Zur Navigation springen Zum Inhalt springen

Foto: agrar-press

Prof. Uwe Latacz-Lohmann Foto: privat

Prof. Dr. Uwe Latacz-Lohmann leitet das Institut für Agrarökonomie der Christian-AlbrechtsUniversität zu Kiel, das 440 Bauern nach ihren Wünschen für die künftige EU-Agrarpolitik befragt hat. Die Antworten zu den Ergebnissen im Interview.
Kurz beschrieben - was ist dabei herausgekommen?

Prof. Uwe Latacz-Lohmann: In wenigen Sätzen zusammengefasst: Zwei Drittel der Befragten wünschen sich eine Fortführung der Direktzahlungen. Ein Drittel der Befragten spricht sich hingegen für die Abschaffung der Gemeinsamen Agrarpolitik in der gegenwärtigen Form aus - und zwar einschließlich der Direktzahlungen.

Wie begründen die Landwirte denn ihre ablehnende Haltung? Mit immerhin einem Drittel der Befragten ist das ja keine kleine Gruppe.

Sie hadern in erster Linie mit der Bürokratie der Direktzahlungen. "Wenn mal eine Ohrmarke fehlt, drohen mir Abzüge bei den Prämien, das kann doch nicht wahr sein", sagte mir ein Landwirt. Diese Gruppe von Landwirten lehnt staatliche Eingriffe in das Betriebsgeschehen und in landwirtschaftliche Märkte grundsätzlich ab. Sie wünschen sich eine Agrarpolitik, die ihnen größtmöglichen unternehmerischen Freiraum bietet. Das bedeutet auch: nur Minimalanforderungen im Bereich Umwelt und Tierwohl.

Können Sie sagen, wer sich hinter dieser Gruppe der Ablehner verbirgt?

Das ist nicht eindeutig zu sagen. Unsere Statistik steht da auf etwas wackeligen Beinen. Wir hatten vermutet, dass es sich hier um junge, unternehmerische Landwirte handelt, die den Betrieb gerade übernommen haben und richtig loslegen wollen. Unsere Ergebnisse zeigen aber ein anderes Bild: Es handelt sich eher um ältere Landwirte und solche ohne geregelte Hofnachfolge, weiterhin Landwirte, die in der Vergangenheit Probleme mit der Einhaltung der Düngeverordnung hatten (das hatten wir abgefragt).

Wie sieht es denn mit den zwei Dritteln der befragten Landwirte aus, die sich eine Fortführung der Direktzahlungen wünschen?

Sie lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Der überwiegende Anteil ist grundsätzlich bereit, im Gegenzug höhere Standards im Bereich Umwelt und Tierwohl zu akzeptieren. Das trifft auf knapp die Hälfte (46 %) aller Befragten zu. Sie sagen sinngemäß: Wenn die Direktzahlungen bleiben, können wir mit einer moderaten Verschärfung des Greenings leben, und beim Tierwohl sind wir auch zu Kompromissen bereit.

Und die zweite Gruppe?

Die bevorzugt die Fortführung der Direktzahlungen ohne Gegenleistungen. Also keine weiteren Kompromisse beim Greening, bei der Düngegesetzgebung und bei den Tierwohlstandards. Diese Gruppe der "Besitzstandswahrer" macht 20 % aller Befragten aus.

Zusammengefasst: Ein Drittel (34 %) aller Befragten will die Agrarpolitik am liebsten loswerden, 46 % sind zu Veränderungen bereit, wenn die Direktzahlungen erhalten bleiben, und 20 % wollen Direktzahlungen ohne Gegenleistungen.

Genauso ist es.

Was wollen denn die jungen, dynamischen Unternehmertypen?

Auch das ist nicht eindeutig zu sagen. Viele junge Landwirte fallen in die Gruppe der Veränderungsbereiten, also derjenigen, die sich für eine Fortführung der Direktzahlungen ausgesprochen haben, aber im Gegenzug bereit wären, striktere Umwelt- und Tierwohlstandards zu akzeptieren.

So ganz klar scheinen die Erkenntnisse der Umfrage nicht zu sein. Wie repräsentativ ist die Umfrage?

Das Ergebnis ist wahrscheinlich nicht repräsentativ, weil wir die Landwirte durch einen Aufruf in der landwirtschaftlichen Fachpresse zur Teilnahme an der Befragung motiviert haben. Es werden dann in erster Linie diejenigen mitmachen, die sich für die Thematik interessieren. Und das ist wahrscheinlich kein repräsentativer Querschnitt der deutschen Landwirte. Aber wir haben eine gute räumliche Abdeckung: Es haben Landwirte aus dem ganzen Bundesgebiet teilgenommen.

Was halten die befragten Landwirte denn von dem Vorschlag, dass sich die Agrarpolitik stärker um Risikomanagement und Krisenvermeidung kümmern sollte? Schließlich steckt die Milchpreiskrise ja noch so manchem in den Knochen.

Diesen Aspekt haben wir abgefragt, indem wir die Landwirte nach ihrer Zustimmung zu einem marktpolitischen Sicherheitsnetz gefragt haben. Und zwar auf niedrigem Niveau: für Milch zwischen 22 und 26 ct/kg und für Weizen zwischen 12 und 16 €/dt. Wir hatten damit gerechnet, dass die Landwirte so etwas gut finden, aber die Ergebnisse sprechen eine andere Sprache: Im Mittel lehnen die Befragten ein marktpolitisches Sicherheitsnetz ab. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Vermutlich bezweifelt die Mehrheit die Wirksamkeit eines solchen Sicherheitsnetzes, oder sie will nicht, dass die Politik darüber zu den alten Methoden der staatlichen Marktintervention zurückzukehrt. Lediglich die Gruppe der Veränderungsbereiten (46 %) findet ein solches Sicherheitsnetz in Ordnung.

Vor allem die Grünen-Politiker sagen: öffentliches Geld für öffentliche Leistungen. Was halten Sie von diesem Statement?

Im Grunde genommen ist die Forderung richtig, aber aus meiner Sicht zu kurz gesprungen. Richtig, weil die gegenwärtigen Direktzahlungen kaum einen Beitrag zur Lösung der Probleme des Agrarsektors leisten, als da sind: Tierwohl, Artenvielfalt, Gewässerbelastung, Treibhausgasemissionen und gesellschaftliche Akzeptanz. Zu kurz gesprungen, weil es noch viele andere Herausforderungen gibt, die es zu adressieren gilt. Ich nenne nur einige: Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft, Krisenfestigkeit und Risikomanagement, Stärkung der Landwirte und Erzeugerorganisationen in der Wertschöpfungskette.

Wird die anstehende Reform zu grundlegenden Änderungen in der Architektur der Agrarpolitik führen oder eher nur an kleinen Stellschrauben drehen?

Eine grundlegende Reform der GAP halte ich für unwahrscheinlich. Dafür gibt es in Europa zurzeit zu viele Großbaustellen: Brexit, Flüchtlingskrise und die Infragestellung des innergemeinschaftlichen Zusammenhalts durch populistische Politiker in einigen Mitgliedstaaten. In dieser Situation werden sich die Agrarpolitiker keinen Gefallen tun, eine weitere Großbaustelle zu eröffnen. Hinzu kommt, dass im Frühjahr 2019 eine Europawahl ansteht, und das bedeutet Neuzusammensetzung des Europäischen Parlaments und Neubesetzung der EU-Kommission im Oktober 2019. Das "Durchziehen" einer grundlegenden GAP-Reform innerhalb kürzester Zeit (Zieljahr 2020) mit einem neuen Parlament und einer neuen Kommission halte ich für nicht umsetzbar.

Also dann doch eher die kleinen Stellschrauben?

Vermutlich ja. Meine Prognose ist, dass die GAP nach 2020 ein wenig grüner und ein wenig "gerechter" daherkommen wird, indem das Greening verschärft wird und die Umverteilung der Direktzahlungen in Richtung kleinerer Betriebe forciert wird. Das löst aber leider keines der großen Probleme des Agrarsektors mit der Folge, dass der Druck in Richtung einer grundlegenden Reform 2025 plus steigen wird.

nach oben

Hinweis zur Nutzung von Cookies

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter.