Kommentar
19.04.2010 -
Sojabohnen, Schweinebäuche, Milchpulver
Derzeit gibt es eine lebhafte Diskussion, ob auch Milchprodukte an den internationalen Terminmärkten gehandelt werden sollen. Begeben sich damit die Milcherzeuger und Molkereien in die „Hände von Zockern und Spekulanten“, oder ist dies ein sinnvoller Weg, die Risiken, die von starken Preisschwankungen ausgehen, zu mindern? Der Handelsstart von Milchprodukten an den Futuresmärkten scheint geebnet. Den Anfang macht das größte Projekt: Die Terminbörse in Chicago (CME) legt einen „globalen“ Magermilchpulverkontrakt mit sechs Lieferstandorten weltweit auf. Anschließend wollen die Börse in Neuseeland (NZX) und die Frankfurter Börse Eurex starten, diese Börsen haben mehr die regionalen Märkte im Blick. Während man in Neuseeland auf Vollmilchpulver setzt, soll in Frankfurt mit Magermilchpulver und Butter gehandelt werden. Bis zur Jahresmitte soll an diesen Börsen der Handelsstart erfolgt sein. Für die zweite Jahreshälfte hat die Euronext Liffe in Paris einen Future mit Magermilchpulver in Aussicht gestellt. Die Anlieferungsorte in Antwerpen, Rotterdam und Hamburg sollen für Marktanbindung des gesamten westeuropäischen Raums sorgen.
Nun sind Milchpulver und Butter keine landwirtschaftliche Roherzeugnisse wie Getreide, sondern Verarbeitungsprodukte. Somit werden vor allem Molkereien und Nahrungsmittelhersteller die Börse zur Preisabsicherung nutzen. Auch lassen sich aus den aktuellem Terminbörsennotierungen keine direkte Rückschlüsse auf den Milchpreis ziehen. Die Kursentwicklung dieser Produkte könnte jedoch wertvolle Informationen für die weitere Entwicklung, zum Beispiel der Auszahlungspreise, liefern. Der fast zeitgleiche Start des Handels an vier verschiedenen Börsenplätzen macht deutlich, dass man hier Wachstumsmärkte mit viel Volumen und große Preisschwankungen erwartet. So hat auch die Milchbranche ein großes Interesse am Terminhandel bekundet. Der Markteintritt an der Frankfurter Eurex wird beispielsweise vom Milchindustrieverband (MIV) mit vorbereitet. So gilt es für die unterschiedlichen Börsen, auch im Wettbewerb untereinander, Liquidität durch hohe Umsätze zu schaffen. Dies könnte etwas Geduld erfordern, da viele potenzielle Kunden den Handel erst einmal interessiert verfolgen wollen. Dennoch sollte die Chance, diese Instrumente zur Marktinformation und Risikoreduzierung zu etablieren, auch genutzt werden.
Als ein wichtiges Hilfsmittel könnte sich der Futureshandel mit Milchprodukten erweisen, wenn ab 2015 die derzeitige Milchquotenregelung ausläuft. Obwohl die Milchbranche immer wieder betont, dass die Milchquote nicht durch Lieferverträge zwischen Landwirt und Molkerei ersetzt wird, werden doch Regelungen zur Mengenplanung für möglich gehalten, um zum Beispiel einen besseren Saisonausgleich zu gewährleisten. Für diese wahrscheinlich eher kurzfristigen Vereinbarungen könnten die Kurse der Eckprodukte wie Butter und Milchpulver an den Terminmärkte als Basis der neuartigen Milchlieferverträge herangezogen werden. Aus diesen zukünftigen Referenzpreisen an der Börse könnte dann zum Beispiel der monatliche Milchgeldauszahlungspreis abgeleitet werden – ähnlich wie am Weizenmarkt, wo der Kurs an der Pariser Matif als Leitpreis gilt. Wie im Getreide- und Rapshandel üblich, könnten Milcherzeuger einen Teil ihrer zukünftigen Liefermenge direkt oder indirekt zum Beispiel über die Molkerei preislich absichern, wenn die Kurse eine kostendeckende Produktion ermöglichen.
Ob Lieferkontrakte auf Basis von Terminmarktnotierungen oder andere Instrumente, man sollte sich schon rechtzeitig Gedanken machen, wie man das Risiko der zunehmenden Preisschwankungen reduziert, denn nur der Betrieb kann wirtschaftlich überleben, der auch in Tiefstpreisphasen liquide bleibt.
Karsten Hoeck, LK-Markt





