Pferd und Reiter
19.02.2010 -
Pferderassen im Portrait: Das Norwegische Fjordpferd
Auf den Koppeln in Schleswig-Holstein fühlen sich Staatsprämienstute Aleska Baroness und Elitestute Solstrale mit ihren Fohlen sehr wohl.
Familienpferd mit wildem Ursprung
Ob man Norweger, Fjordi, Fjordpferd oder Vestlandpferd sagt – gemeint ist immer die gleiche Rasse: das norwegische Fjordpferd. Die robusten Falben mit den typischen Merkmalen der Urpferde zählen heute zu den beliebtesten Familienpferden und sind von den Weiden Schleswig-Holsteins nicht mehr wegzudenken.
Bis zu 20 Fjordpferde tummeln sich auf den großen Weiden rund um das ehemalige Klosterland in Flethsee. „Unsere Herden setzen sich aus bis zu drei Deckhengsten, acht Zuchtstuten und einiger junger Nachzuchten zusammen“, erzählt Inka Störmann, die vor 15 Jahren das Anwesen kaufte und dort mit ihrem Lebensgefährten und der Familie ihrer Schwester das Fjordpferdegestüt Klosterhof betreibt. „Schon meine Eltern hatten einen Ponyhof mit vielen verschiedenen Rassen. Als ich zwölf Jahre alt war, kaufte mein Vater mir das erste eigene Fjordpferd mit Namen Roni Baron. Ich trainierte den Hengst und stellte ihn schließlich erfolgreich bei der Körung und Hengstleistungsprüfung vor. Er wurde Siegerhengst der damals noch gemeinsam gerichteten Gruppe der Haflinger und Fjordpferde und gewann die Hengstleistungsprüfung vor dem Zugschlitten“, erzählt die Hobbyzüchterin. Inzwischen ist der Elitehengst Roni Baron verstorben, aber Inka Störmanns Liebe zu den norwegischen Fjordpferden ist ungetrübt. „Ohne ihn hätte ich wohl nie angefangen, Fjordis zu züchten“, erzählt die hauptberufliche Erzieherin und Hauswirtschaftsmeisterin. Begeistert ist sie vor allem von dem unkomplizierten Charakter der Rasse. „Unsere Pferde überzeugen als Reit- und Fahrpferde und sind sehr geduldig mit Kindern und Reitanfängern.
Mit einem gut ausgebildeten Fjordpferd sind Fahrprüfungen, Dressur-, Spring- und Geländewettbewerbe möglich. Die Faszination liegt aber vor allem in der vielseitigen Verwendbarkeit eines Fjordpferdes: Während Mutti Dressur reitet, kann der Familienvater entspannte Geländeritte unternehmen, die Tochter voltigieren, der Sohn springen und Omi kann Kutsche fahren. Das Fjordpferd ist einfach ein vielseitiger Familienallrounder, der mit den Menschen durch Dick und Dünn geht“, erzählt Störmann, die zugleich erste Vorsitzende und Zuchtbeauftragte der Interessengemeinschaft Fjordpferd in Schleswig-Holstein und Hamburg und Rassebeirat im Pferdestammbuch Schleswig-Holstein/Hamburg ist. In ihrer eigenen Zucht legt Inka Störmann besonders viel Wert auf ein rittiges, bewegliches und zugleich freundliches, gutmütiges und gesundes Pferd. Charakteristisch für das norwegische Fjordpferd sind neben diesen Eigenschaften auch die ursprüngliche Falbfarbe und der dunkle Aalstrich, der sich vom Genick über die Mähne und den Rücken bis in die Schweifspitzen fortsetzt, sowie die unterschiedlich ausgeprägten Zebrastreifen und Ur- beziehungsweise Wildpferdezeichnungen an den Beinen und der Schulter. „Es gibt fünf Schattierungen der Falbfarbe. Hierbei variieren die Fellfarben und die Farbe des Aalstrichs. Die fünf zulässigen Falbfarben sind Braunfalb, Weißfalb und Graufalb mit einem schwarzen Aalstrich, Rotfalb mit einem roten Aalstrich und Gelbfalb mit einem gelben Aalstrich“, erklärt die Züchterin. Die schwarz-weiße Mähne wird meist traditionell kurz geschnitten. Die Gesamterscheinung des sehr trittsicheren norwegischen Fjordpferdes soll kräftig, robust, gut proportioniert und athletisch sein. Das heute angestrebte Stockmaß liegt bei 135 bis 150 cm.
Die genannten Attribute zeugen von der Ursprünglichkeit der Rasse. Die Heimat der Fjordpferde sind die westlichen norwegischen Distrikte, die Vestlands, die durch schroffe Berge und tief einschneidende Fjorde geprägt sind. Dort vermischten die Wikinger ihre Ponys mit auf Raubzügen erbeuteten Pferden. Vorfahren dieser nordeuropäischen Ponyrassen sind vermutlich aus Asien nach Skandinavien eingewandert und erklären so die unübersehbare Ähnlichkeit mit den Przewalski Pferden, der letzten noch lebenden echten Wildpferderasse aus der Mongolei. Mit ihnen hat das Fjordpferd die Wildfarbenzeichnung gemeinsam. Mit der Zeit wurden die Pferde immer mehr in der Landwirtschaft und für den Transport über die Berge eingesetzt. Aus dieser Zeit hat die Rasse ihre Trittsicherheit verbunden mit hoher Belastbarkeit und Genügsamkeit.
Bis ins späte 19. Jahrhundert wurden auch andere in Norwegen heimische Rassen, wie zum Beispiel die Kaltblutrasse der Dölepferde, eingekreuzt um das relativ kleine Fjordpferd größer und stärker zu züchten. Da diese Kreuzungen charakterlich nicht überzeugen konnten, wurden die nicht reinrassigen Pferde von der Weiterzucht ausgeschlossen. Das seitdem ’reingezogene Fjordpferd wurde durch die fortschreitende Technisierung der Landwirtschaft mehr und mehr verdrängt. Zwischenzeitlich kamen kriegsbedingt auf einen Fjordpferdhengst nur wenige Stuten. Daher wurden zeitweise auch Mischlinge als Fjordpferde in die Zuchtbücher eingetragen, bis ein neuer Beschluss über die Eintragung von reinrassigen Stuten erlassen wurde. Seit dem Jahre 1954 wurden nach und nach immer mehr reinrassige Fjordpferde aus Norwegen und Dänemark nach Deutschland importiert, und die Reinzucht der vielseitigen Freizeitpferde konnte fortan durchgesetzt werden. Um die vielseitigen Falben bekannter zu machen, bildete sich in Deutschland die Interessengemeinsaft Fjordpferd (IGF). Bundesweit zählt der Zusammenschluss 2.300 Mitglieder. Inka Störmann ist eines der 280 Mitglieder aus Schleswig-Holstein und Hamburg.
Melanie Kayser/Hafensänger





