Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

25.01.2010 -  

Russischer Winter

Beim Blick auf die, hierzulande seltene, weiße Winterlandschaft fühlt man sich oft in einen russischen Winter hineinversetzt. Dieser lässt sich am besten am warmen Ofen mit einem guten Stück Fleisch auf dem Teller ertragen. Dazu konnte die Regierung im Kreml jüngst eine Erfolgsmeldung verkünden: „Die Selbstversorgung mit Schweinefleisch ist in Russland 2009 auf über 70 % gestiegen!“ Bis 2012 hofft man die Marke von 80 % zu überwinden. Während in vielen anderen Ländern durch die Wirtschaftskrise die Konsumausgaben für Schweinefleisch gesunken sind,  stiegen die Preise in Russland deutlich an. Doch wird die höhere Selbstversorgung  nicht nur durch eine gesteigerte russische Produktion erzielt, sondern auch durch Konsumverzicht der Bevölkerung. Denn auch durch einen geringeren Verbrauch lässt sich die prozentuale Bedarfsdeckung erhöhen. Nun wirkt hier kein Appell zum Fleischverzicht – der russischen Hausfrau ist das Fleisch einfach zu teuer geworden, da die Regierung durch strikte Importkontingente und willkürliche Veterinärauflagen die Importmengen an EU-Schweinen und -Schweinefleisch zu drosseln versucht. Denn bislang ist der russische Markt noch von erheblichen Zufuhren abhängig. Nach Berechnungen der US-Botschaft in Moskau ist die Einfuhr von Schweinefleisch auf 475.000 t und der von Geflügelfleisch auf 780.000 t im vorigen Jahr gesenkt worden. Dagegen hat sich der Import von lebenden Schweinen aus der EU auf über 4 Mio. erhöht. Diese Lieferungen, die meist über Litauen abgewickelt werden,  waren auch hierzulande am Schweinemarkt spürbar. In Russland wurden die verarbeiteten Lebendimporte als heimische Produktion deklariert und sind der eigentliche Grund für die Erhöhung der Inlandsproduktion. Auf russischer Seite überlegt man derzeit, auf welchem Weg man die Lebendimporte drosseln kann. So gab es auf Druck der russischen Landwirte zuletzt Pläne, den höheren Zollsatz für Schweinefleisch auch auf die Lebendeinfuhren umzulegen. Derzeit  geht man jedoch davon aus, dass auch 2010 Lebendschweine aus der EU im bisherigen Umfang geliefert werden können. Insgesamt bleibt der Lebendviehexport im deutschen Agrarhandel eher unbedeutend. Im Jahr 2008 wurde Vieh im Wert von 326 Mio. Euro im Ausland abgesetzt. Dies entspricht jedoch nur 5 % der Exporterlöse für Fleisch und nur 0,7 % der gesamten deutschen Agrarexporte. Trotz einer Steigerung der Lieferungen in Richtung Russland  nimmt die Bedeutung der Schlachttierexporte insgesamt  weiter ab.
Durch die Auswirkung der Wirtschaftskrise und durch die Abwertung des Rubels um etwa 20 % sind Importwaren in Russland deutlich teurer geworden. Das spüren auch andere Exporteure von Agrargütern in Deutschland. So sanken im vorigen Jahr die Ausfuhren dieser Güter um 22 % in Richtung Russland. Auch die Ausfuhren in andere osteuropäische Länder reduzierten sich in ähnlicher Höhe.  Jüngst hat das Moskauer Landwirtschaftsministerium ein nationales Branchenprogramm vorgelegt, das als Ziel hat, bis 2020 ganz auf Schweinefleischimporte zu verzichten. Dazu sollen 2,1 Mrd. Rubel investiert werden.
Doch nicht nur die Einfuhren von Schweinefleisch, sondern auch Lieferungen von Rindfleisch werden zunehmend erschwert. So wurde kürzlich 17 deutschen Fleischverarbeitungsbetrieben vorübergehend verboten, Fleisch nach Russland einzuführen, nachdem bei Routineuntersuchungen schädliche Substanzen gefunden wurden.
Nun wird in diesen Tagen das russische Neujahrsfest gefeiert. Anschließend wird sich zeigen, zu welchen Bedingungen der Viehhandel in das neue Jahr  startet. Hiesiges Qualitätsfleisch gegen malerisches russisches Winterwetter wäre doch eine Verhandlungsbasis? 

Karsten Hoeck, LK-Markt

 


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