noch besser in den Griff zu bekommen.
Geplagte Sommerekzemer profitieren davon, wenn sie die täglichen Mückenflugzeiten in einem relativ dunklen, gut belüfteten Boxen- oder Offenstall verbringen können. Kunststoffstreifen oder Windschutznetze am Stalleingang können helfen, fliegende Plagegeister draußen zu halten. Wird dem betroffenen Vierbeiner der Stallaufenthalt mit Raufutter und Artgenossen-Gesellschaft „versüßt“, wird er den Schutz gerne annehmen und auch selber reingehen wollen. Tierärztin Anke Rüsbüldt empfiehlt, den Koppelgang von Sommerekzemern auf die Zeit zwischen 10 und 16 Uhr zu legen und sie in der restlichen Zeit aufzustallen: „24 Stunden Bewegungshaltung auf trockenen Flächen mit Zugang zu einem insektengeschützten Stall sind noch besser.“
Stehen auf den Ausläufen oder in Stallnähe unzählige Brackwasserpfützen, türmt sich der Misthaufen direkt neben der Weide oder werden die Flächen selten von Pferdeäpfeln und Futterresten befreit, ist das ein ideales Lockmittel für fliegende Blutsauger. Dagegen ist das beste Fliegenspray machtlos, hier hilft nur penible Stallhygiene. Denn nur wenn alles ekzemfreundlich eingerichtet ist, können die Schutzmaßnahmen das große Jucken verhindern.
Karen Diehn





