Kommentar
21.06.2010 -
Wie gut sind die Schätzungen?
Die alte Ernte ist größtenteils vermarktet, der Erfassungshandel reinigt die Lagerstätten und bereitet die neue Kampagne vor. Kaum einer hatte nach den Schätzungen im Herbst und im Winter des laufenden Wirtschaftsjahres gedacht, dass das Angebot nochmals knapp wird. Die Zahlen sprachen für einen übervollen Markt. Entscheidend dürften für diese Entwicklung aber die guten Exporte gewesen sein, die zu dieser nicht mehr für möglich gehaltenen Nachfrage geführt haben. Was sagen die derzeitigen Schätzungen, und können wir diesen trauen?
Nachdem der Erfassungshandel die alte Ernte überwiegend abgewickelt hat, richtet sich der Blick auf die heranwachsenden Ernte. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach den Mengen und der Qualität. Letzteres wird sich erst in der Ernte zeigen. Die Mengen werden aber schon in diversen Schätzungen prognostiziert. Der Deutsche Bauernverband sieht einer Getreideernte von rund 46 Mio. t entgegen, das entspricht annähernd den vorherigen Schätzungen. Vielfach wird aufgrund der ausreichenden Niederschläge bereits von noch höheren Ernten gesprochen, zumindest wird von durchschnittlichen Erträgen ausgegangen.
Kurz vor der Ernte erhalten die Schätzungen des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums (USDA) immer eine große Aufmerksamkeit. Insbesondere an den Börsen wird dieser Bericht oft als Grundlage für die Kauf- beziehungsweise Verkaufsentscheidungen von Kontrakten genommen. In dem jüngsten Bericht vom 10. Juni 2010 wurde für die EU eine Weizenernte von 143 Mio. t angenommen, die Vormonatsschätzung wird dabei um 2 Mio. t verfehlt. Auch der Verbrauch wird in der EU mit 127,5 Mio. t um 1 Mio. t niedriger eingeschätzt. Die weltweite Weizenernte wird von dem USDA mit 668,5 Mio. t rund 3,7 Mio. t niedriger als die Vormonatsschätzung eingeordnet. Der Weltverbrauch bleibt mit 667,5 Mio. t in den Schätzungen des USDA auf dem vorherigen Stand. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Herabsetzung der erwarteten Endbestände von 198 aus 194 Mio. t. Zwar ist dieses eine nicht unerhebliche Veränderung, aber an der mehr als ausreichenden Versorgungslage wird sich dadurch kaum etwas ändern. Es sind immer noch 29 % des Verbrauchs, was ein mehr als ausreichendes Polster darstellt.
Für die Länder aus der Schwarzmeerregion wird insgesamt ein unverändertes Niveau (108 Mio. t) im Vergleich zu der vorherigen Schätzung unterstellt, gegenüber dem Vorjahr fehlen rund 5,7 Mio.t. Mit den unterstellten 34 Mio. t Weizenexport werden die vorherigen Schätzungen nach oben korrigiert, das Vorjahresergebnis von 35 Mio. t wird nur noch knapp verfehlt. Diese letzten Zahlen sind besonders interessant für den europäischen Markt, ist doch die Schwarzmeerregion einer der härtesten Konkurrenten auf dem Weltmarkt.
Beim Grobgetreide oder auch Futtergetreide, was auch den Mais beinhaltet, wird die Ernte mit 1.128 Mio. t rund 1,4 Mio. t niedriger als im Vormonat prognostiziert. Bei der Heraufsetzung des Verbrauchs – vornehmlich in den USA – wird von einem Abbau der Endbestände auf 192 Mio. t ausgegangen. Damit sinkt der Faktor Endbestand/Verbrauch von 18 auf 17 %. Das große Interesse der Bioethanolbranche in den USA sorgt für eine weitere Eingrenzung der Versorgungslage. Ein Teil dieser fehlenden Maismengen wird wohl durch Weizen ausgeglichen werden müssen.
Der internationale Getreiderat in London (IGC) hat in seinen Schätzungen die Endbestände nochmals nach oben korrigiert, das Angebot übersteigt weiterhin die Nachfrage um 4 Mio. t. Auch wenn die Schätzungen noch ein wenig voneinander abweichen, es bleibt bei einem reichlich versorgten Markt. Man mag die Schätzungen kritisieren und bezweifeln, es gibt dazu aber kaum eine Alternative, um den Markt im Vorfeld einzuordnen. Mit den vielen Informationen aus den einzelnen Ländern wie auch Informationen aus Satellitenaufnahmen werden die Schätzungen immer besser.
Wenn der Markt dann anders reagiert als die Schätzungen erahnen lassen, dann zeigt sich wieder einmal deutlich, dass nicht alles abschätzbar und prognostizierbar ist – ein Restrisiko bleibt weiter im Markt – sonst gäbe es ja auch keine Spekulation.
Bernd Irps, LK-Markt





