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Dr. Heike Harstick. Foto: vdf

Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der Fleischwirtschaft (VDF), Dr. Heike Harstick, im Interview mit dem europäischen Presse- und Informationsdienst für Agrarpolitik, über ihre Erwartungen an die Politik, den mühsamen Weg zu Verbesserungen in der Fleischerzeugung und die Exportbemühungen der Bundesregierung.

Vor fast genau zwei Jahren hat der Wissenschaftliche Beirat Agrarpolitik in seinem viel besprochenen Gutachten Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der derzeitigen Nutztierhaltung geäußert und einen Umbau vorgeschlagen. Sie haben sich damals skeptisch geäußert. Hat sich Ihre Auffassung geändert?
Dr. Heike Harstick: Nein.

Brauchen wir einen Umbau der Tierhaltung in Deutschland?
Ich würde es "Umdenken" und "Weiterentwickeln" nennen.

Da ist die Fleischwirtschaft gefordert ...
Selbstverständlich. Nur: Weder der Landwirtschaft noch der Fleischwirtschaft oder einer der nachfolgenden Vermarktungsstufen allein könnte es gelingen, Veränderungen in der gesamten Breite der Tierhaltung und Fleischerzeugung zu bewirken. Ich glaube, das wird von außen so nicht wahrgenommen, aber wir sind seit dem Jahr 2000 intensiv dabei, die Fleischerzeugung gemeinsam weiterzuentwickeln.
In harten Auseinandersetzungen um jedes Detail ist es uns gelungen, eine kontrollierte Qualitätssicherung für die Fleischerzeugung vom Futtermittel bis zur Ladentheke umzusetzen. Die ist auf der Welt einmalig und bezieht inzwischen nahezu das komplette Schweinefleischangebot ein. Das QS-System ist zwar nicht publikumswirksam, aber ein Erfolg für jeden in der Produktionskette.
Die Initiative Tierwohl ist quasi ein Zusatzmodul zu QS. Sie konnte nur deshalb auf den Weg gebracht werden, weil es die Erfahrung gab, dass die oft sehr weit auseinandergehenden Vorstellungen und Forderungen der unterschiedlichen Stufen nach fairen Auseinandersetzungen auch zu guten Lösungen führen. Die Anregung für die Initiative kam im Übrigen aus der Fleischwirtschaft. Der Einzelhandel sowie die Landwirtschaft hatten eine hohe Bereitschaft, das Tierwohl gemeinsam und in der Breite zu verbessern. Es ist im ersten Schritt gelungen, und die zweite Phase ist ebenfalls beschlossen.

Wie stellen Sie sich eine angestrebte Verknüpfung der Brancheninitiative mit dem staatlichen Tierwohllabel vor?
Mit einer Überführung der Initiative Tierwohl in die Nämlichkeit und einer schrittweisen Weiterentwicklung der Anforderungen ab 2020. Der bewährte Kontroll-, Sanktions- und Zertifizierungsapparat könnte für das staatliche Siegel genutzt werden.

Bundesminister Schmidt will mit dem staatlichen Tierwohllabel auf den wachsenden Anteil der Verbraucher reagieren, die einen höheren Preis für Produkte zahlen wollen, bei deren Erzeugung besondere Tierschutzanforderungen eingehalten werden. Was halten Sie von diesem Ansatz?
Generell sicher ein gut gemeinter Ansatz. Um mehr dazu sagen zu können, ist noch zu wenig über die Ausgestaltung bekannt. Die angebliche Zahlungsbereitschaft der Verbraucher zweifelt allerdings selbst der Deutsche Tierschutzbund an und fordert deshalb, dass sich der Einzelhandel verpflichten müsse, kein Fleisch mehr ohne Label anzubieten, wenn das staatliche Label im Markt sei, da das teurere "Siegel-Fleisch" sonst keine Chancen habe.

Wie bewerten Sie die bisherigen Aktivitäten des Bundeslandwirtschaftsministeriums in Sachen Tierwohllabel?
Undurchschaubar.

Die Diskussion um eine Haltungskennzeichnung von Fleisch könnte nach der Bundestagswahl wieder an Fahrt gewinnen. Welche Position hat die Fleischbranche zu Vorschlägen, wie sie aus den Ländern, aber auch der Wissenschaft vorgelegt wurden?
Je nachdem, wer mit dieser Forderung kommt, dem ist entweder die politische Breitenwirkung wichtiger als die Umsetzbarkeit, oder er hat den Unterschied zwischen Ei und Schwein noch nicht erkannt. Selbst wenn es gelänge, Schweinehaltungen der Kategorien 0 bis 3 überzeugend zu definieren, wäre es noch lange nicht möglich, jedes Schnitzel und jede Wurst damit zu kennzeichnen. Zwischen landwirtschaftlichem Betrieb und Verbraucher liegt ein aufwendiger Verarbeitungs- und Logistikprozess, denn kein Verbraucher will ein ganzes oder halbes Schwein auf dem Teller, sondern ein portioniertes Teilstück.

Wie sollte nach Ihrer Auffassung die Neuausrichtung der Tierhaltung finanziert werden, deren Kosten der Wissenschaftliche Beirat auf 5 Mrd. € im Jahr veranschlagt?
Ideal wäre es, wenn die Verbraucher für mehr Tierwohl tatsächlich viel mehr zahlen würden, auch dann, wenn sie an der Ladentheke die Wahl hätten. Unabhängig davon, wie viele Milliarden eine verbesserte Tierhaltung kosten würde – das Geld wäre rausgeschmissen, wenn die internationale Wettbewerbsfähigkeit außer Acht gelassen würde. Denn dann hätte sich die Tierhaltung in Deutschland in weiten Teilen erledigt, und das hierzulande nachgefragte Fleisch würde in anderen EU-Mitgliedstaaten oder Drittländern erzeugt.

Bund und Länder haben sich für eine nationale Nutztierstrategie ausgesprochen. Halten Sie eine solche Strategie für erforderlich?
Ja. Angesichts der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung der Tierhaltung ist es erforderlich, sich auf gemeinsame Ziele und Maßnahmen für mehr Tierwohl zu verständigen. Die verschiedenen politischen und privatwirtschaftlichen Initiativen zeigen, dass für eine verbesserte Tierhaltung schon vieles auf dem Weg ist.

Was erwartet die Fleischwirtschaft dann noch von einer solchen Strategie?
Eine wissenschaftlich fundierte Zielvereinbarung sowie eine klare Folgenabschätzung für das Tierwohl, die Marktwirkungen und die ländlichen Räume.

Die Folgen des Magdeburger Kastenstandurteils beschäftigen derzeit Politik und Wirtschaft. Befürchten Sie einen Einbruch der Ferkelerzeugung in Deutschland?
Die Anzahl der Sauen haltenden Betriebe ist seit Langem rückläufig. Umbau- und Investitionsanforderungen werden weiter dazu beitragen.

Aus der Branche heraus gibt es scharfe Kritik am Vorgehen der Bundesregierung im Hinblick auf den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration. Warum?
Das nationale Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration wurde übereilt und ohne wirkliche Kenntnis über die Alternativen, die Vermarktungsmöglichkeiten für Eberfleisch, die Auswirkungen innerhalb der EU und das Wohlergehen der Ferkel erlassen. Inzwischen zeichnet sich ab, dass es keine ausreichenden Alternativen gibt. Die Grenzen der Eberfleischvermarktung sind so gut wie erreicht. Zu den Betäubungsmöglichkeiten gibt es noch keine klaren Vorgaben. Ist CO2 in Deutschland erlaubt, welche Gefahren bringt die Anwendung von Isofluran mit sich, wird eine lokale Betäubung zugelassen? Ob eine Kastration unter Vollnarkose überhaupt einen Vorteil für das Wohlbefinden der wenige Tage alten Ferkel bedeutet, wird inzwischen angezweifelt. Und gegenüber der Impfung mit Improvac bestehen große Vorbehalte. Dazu kommt, dass wir im Binnenmarkt leben und die Ferkel erzeugenden Länder um uns herum dieses Verbot nicht erlassen haben, wie im Übrigen kein einziger anderer Mitgliedstaat.

Was bedeutet das für die künftige Ferkelerzeugung hierzulande?
Wenn es vorteilhafter ist, die Ferkel und das Fleisch dort zu beziehen, wo das Verbot nicht gilt, wird das auch passieren. Die heimische Ferkelerzeugung würde drastisch zurückgehen, und einige Fleischverarbeiter sowie der Lebensmitteleinzelhandel würden vermutlich einen zusätzlichen Teil ihres Bedarfs im europäischen Ausland einkaufen. Was das für die Sauenhalter und die Schweinefleischerzeugung in Deutschland bedeuten würde, kann sich jeder an fünf Fingern ausrechnen. Im QS-System haben wir uns deshalb darauf verständigt, dass jegliches Schweinefleisch, das im QS-System vermarktet wird, nicht von Ferkeln stammen darf, die ohne Betäubung kastriert worden sind.

Das komplette Interview finden Sie in der Bauernblatt-Ausgabe 16/2017 unter der Rubrik "Agrarpolitik" und in der Bauernblatt-App.

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