Pferd und Reiter
19.12.2008 -
Bewegung im Winter
Foto: Pferde, die schwitzen, können sich erkälten. Deshalb empfiehlt es sich, Reitpferde zu scheren und danach der Witterung angepasst einzudecken.
Foto: Böckenhauer
Schrittreiten vor dem Training ist wie Zähneputzen
Die Mütze fast bis zur Nasenspitze herunter- und die Schultern bibbernd hochgezogen: Nach einem langen Tag im Büro fällt es so manchem Reiter schwer, noch einmal in die Kälte hinauszugehen. Doch es nützt nichts, das Pferd muss bewegt werden. Was im Sommer ein Vergnügen ist, wird im Winter mitunter zur Qual. Doch Profis wie Carsten-Otto Nagel raten sogar, die Pferde lieber zweimal kurz als einmal lang am Tag zu bewegen.
Während die Stallkollegen schon auf dem Weg ins Reiterstübchen sind, stapft man selbst erst noch durch die Dunkelheit zur Pferdebox. Vom Stübchen klingt das gedämpfte Gelächter der Reiter herüber. Dort wird im warmen Duft von Glühwein, Leder und Pferden gefachsimpelt, während man selbst beim schnellen Überputzen, Satteln und Trensen mit den steif gefrorenen Fingern kämpft. Gut, dass man dem Pferd eine Decke auflegt, unter die man beim Schrittreiten die eigenen Beine wickeln kann. Zwei, drei Runden Schritt, dann wird angetrabt. Mit großen Tritten geht es durch die Halle, ein paar Runden Trab und Galopp müssen genügen.
Von solchen kurzen Ausflügen zu Pferd hält Carsten-Otto Nagel gar nichts. Nur schnell ein paar Runden durch die Halle zu drehen, ist nicht nach dem Geschmack des erfolgreichen Springreiters. „Das hat nichts mit Reiten zu tun. Wer die Arbeit mit dem Pferd ordentlich machen will, braucht Zeit.“ Im Winter eher noch mehr als im Sommer, denn „Winterzeit bedeutet für die meisten Pferde vor allem eine längere Stehzeit und weniger Bewegung an der frischen Luft“, erinnert der Profi. Das gelte es, so gut es geht, auszugleichen. Wenn der Weidegang in vielen Betrieben wegen der schlechten Witterung wegfällt, muss der Reiter für ausreichend Bewegung des Pferdes sorgen. „Bei uns gehen die Tiere vorm Reiten eine halbe Stunde in der Führanlage. Dadurch sind sie schon aufgewärmt. Danach werden sie ungefähr eine dreiviertel Stunde unter dem Sattel gearbeitet“, erzählt Nagel, der auf Turnieren immer wieder mit talentierten jungen Pferden von sich reden macht. Zudem sei noch ein weiterer Marsch in der Führmaschine angesagt und – wenn die Witterung es erlaubt – gehe es auch im Winter nach dem Reiten auf die Weide. Natürlich mit einer extradicken Decke und „erst, wenn die Atmung wieder ganz normal ist und das Pferd kein nasses Haar mehr hat“. Wer keine Führanlage zur Verfügung hat, sollte laut Nagel wenigstens auf ein Paddock mit trockenem und elastischem Boden zurückgreifen können, damit die Pferde sich bewegen können. „Im Matsch stehen, das bringt außer Mauke nämlich nichts.“
Bewegung steht auch im Stall von Inga Zcwalina ganz oben auf der Wunschliste. „Im Winter steht bei uns zwar die Dressurarbeit im Mittelpunkt“, sagt die Springreiterin, ansonsten ändere sich aber am Training der Pferde nichts. „Ein paar Runden Schritt, Trab auf großen Bögen, rund eine Viertelstunde leichttraben und leichter Galopp, bevor man die Zügel noch mal aus der Hand kauen lässt.“ Erst dann beginne die Arbeitsphase. „Wenn möglich kommen die Pferde zweimal am Tag heraus, im Winter allerdings nicht auf die Weide“, erzählt die Berufsreiterin. Auf Abwechslung legt sie dabei besonders viel Wert. Laufen in der Führmaschine vor oder nach der Arbeit und zusätzlich sei immer gut, denn „je mehr Bewegung, desto besser“. Wer sein Pferd jedoch allein bewegt, ohne die Hilfe eines Bereiters oder einer Reitbeteiligung, dem sitzt mitunter der Zeitfaktor im Nacken, weiß die erfahrene Reiterin und Pferdetrainerin. Ums Schrittreiten vor dem Training, und vor allem um eine Aufwärmphase, komme man aber nicht herum: „Das ist wie das tägliche Zähneputzen“, sagt Carsten-Otto Nagel. So selbstverständlich, da brauche man nicht mehr drüber nachzudenken.
Die Schrittphase vor dem Training soll laut Dr. Volker Sill, Tierarzt der Pferdeklinik Bargteheide, vor allem dafür sorgen, dass die Bänder und Sehnen gut durchblutet werden, damit sie elastisch und geschmeidig sind. Gelenkoberflächen, Knorpel und Knorpeloberflächen müssen aufgewärmt sein und Flüssigkeit aufnehmen. „Sonst können sie die Druckbelastung in der Bewegung nicht abpuffern.“ Das gilt auch für die Arbeit an der Longe: „Ablongieren ist nicht immer vorteilhaft. Besonders dann nicht, wenn das Pferd aus der Box kommt, in der es stundenlang nur gestanden hat und an der Longe sofort losbuckelt. Da bevorzuge ich kontrollierte Trabarbeit unter dem Reiter.“ Eine nicht ausreichende Aufwärmphase könne auf Dauer zu Verschleißerscheinungen an den Gelenken, Bändern und Sehnen führen. Das sei wie beim Menschen. Da stehe auch keiner vom Sofa auf und starte bei einem Hundertmeterlauf. Zehn bis 15 Minuten Schritt zu Anfang einer jeden Trainingseinheit wären optimal, so der Tierarzt.
Ob die Aufwärmphase mit einer, zwei oder zehn Minuten Schrittreiten, -führen oder -longieren beginnt, liegt hingegen laut Tierärztin Dr. Gitta Reimers im Ermessen des Reiters, solange sich diese Phase auf geeignetem Boden abspielt. Laut Reimers gilt dabei: „Je schlechter der Boden, desto langsamer das Tempo und desto gerade die Linienführung.“ Grundsätzlich könne man davon ausgehen, dass ein Pferd ausreichend „angewärmt“ ist, wenn es zu schwitzen beginnt und einen Atemrhythmus zeigt, der der jeweiligen Gangart entspricht. Ein Patentrezept gibt es aber nicht. Da sind sich Tierärzte und Reiter einig. „Die Dauer des Aufwärmens richtet sich selbstverständlich nach Alter, Verwendungszweck, Ausbildungs- und Trainingszustand des Pferdes“, zählt Reimers auf. Bei einem älteren Tier dauere die erste Phase des Trainings länger, „es muss sich schließlich erst einmal einlaufen“. Wenn „aufwärmen“ bedeutet, dass das Pferd in allen Grundgangarten locker vorwärts bewegt werden kann, dann braucht ein durchschnittlich trainiertes Pferd ungefähr 30 bis 40 Minuten, bis es zum Beispiel in einer Dressur- oder Springprüfung an den Start gehen kann, so die Fachfrau. Auch die Tierärztin sieht keine Alternative zur gesunderhaltenden Aufwärmphase. „Wenn die Zeit wirklich mal sehr knapp ist, würde ich immer ruhiges Joggen an der Longe anstatt kurzes „Heizen“ unter dem Sattel empfehlen.“ Kontrolliertes Longieren ist mit besonders temperamentvollen oder jungen Pferden manchmal schwierig. Deshalb lernen die jungen Pferde bei Inga Zcwalina von Anfang an, auch an der Longe zuerst im Schritt zu gehen. Und nicht „Longe lang und los“. Pferde könnten auch Schritt an der Longe lernen, meint Dr. Sill. „Alles eine Frage der Disziplin.“
Solarium - ja oder nein?
In immer mehr Reitställen gehört das Solarium mittlerweile zur Grundausstattung. Während einige Reiter es ausschließlich zum Felltrocknen nach dem Training nutzen, stellt so mancher seinen Sportpartner auch schon einmal vorher unter das wärmende Licht. „Viele Pferde genießen die Wärme unter dem Solarium und entspannen sich dabei“, sagt Inga Zcwalina. Außerdem wärme es die Muskeln schon ein bisschen auf. Vor allem für den Rücken sei es empfehlenswert, meint Carsten-Otto Nagel. Diese Ansicht unterstützt Tierarzt Volker Sill: „Gerade die große Muskulatur am Rücken braucht lange, bis sie sich erwärmt.“ Das Solarium könne da schon einen Vorwärmeffekt erzielen. Auf zusätzliche, extra wärmefördernde Decken verzichten beide Bereiter. „Im Winter gibt es noch eine Decke oben drauf oder eben eine besonders dicke“, so Nagel. Aber ansonsten wären die Pferde im Winter nicht anders „eingepackt“ als im Sommer – keine „Wärmegamaschen oder ähnliches habe ich bisher probiert“, sagt Inga Zcwalina. Auch Dr. Sill sieht bei rückengesunden Pferden keinen Bedarf an zusätzlich wärmereflektierendem Zubehör. Wie viele Sportpferde sind auch die Tiere bei Zcwalina und Nagel im Stall geschoren. Deshalb ist auch die Atmung ausschlaggebend für die Länge des „Abpustens“. „Das dauert bei einem gut trainiertem Pferd nur ein paar Minuten“, weiß Nagel aus langjähriger Erfahrung.
Nicht mit vollem Magen
Die Berufstätigkeit zwingt viele Reiter in ein festes Zeitkorsett. Dadurch sind nicht nur die Reithallen immer zu der gleichen Zeit am frühen Abend überfüllt – auch der Magen- und Darmtrakt des Pferdes ist noch gut gefüllt, wenn man davon ausgeht, dass auf den meisten Anlagen zwischen 17 und 18 Uhr gefüttert wird. Dr. Gitta Reimers warnt jedoch davor, dem Pferd vor dem Training große und schwer verdauliche Futtermengen zu geben. „Durch die vermehrte Bewegung kommt es zu einer Umverteilung der Durchblutung. Die inneren, zur Verdauung benötigten Organe werden zu Gunsten des Bewegungsapparates sparsamer mit Blut versorgt.“ Das beeinträchtige den Verdauungsvorgang.
Generell sollte im Winter wesentlich mehr Raufutter gefüttert werden, das dem Pferd langanhaltende Energie zur Verfügung stellt. „Raufutter ist ein langsam brennender Treibstoff“, sagt Klaus Lübker vom „Pferdeteam Fütterung“, das Pferdebesitzern und Stallbetreibern mit Software zur Futterrationsberechnung zur Seite steht. Wichtig sei es, dass Futter regelmäßig untersuchen zu lassen, um den genauen Energiebetrag feststellen zu können. Nur so könne man feststellen, welches Futter das Pferd im Winter in welchen Mengen brauche. Manch ein Landwirt oder Stallbesitzer sei so verantwortungsbewusst, sogar die Aminosäuren (Eiweißbausteine) prüfen zu lassen, sagt der Futterexperte. Wichtig sei es auch, dem Pferd eine qualifizierte Mineralstoffversorgung zu bieten. Wer regelmäßig die Selbsttränke seines Tieres prüft, zieht ab bestimmten Temperaturen erschreckt die Hand zurück. Ziemlich kalt, was da so aus der Leitung kommt. Klaus Lübker rät deshalb, dem Pferd zwischendurch einen Eimer mit warmem Wasser hinzustellen. „Pferde lieben es, aus offenen Behältern zu saufen. Und das warme Wasser im Winter ist eine Wohltat und gesund.“ In der kalten Jahreszeit nehme manches Pferd zu wenig Wasser auf, unter anderem fehle auch die Feuchtigkeit, die das Tier sonst über das Saftfutter bekomme. „Ausreichend zu trinken ist für das Pferd nicht nur ohnehin lebensnotwendig“, sagt der Experte. „Wassermangel fördert auch Koliken.“
Regelmäßige Bewegung„Je mehr Bewegung, desto besser“: Inga Zcwalinas Motto findet sich auf vielen Höfen wieder, in denen das Stallpersonal die Pferde regelmäßig auf die Weide oder in die Führanlage bringt. „Die Haltungsform geht in Richtung Bewegung“, sagt Volker Sill. Paddockboxen seien zwar kein Ersatz für die Bewegung an der Longe oder unter dem Reiter, würden dem Pferd aber eine permanente kleine Bewegungsmöglichkeit bieten. Wichtig sei vor allem, dass das Pferd regelmäßig und gleichmäßig bewegt wird. „Tagelang nicht richtig mit dem Pferd zu arbeiten und dann alles an einem Tag nachholen zu wollen, ist das Schlimmste, was man dem Pferd antun kann“, sagt Carsten-Otto Nagel. Wer ein Pferd hat, müsse sich auf eine dauernde und regelmäßige Verpflichtung einstellen. Tägliche zweimalige Bewegung sei nicht nur für die Knochen und den Kreislauf gut, sondern verkürze dem Pferd auch die Zeit in der Box. „Die ,Warteperiode’ wird kleiner. Und die Gefahr einer Kolik sinkt zudem auch noch.“
Urte Kollek





