Pferd und Reiter
04.06.2010 -
Verletzungen erkennen und behandeln
Kommen die Pferde im Frühjahr auf die Weide, können sie sich vor lauter Übermut und Herumtoben schnell Zerrungen oder Prellungen zuziehen. Foto: Dr. Heike Engels
Weidezeit gleich Verletzungszeit?
Die Weidezeit hat begonnen: Die Pferde wollen raus nach der langen Stallperiode, in der sie oft nur stundenweise, wenn überhaupt, auf die Weide durften. Doch Weidezeit ist oft auch Verletzungszeit: Vor allem stumpfe Verletzungen passieren leicht auf den Koppeln.
Pferde lieben die Bewegung und genießen es daher sehr, wenn sie in der wärmeren Jahreszeit wieder auf die Weide können und endlich mehr Auslauf haben. Übermutig tollen sie herum, steigen und kabbeln sich. Manche Pferde haben eine Weide für sich, weil die Besitzer Angst davor haben, dass ihr Pferd durch andere Pferde Verletzungen davonträgt. Genauso üblich ist aber auch die Gruppenhaltung von Pferden, bei der es durchaus mal zu kleineren und größeren Streitigkeiten unter den Weidegenossen kommen kann. Sicher ist, dass bei beiden Haltungsformen Verletzungen auftreten können, davor ist kein Pferd beziehungsweise Pferdebesitzer gefeit. Neben offenen Wunden durch Bisse oder scharfkantige Gegenstände auf der Weide (die natürlich eigentlich dort nicht hingehören, leider aber doch immer mal wieder vorhanden sind) sind es vor allem die stumpfen Verletzungen, die häufig auf der Weide passieren.
Zu den stumpfen Verletzungen zählen Zerrungen von Muskeln und Sehnen, Stauchungen, Prellungen, Quetschungen und Blutergüsse. Problematisch sind sie vor allem an den empfindlichen Pferdebeinen. Es kann viele Ursachen geben: Zum Beispiel kann ein einfacher Ausrutscher an einer matschigen Stelle auf der Weide zu Stauchungen, Zerrungen oder gar Knochenbrüchen führen. Vor allem Hengste zeigen gerne untereinander Imponiergehabe und sind daher besonders gefährdet. Oder aber die Pferde treten sich gegenseitig mit der Hinterhand – sind sie dann noch beschlagen, können sehr langsam heilende Quetschungen mit Blutergüssen entstehen. Die Folge sind dann oft lahm gehende Pferde, die sichtbar Schmerzen haben und zeitweilig nicht zu reiten sind – neben der notwendigen tierärztlichen Behandlung ein weiteres Übel für den Pferdehalter.
Schaden an Sehne, Muskel oder Gelenk?
Wichtig ist vor allem, die Verletzungen zu erkennen, um sie dann auch behandeln zu können. Deshalb sollten alle Pferdehalter ihre Pferde täglich sehr genau kontrollieren, ob Auffälligkeiten zu bemerken sind. Stumpfe Verletzungen zeigen sich meistens mit einer Schwellung – sind die Gliedmaßen betroffen, geht das Pferd oft lahm. Wenn man also die betroffenen Gliedmaßen abtastet und dabei eine dicke, heiße Stelle bemerkt, die schmerzempfindlich ist, kann es sich bei der Schwellung eventuell um eine Prellung oder Quetschung handeln.
Warum ist die Schwellung heiß? Jeder Muskel verjüngt sich und geht in eine Sehne über. Sehnen bestehen wie auch Muskeln aus einer Vielzahl einzelner Fasern, die bei Überanstrengung oder einem Ausrutscher beziehungsweise Fehltritt reißen können. Auf diese Verletzung reagiert die Sehne mit einer Entzündung, die wiederum Hitze entwickelt. Eine Sehnenentzündung ist ein schmerzhafter und langwieriger Prozess, denn Sehnen sind anders als Muskeln schlecht durchblutet und heilen daher nur langsam. Maßnahmen gegen die Entzündung, Ruhe und Geduld sind nötig sowie ein langsames Wiederantrainieren, da Rückfälle häufig sind. Betroffen sind vielfach die oberflächlichen und tiefen Beugesehnen an den Vorderbeinen.
Stürzt ein Pferd unglücklich, kann es sich auch am Sprunggelenk, Knie oder Ellenbogen verletzen. Das jeweilige Gelenk schwillt dann an. Verletzungen an Gelenken sollten immer sehr ernst genommen werden, da auch Brüche vorliegen können. Prellungen am Schulterblatt, ebenfalls durch einen Sturz möglich, sind sehr schmerzhaft und erkennbar an einer Schwellung sowie daran, dass das Pferd sein Bein nicht mehr nach vorne bewegen mag.
Bei Prellungen oder Quetschungen kann unter der Haut aus einem Gefäß Blut austreten. Dann spricht man von einem Bluterguss (Hämatom). Sind tiefer liegende Gefäße verletzt, wird die Blutung auch als Schwellung sichtbar. Durch den Druck, den das ausgetretene Blut auf das Gewebe ausübt, kann es zu Schmerzen kommen. Ausgedehnte Blutungen können die Funktionsfähigkeit von Muskeln und Gelenken beeinträchtigen.
Erste Hilfe: Kühlen
Idealerweise sollte bei allen Verletzungen – vor allem an einem Gelenk – der Tierarzt gerufen werden, um schwere Folgeschäden zu vermeiden. Doch vor allem bei stumpfen Verletzungen kann der Pferdehalter die Zeit, bis der Tierarzt kommt, schon sinnvoll nutzen, um die Schwere der Verletzung abzumildern und dem Pferd die Schmerzen zu lindern.
Als erste Hilfsmaßnahme vor Ort bietet sich an, die Schwellung zu kühlen. Beim Kühlvorgang ziehen sich die Gefäße zusammen, und der Temperaturunterschied wird durch eine gesteigerte Blutzirkulation anschließend wieder ausgeglichen. Im Akutfall besonders wichtig: Durch den Kühlvorgang werden außerdem die Schmerzbotenstoffe drastisch reduziert und somit Schmerzen vermindert.
Doch wie kühlt man eine Schwellung richtig? Zu starkes Kühlen kann unter Umständen zum Kreislaufschock oder zu Hauterfrierungen führen, deshalb bitte kein eiskaltes Wasser oder Eiswürfel direkt auf die geschwollene Haut oder womöglich auf das ganze Pferd geben. Viele Reiter glauben, unter „Kühlen“ verstände man einzig und alleine die Reduzierung der Körpertemperatur, etwa durch kaltes Wasser. Der eigentliche Effekt des Kühlens ist jedoch der Kreislauf von sich abwechselnder Kälte- und Wärmeenergie. Erst dieser Wechsel und der damit ausgelöste Durchblutungseffekt ist es, der bei Pferden angelaufene Beine abschwellen lässt, Muskelpartien lockert oder generell wieder fit macht. Zum Kühlen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Doch egal wie man kühlt, bei stumpfen Verletzungen sollte es regelmäßig erfolgen, am besten mehrmals täglich, bis sich eine Heilung einstellt.
Womit kühlen – Coolpads, Kühlgele oder nur Wasser?
Am besten eignen sich zum Kühlen speziell für diesen Zweck entwickelte Kühlprodukte wie Coolpads oder Kühlgele. Coolpads sind kleine Gelkissen, die im Gefrierschrank aufbewahrt werden. Man legt sie im Bedarfsfalle einfach auf die betroffene Stelle, aber nie direkt auf die Haut, denn Vorsicht: Coolpads sind oft so kalt, dass unter Umständen Erfrierungen auftreten können. Besser ist es, eine dünne Bandagierunterlage mit kaltem Wasser nass zu machen und sie um das betroffene Bein zu wickeln. Darauf legt man dann die Coolpads und wickelt das Ganze mit einer Bandage fest. Diese Konstruktion hält das Bein etwa ein bis zwei Stunden kühl. Die Coolpads sind praktischerweise mehrfach verwendbar, haben aber den Nachteil, dass man sie im Gefrierschrank aufbewahren muss. Viele Ställe besitzen aber kein solches Gerät, und beim Transport in einer Thermobox im Auto werden die Gelkissen meistens warm. Es gibt auch Coolpads, bei denen durch eine chemische Reaktion Kälte entsteht, sobald man eine Kapsel im Inneren zerdrückt. Diese Kissen sind allerdings nur einmal verwendbar und relativ teuer.
Kühlgele sind im Gegensatz zu Coolpads jederzeit verfügbar und ohne lange Vorbereitung schnell anzuwenden. Sie lassen sich an fast jeder Stelle des Körpers bequem auftragen. Besonders gut wirksam bei stumpfen Verletzungen sind Kühlgele mit Heparin, denn der Zusatz von Heparin und Methylsalicylat wirkt durchblutungsfördernd, abschwellend, entzündungshemmend und schmerzstillend. Heparin fördert die Resorption von Blutgerinnseln und ausgetretener Gewebeflüssigkeit im verletzten Gebiet und ermöglicht daher eine schneller einsetzende Regeneration der Verletzung. Solche kombinierten Sport-Kühlgele setzt man zur Linderung von Schmerzen und Schwellungen nach akuten Traumen wie Prellungen, Zerrungen, Verstauchungen, Quetschungen oder Muskelentzündungen ein.
Kühlen mit dem Wasserschlauch oder Eimer
Natürlich können geschwollene Pferdebeine auch mit Wasser gekühlt werden. Wichtig: Es reicht ein feiner dünner Strahl, der direkt auf die geschwollene Stelle gerichtet wird, das allerdings dann über einige Minuten, sonst kommt der kühlende Effekt nicht in der Tiefe des Gewebes an. Nachteilig ist bei dieser Methode der hohe Wasserverbrauch. Soll ein Bein relativ weit unten gekühlt werden und ist das Pferd ruhig, kann man das betroffene Bein auch einfach in einen Eimer mit kaltem Wasser stellen. Damit das Wasser nicht zu warm wird, sollte man es regelmäßig mit frischem kaltem Wasser austauschen. Eine weitere, allerdings bei Weitem nicht so effektive Methode ist ein feuchter Wickel beziehungsweise Angussverband. Dabei nutzt man eine möglichst saugfähige Bandagierunterlage, macht sie nass und wickelt sie mit einer Bandage so an das Bein, dass oben ein Teil der Unterlage herausschaut. In den so entstandenen Trichter kann man dann immer wieder kaltes Wasser gießen, das sich dann in der Bandagierunterlage verteilt.
Aus der Naturheilkunde bieten sich das Einreiben der Schwellung mit Arnikatinktur oder Umschläge aus essigsaurer Tonerde an. Wasser und Essig wirken hervorragend bei angelaufenen Sehnen. Daneben sind bei stärkeren Schwellungen heparinhaltige Kühlgele ratsam. Weiterhin gibt es entzündungshemmende Präparate wie nichtsteroidale Antiphlogistika (kurz: NSAIDs), zu verabreichen durch den Tierarzt als Injektion oder oral, sie hemmen die Entzündung und lindern den Schmerz. Welche Art der weiteren Behandlung am sinnvollsten ist, entscheidet der Tierarzt, nachdem er die Diagnose gestellt hat.
Dr. Heike Engels





