Pferd und Reiter
26.02.2010 -
Tierschutzseminar in Neumünster
Gesunde, zeitgemäße Pferdehaltung: Licht, Luft, Bewegung und Sozialkontakte bietet die Gruppenhaltung im Offenstall mit angrenzenden Weiden und Funktionsbereich – hier der Stall Wilhelm Behnk, Groß-Rönnau. Foto: Sylvia Träbing-Butzmann
Mit „Horse Comfort“ zu Gesundheit und Leistung
„Das Pferd ist von seiner Biologie her immer noch ein Steppentier und braucht daher entsprechend viel Licht, Luft und Bewegung“, ist Dr. Karl Zech überzeugt. Die Wirklichkeit in den Ställen sieht häufig ganz anders aus. Der Veterinär vom niedersächsischen Pferdegesundheitsdienst plädierte daher auf dem Tierschutzseminar für eine „zeitgemäße Pferdehaltung“, in der „Horse Comfort“ Standard ist.
Zu der Veranstaltung in den Neumünsteraner Holstenhallen hatten der Pferdesportverband Schleswig-Holstein, die Tierärztekammer des nördlichsten Bundeslandes und die Persönlichen Mitglieder der Deutschen Reiterlichen Vereinigung geladen. Die als Fortbildungsmaßnahme für Ausbilder und Tierärzte anerkannte Veranstaltung drehte sich rund um das Thema der richtigen, zeitgemäßen Pferdehaltung.
Gesunderhaltung ergibt klare Haltungsanforderungen
Wildpferde legen am Tag bis zu 20 km zurück. Spiel, Rangkämpfe und Umweltbedingungen erfordern eine große Vielseitigkeit der Bewegungen. Sie fressen je nach jahreszeitbedingtem Futterangebot bis zu 18 Stunden am Tag, leben in Herdenverbänden und sind Fluchttiere. Ihre Klimaanpassung funktioniert ohne Probleme zwischen +40 ˚C und –50 ˚C. Bewegungsapparat, Verdauungssystem, Atmungsorgane: Die gesamte Biologie des Pferdes entspricht diesen Lebensbedingungen. „Die vergleichsweise wenigen Jahre Domestikation haben auch bei den Artgenossen in menschlicher Obhut nichts daran geändert“, stellte Dr. Zech klar. „Im Interesse einer physischen und psychischen Gesunderhaltung der Pferde ergeben sich daraus klare Haltungsanforderungen“, so der Veterinär. Die sind auch schon längst formuliert und liegen seit Juni 2009 in überarbeiteter Form vor: in den „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“ des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.
Analog zum mittlerweile anerkannten Cow Comfort in der Milchkuhhaltung fordert Dr. Zech, dass Horse Comfort zum Leitbegriff in der Pferdehaltung wird. Cow Comfort steht für ausreichend Licht, frische Atemluft und Bewegungsmöglichkeiten in der Rinderhaltung. Messungen haben ergeben, dass die Kühe mehr Milch geben und weniger tierärztliche Betreuung brauchen, wenn sie unter diesen Bedingungen gehalten werden.
Dr. Zech begründete seine Forderung nach Horse Comfort mit ethischen Gründen und dem Interesse der Pferdesportler und -züchter an besserer Leistung und weniger Verlusten. „Auch der Markt wird, etwa bei den Pferdepensionsbetrieben, einen Druck zur Berücksichtigung der Leitlinien ausüben“, meinte Dr. Zech. So ergab eine Umfrage im Jahr 2007 unter Pferdebesitzern ein klares Votum für die artgemäße und gesundheitserhaltende Pferdehaltung.
Zur optimalen Umsetzung dieser Anforderungen haben sich Aktivställe mit Haltung in Gruppenlaufställen, angrenzenden Weiden und einem weitläufigen Funktionsbereich bewährt. Doch auch die Haltung in Einzelboxen kann artgemäß gestaltet werden, mit guter Belüftung, täglichem Weidegang mit Artgenossen, Paddocks und Futterdosierung.
Harmonie in der Ausbildung
Dass auch im Hinblick einer gesundheitsfördernden Ausbildung des Pferdes das Rad nicht neu erfunden werden muss, verdeutlichte Susanne Miesner in ihrem Vortrag „Die klassische, richtlinienkonforme Ausbildung der Pferde“. Die profilierte Ausbilderin und erfolgreiche Reiterin verwies auf die Heeresdienstvorschrift, die bereits 1912 die wesentlichen Grundlagen für die pferdeschonende, aber leistungsfördernde Ausbildung zusammenfasste. „Die Remonten mussten zu zuverlässigen, leistungsfähigen und langlebigen Partnern auch im Kriegsdienst ausgebildet werden. Das brauchte seine Zeit“, erinnerte die Referentin. Kernpunkte der Heeresdienstvorschrift bildeten die Forderungen, die heute in den – entmilitarisierten – „Richtlinien für Reiten und Fahren“ (FN Verlag) als unverzichtbare Skala der Ausbildung festgeschrieben sind: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten, Versammlung.
„Reiten ist wie Tanzen“, zog Susanne Miesner den Vergleich zu einer Paarbewegung, deren wichtigstes Element die Harmonie ist. Die heute im Dressurviereck und auf Abreitplätzen verbreitete absolute Aufrichtung, bis hin zum „Rollkur“ oder „Hyperflexion“ genannten Ziehen des Pferdemaules auf die Brust, verurteilte Miesner im Sinne einer artgemäßen Ausbildung als falsch und auf Dauer gesundheitsschädlich. Als Dilemma bezeichnete PM-Regionalsprecher Dieter Stut das Verhalten vieler Richter, die extremen, spektakulären Aktionen der Vorderbeine bei verspanntem Rücken und jenseits der diagonalen Abfußung gut zu benoten. „Erst wenn die Richter umdenken, werden auch Reiter und Ausbilder die schädlichen Ausbildungspraktiken ablegen“, sagte auch Miesner.
Anschließend thematisierte Lisa Kruse den „Einfluss der Reitbodenbeschaffenheit auf die Gliedmaßen des Pferdes“. Die Doktorandin der Agrarwissenschaften an der Universität Kiel erläuterte, wie schlechte oder falsche Reitböden Ursache für Lahmheiten sein können. Auch Dr. Sybil Moffat kam zu Wort. Die Sittensener Tierärztin stellte Chiropraktik als manuelle Diagnostik- und Behandlungsmethode fernab von dem in Medien häufig dargestellten gefährlichen Reißen an den Gliedmaßen vor.
Sylvia Träbing-Butzmann





