Kommentar
11.01.2010 -
Auf den richtigen Anruf warten
Kurz vor Weihnachten ging abends das Telefon bei einem Bullenmäster. Am Apparat ist der Viehhändler: „Der Schlachthof sucht dringend Tiere und bietet jetzt über 3,00 je kg SG für O3-Bullen. Wenn du liefern willst, komme ich morgen früh um 4 Uhr.“ Diese plötzliche Weihnachtsbescherung wurde den wenigen Mästern zuteil, die noch kurz vor den Festtagen über Stückzahlen verfügten, da sie ihre Ställe nicht schon Anfang Dezember geräumt hatten. Bislang galt, dass der Bedarf zum Weihnachtsgeschäft im Rindfleischbereich schon 14 Tage vor dem Fest gedeckt wird. Während der Feiertagswochen läuft dann nur noch der sogenannte Bestellmarkt, an dem vorher abgesprochene Stückzahlen an den wenigen Schlachttagen abgenommen werden. Eigentlich – doch in diesem Jahr setzte kurz vor dem Fest ein nicht erwarteter Ansturm der Verbraucher auf die Ladentheken mit Rindfleisch ein. Vor allem die Nachfrage nach den bislang so verschmähten edlen Rindfleischteilen wie Filet und Roastbeef übertraf die Erwartungen der Handelsketten und Fleischhändler. Aufgrund der schnell geräumten Kühllager wurde Nachschub bei den Schlachtbetrieben geordert. Diese hatten sich eigentlich schon auf eine ruhige Vorweihnachtszeit eingestellt und sahen sich plötzlich einem Kundenansturm gegenüber. „Da die gelagerte Ware binnen Stunden vergriffen war, wurden die edlen Teilstücke einzeln zugeteilt“, so ein Marktbeobachter. Da dringend Nachschub in Form von lebendem Schlachtvieh gebraucht wurde, gingen Anfragen an Erzeuger und Viehhändler, um zusätzliche Stückzahlen zu mobilisieren. Diese sahen sich plötzlich in einer sehr komfortablen Verhandlungsposition, die oftmals konsequent ausgenutzt wurde. Die Gebote für die knappen Stückzahlen zogen im Vergleich zu den Kursen der Vorwoche deutlich an. Dies galt besonders für die begehrte QS-Ware. Die Schlachtbetriebe sprachen von zum Teil völlig überhöhten Forderungen, die sich kurzfristig nicht im Fleischgeschäft umsetzen ließen, doch konnte sich meist die Erzeugerseite durchsetzen. Doch so ganz überraschend kam diese Entwicklung nicht. Schon in den Vorjahren gab es ähnliche Entwicklungen. „Der Bedarf für das Weihnachtsgeschäft ist immer schwieriger zu kalkulieren“, so ein Fleischgroßhändler. Viele Konsumenten und auch die Gastronomie entscheiden sich anscheinend erst in letzter Minute für den Rindfleischbraten zum Weihnachtsmenü. Dabei verlassen sie sich auf ein quasi unbegrenztes Angebot in den Fleischtheken und sehen von frühzeitigen Bestellungen ab. Die Ladenketten dagegen wollen hohe Lagerbestände dieser teuren Rindfleischartikel vermeiden und disponieren eher zurückhaltend, zumal überall von einer durch die Wirtschaftskrise geringeren Nachfrage nach teuren Fleischartikeln berichtet wurde.
So kann auch der Rindfleischhandel plötzlich in den Kreis der volatilen Agrargüter geraten. Gerade vor dem Hintergrund der reduzierten Mastbullenbestände im Land können sich solche Preisaufschläge auch zukünftig öfter ereignen. Wie beim Handel mit Raps und Weizen ist somit der Verkaufszeitpunkt, in Märkten mit schwankenden Kursen, ein oftmals ein entscheidender Erfolgsfaktor.
Dabei ist es jedoch oft notwendig, flexibel auf Marktsituationen zu reagieren, auch wenn diese außerhalb der bisherigen Vermarktungszeiträume und -gegebenheiten liegen. Da es angenehmer ist, angerufen zu werden, als selbst den möglichen Käufern für seine Schlachtrinder hinterherzutelefonieren, bleibt zu hoffen, dass die wenigen verbliebenen Bullenmäster im Land nur auf den entscheidenden Anruf warten müssen.
Karsten Hoeck, LK-Markt





