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Es werden immer mehr alternative Fakten in die Welt gesetzt. Foto: pixabay

Tonio Keller. Foto: archiv

Liebe Leser, "der Mensch ist ein moralisches Tier in einem amoralischen Universum", hat der spanische Schriftsteller Carlos Ruiz Zafón geschrieben. Der Mensch könne gar nicht anders, als sich dies durch Mythen erträglich zu machen und sich so eine emotionale Antwort zu geben. Pikant dabei: Zafón lässt dies den Teufel sagen. Welterklärungen gibt es jedenfalls seit der Steinzeit bis heute, und es ist gut, wenn wir jeden nach seiner Façon selig werden lassen. Doch damit existieren zwangsläufig verschiedene Wertesysteme parallel. Manche vertragen sich, manche sorgen für Konflikte. Damit müssen wir leben in einer modernen, vernetzten Welt. Was man leichthin als Werteverlust beklagt, kann auch bloß die Konfrontation mit einem anderen Wertesystem sein.

Schlimm nur, wenn Werte ausschließlich dem Egoismus frönen, egal in welcher Kultur. Rabiates Verhalten im Straßenverkehr, dröhnende Musik in der Öffentlichkeit, Scherbenhaufen nach Feiern an öffentlichen Plätzen, Behinderung von Rettungskräften durch Gaffer, Vandalismus, kürzlich sogar an Insektenhotels – all das spricht eine beredte Sprache. So sieht es also aus, wenn Werte nur noch dem eigenen Vorteil dienen, am Ende sogar nur der Laune.

Bisher gab es jedoch zumindest unter aufgeklärten Menschen eine Plattform, die jenseits solcher Beliebigkeiten stand: die faktische Wahrheit. Wenn bei einer Versammlung 40 Menschen anwesend sind, dann sind es eben nicht 140 – auch nicht gefühlt und auch nicht "alternativ". Auf die Frage, ob der Briefträger heute schon da war, gibt es nur eine richtige Antwort: ja oder nein. Und auch wenn ich es nicht mehr in Erfahrung bringen kann, war er entweder da oder nicht.

Diese Beispiele sind zu simpel? Aber aus solchen simplen Tatsachen setzt sich unsere Welt zusammen! Die faktische Wahrheit zu achten, verlangt allerdings die Bereitschaft, ihr die eigene Person und ihre Befindlichkeit unterzuordnen. Das heißt, sich einem triftigen Argument zu beugen. Einzugestehen, wenn man sich in einem Punkt geirrt hat. Und daraus, falls erforderlich, Konsequenzen zu ziehen. Wer wirklich um Erkenntnis ringt, wird dazu bereit sein. Auf der Plattform der faktischen Wahrheit kann man sich treffen, jenseits von Religionen, Weltanschauungen und Wertesystemen. Sie kann die Menschen zusammenführen, weil sie nicht Macht, Mythen und Mutmaßungen unterworfen ist.

Doch gerade diese Plattform droht derzeit mehr und mehr zu wanken. Hochrangige internationale Politiker scheuen sich nicht, unwahre Behauptungen als "alternative Fakten" in die Welt zu setzen. "Fake News" werden als taugliches Instrument der Beeinflussung eingesetzt. Führende Wirtschaftsmanager haben wissentlich Kunden und Staatsorgane getäuscht. Gewiss ist so etwas schon immer vorgekommen, aber es wurde wohl noch nie – jedenfalls schon lange nicht mehr – so frech als opportunes und gesellschaftsfähiges Mittel der Wahl verstanden. Solange man Erfolg hat und nicht erwischt wird oder die Konsequenzen gering sind. Willkommen im unmoralischen Universum!

Eine Sache beruhigt allerdings: Die Wahrheit selbst ändert sich nicht dadurch, dass sie geleugnet wird. Der Briefträger war da oder nicht. Die Wahrheit wirkt auch ohne unser Zutun. Wenn wir sie achten, sind wir auf ihrer Seite.

Herzlichst Ihr

Tonio Keller

Redakteur

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