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Der Weg nach Jamaika ist weit. Foto: pixabay

Liebe Leser, die Grünen beanspruchen erneut die Agrarpolitik als ihre "Kernkompetenz". Dabei kann zum Beispiel die Grünen-Vorsitzende Katrin Göring-Eckardt offensichtlich nicht Glyphosat, Düngemittel und Neonicotinoide unterscheiden, was sie nicht davon abhält, darüber zu schwadronieren. Reaktion eines Bauernblattlesers: "Die haben doch keine Ahnung!" Die Entrüstung ist verständlich, der Beifall aus den eigenen Reihen gewiss. Aus dem alternativen Spektrum bekommt hingegen Applaus, wer da tönt, die konventionell wirtschaftenden Landwirte zerstörten aus Profitgier die Umwelt und beuteten die Nutztiere durch qualvolle Haltung aus – dasselbe in Grün.

Jeder muss sich mal Luft machen, das ist in Ordnung. Doch danach sollte man sich fragen, wie es weitergehen kann. Zunächst einmal ist es nicht wirklichkeitsnah, den (agrar)politischen Gegner über einen Kamm zu scheren. Weder die Grünen noch die Bauernschaft noch sonst eine gesellschaftliche Gruppe sind eine homogene Masse und schon gar keine Ansammlung von Idioten. Sie dazu zu stempeln, verunmöglicht jeglichen Diskurs. Aber der scheint vielerseits auch nicht gewollt zu sein. Da ist der Wunsch wohl eher, dass sich der Gegner in Luft auflöse.

Das wird er nicht tun, ja, es wäre noch nicht einmal wünschenswert. Demokratie lebt davon, dass die gesellschaftlichen Gruppen einen Gegenpol vorfinden, der Mängel, Missstände und Versäumnisse aufgreift und den Finger darauflegt und an dem man sich reiben muss – am besten mit Argumenten. Sonst hat man einen Einparteienstaat, in dem Selbstherrlichkeit und Erstarrung vorprogrammiert sind.

Derzeit deuten die Zeichen auf mehreren politischen Ebenen in Richtung Jamaika. Das ist von den betreffenden Parteien nicht gewollt, sondern durch Wahlergebnisse erzwungen. Jamaika wird mancherorts frohgemut, anderenorts mit Zähneknirschen angegangen. Es ist wie die Quadratur des Kreises: die Aufgabe, das Unmögliche möglich zu machen, das Unversöhnliche zu versöhnen. Warum sich diese Tortur antun? Weil die Wahlergebnisse eine gesellschaftliche Realität widerspiegeln. Die verschiedenen Sichtweisen – man mag sie durchaus Lager nennen – sind keine kurzlebigen Launen, sondern tief in der Gesellschaft verankert. Sie verschwinden nicht durch Neuwahlen, auch dann nicht, wenn dabei eine leichte Mehrheit für eine Zweiparteienregierung herauskäme. Der hohe Preis für Neuwahlen aber wäre mit großer Wahrscheinlichkeit eine viel geringere Wahlbeteiligung. Bei dieser Bundestagswahl ist die immerhin um rund vier Prozentpunkte auf 75,6 % gestiegen.

Jamaika ist ein von wenigen geliebtes Kind und vielleicht auch kein dauerhaftes Modell für die Zukunft. Aber es ist eine Aufgabe, die derzeit unausweichlich ansteht. Sie wird nicht gelöst, indem man dem Gegner "keine Ahnung" bescheinigt, ihn zum Teufel wünscht und darauf besteht, die eigenen Positionen ungeschmälert durchzuboxen. Das führt, wenn nicht zum Scheitern, höchstens zu einem Stillstand des kleinsten gemeinsamen Nenners. Die echte Chance besteht darin, neue, vielleicht bisher ungeahnte Perspektiven auszubrüten. Wie die aussehen? Keine Ahnung!

Herzlichst Ihr

Tonio Keller

Redakteur

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