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Minister Robert Habeck sieht die moderne Tierhaltung im Rechtfertigungszwang. Foto: Kirsten Müller

Auf dem Tönnies-Forum in Berlin attestierte Robert Habeck, schleswig-holsteinischer Landwirtschaftsminister, der Nutztierhaltung aus ethischer Sicht ein Rechtfertigungsproblem. Die Tierhaltung diene nicht mehr der Versorgung mit lebensnotwendiger Nahrung. Der Tierhaltung und der Tötung von Tieren für Nahrungsmittelzwecke sei eine wichtige Begründung abhandengekommen. Ist das wirklich so?

Wer die Nutztierhaltung als Teil des menschlichen Lebens sieht, wird ihre Produkte nicht verschmähen. Wer die Nutztierhaltung für unethisch hält, muss in letzter Konsequenz zum Schluss der Peta-Gründerin Ingrid Newkirk kommen: "Es gibt keinen vernünftigen Grund zu glauben, dass ein menschliches Wesen besondere Rechte hat. Eine Ratte ist ein Schwein ist ein Hund ist ein Junge." Es sei keinesfalls absurd, auch gefährlichen Schädlingen ein Lebensrecht zuzubilligen. Folgt man der deutschen Tierrechtlerin Hilal Sezgin, so liegt die Grenze zwischen Mensch und Tier zwischen Wirbeltieren und wirbellosen Tieren. An ein Lebensrecht der Läuse im Haar und von Würmern im Bauch traut man sich (noch) nicht.

Es geht um die Würde des Tieres. Dabei kommt es nicht mehr darauf an, wie wir uns dem Tier gegenüber verhalten, sondern mit welcher Einstellung. Tiere seien um ihrer selbst willen da. Das ist natürlich gerade bei Nutztieren schwer eingängig. Denn es gäbe sie nicht ohne den Willen zur Nutzung. Seltsam: Wenn der Vogel den Wurm frisst, der Wolf das Schaf reißt oder das Bakterium das Wildschwein tötet, tastet dieses die Tierwürde nicht an.

Wir sind bei der Frage angelangt: Darf ein Mensch ein Tier, das ihn nicht angreift, töten, nur um Fleisch zu gewinnen, das er nicht zum Überleben braucht? Aus dem Unterschied zwischen Mensch und Tier leiten wir das Recht ab, Tiere töten und essen zu dürfen, aber auch, sie als Haustier und zum Sport zu nutzen.

Im Tierschutzgesetz steht: "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen." Was aber ist vernünftig? Ist der Fleischverzehr vernünftig? Fragen wir den Kleinbauern in Afrika oder Asien, er würde wohl mit Ja antworten.

  • Nutztiere tragen zur Ernährungssicherheit bei. Sie verwandeln organische Substanz in menschliche Nahrung. Immerhin sind 26 % der Landmasse unserer Erde Grünland, nur 12 % Ackerland. 
  • Tierische Ausscheidungen dienen oft als einziger Dünger und Brennstoff. 
  • Nutztiere übernehmen wichtige Rollen: als Zug- und Tragtiere, als Rohstofflieferant. 
  • Eigentum an Tieren stellt eine Versicherung für Notzeiten dar und gewährt ein Mindestmaß an individueller Unabhängigkeit. 
  • Wie wollen wir die Hungernden der Welt satt bekommen, ohne Tiere zu nutzen?

In Deutschland brauchen wir keine Tiere zum Überleben. Doch auch wenn Nutztiere in erster Linie zur Erzeugung von Lebensmitteln gehalten werden, ist das nicht alles. "Fast überall ist Schwein drin", konnte man 2011 im Mitgliedermagazin der Tierschutzorganisation ProVieh lesen. Die Autorin nennt Lakritz, Kaugummis, Gummibärchen, Kuchen, Eis und Energieriegel, aber auch Medikamentenkapseln. Hämoglobin aus Schweineblut filtert Schadstoffe aus Zigaretten. Cystein aus Schweinehaaren macht Brotteig knetfähig.

Mehr Schwein als im Badezimmer gibt es nur im Schweinestall. Fettsäuren aus Schweineknochen werden Seifen, Waschpulvern und Shampoos beigemischt. Cremes und Gesichtsmasken enthalten Kollagen aus Schweinegewebe, Zahnpasta Fett und Glyzerin aus Schweineknochen. Bis vor wenigen Jahren war Schweineinsulin die Rettung für Diabetiker. Heute gibt es gentechnisch hergestelltes Insulin. Heparin aus Schweinedärmen wirkt blutverdünnend in der Thromboseprophylaxe. Das Schwein gilt als vielversprechender Kandidat für Organtransplantationen. Der Dung der Tiere dient auch bei uns der Fruchtbarkeit landwirtschaftlich genutzter Flächen.

Es gibt also aus praktischer Sicht viele "vernünftige" Gründe, warum wir Tiere nutzen und töten. Am Ende tun wir es, weil es uns Menschen dient. Stellen wir Mensch und Tier auf dieselbe moralische Ebene, kommt uns in der Tat eine wichtige Begründung abhanden. Aber ist eine derartige Gleichstellung gerechtfertigt? Wir sollten uns nicht selbst erniedrigen, indem wir den Tieren unnötig Leiden zufügen. Wir sollten uns aber auch nicht dadurch erniedrigen, dass wir uns selbst zu Tieren erklären. Die Leugnung des Unterschiedes tastet am Ende die Würde des Menschen an. Peta-Chefin Ingrid Newkirk schreibt in ihrem Testament, zu Kampagnezwecken könnten Teile ihrer Leiche gegrillt, ihre Haut zu Leder und ihre Füße zu Schirmständern verarbeitet werden. Wer möchte dem folgen?

Wer Lebewesen vertreten will, die ihre "Grundrechte" weder verstehen noch ausdrücken können, der überhebt sich moralisch. Der rechtliche und moralische Aufstieg des Tieres hat am Ende die Erniedrigung des Menschen zur Folge. Hat das Menschsein inzwischen so wenig zu bieten, dass uns der Unterschied zum Tier nicht mehr auffällt? Bauen Kühe Hochhäuser? Komponieren Schweine Symphonien? Setzt sich der Wolf für den Tierschutz ein?

Unsere christliche Werteprägung unterscheidet deutlich zwischen Mensch und Tier. Zugleich fordert sie uns auf, der menschlichen Verantwortung für die Schöpfung nachzukommen. Deshalb genießt der Tierschutz in den westlichen Ländern eine Wertschätzung, die in vielen anderen Weltregionen realitätsfremd erscheint.

Das Nutztier wurde durch Züchtung in Tausenden Jahren an den Menschen angepasst. Weltweit gibt es etwa 20 Säugerarten sowie zehn Vogelarten, die wirtschaftlich genutzt werden. Sie teilen mit den "wilden" Artgenossen immer noch viele Verhaltensweisen, können mit diesen in der Natur aber nicht mehr konkurrieren. Doch auch Wildtiere sterben in der Regel keinen altersbedingten Tod. Auch wenn es hart ist: Tiere haben kein Recht auf Leben. Vor allem nicht in der Natur.

Robert Habeck schränkt dann doch ein: " Mein Ansatz ist nicht, dass alle Veganer werden und im Bioladen einkaufen." Wie er die Nutztierhaltung rechtfertigen will, wenn nicht als Lebensmittelerzeuger, wird nicht klar. Bleiben wir dabei: Es gibt einen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Wer das Tier zum Menschen macht, der wird selber zum Tier. Echter Tierschutz erfordert dagegen Menschlichkeit.

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