Kommentar
28.09.2009 -
Null Toleranz
Die europäische Futtermittelindustrie schlägt Alarm: Bereits Ende September könnten bei der Versorgung mit Sojaschrot Engpässe auftreten. Aufgrund der derzeit noch bestehenden Nulltoleranz für genveränderte Sojasorten (GVO-Soja), für die in der EU noch keine Zulassung bestehen, könnte die Versorgung mit dem wichtigsten Eiweißfuttermittel ins Stocken geraten. Besteht hier tatsächlich die Gefahr eines akuten Versorgungsengpasses oder ist dies nur eine künstlich aufgebauschte Diskussion, um die „Gen-Akzeptanz“ zu erhöhen?
Bei der Auseinandersetzung um die Null-Toleranz geht es nicht um den Einsatz von GVO-Soja als Futtermittel an sich, denn der ist in der EU bereits gängige Praxis. Sind die genveränderten Sojasorten in der EU zugelassen, können diese auch eingeführt und verfüttert werden. Es geht hier um Sorten, für die es noch keine EU-Zulassung gibt. Da vor allem in den USA laufend neue GVO-Generationen gezüchtet und großflächig eingesetzt werden, kommen die EU-Zulassungsstellen mit dem Genehmigungsverfahren nicht hinterher. Werden bei einer Einfuhrkontrolle kleinste Spuren einer nicht zugelassenen Sorte in einer Schiffladung festgestellt, so kann die Anlandung der gesamten Charge verhindert werden. So geschehen im Juni in Niedersachsen, als bei einer Futtermittelkontrolle eine Charge beanstandet wurde. Da bereits ein Großteil des Schrots verfüttert war, musste nicht die gesamte Menge vernichtet werden. Auch gibt es Fälle, dass Schiffe mit Sojaladungen nicht anlegen durften, da eine GVO-Verunreinigung befürchtet wurde. Um dieser Gefahr aus dem Weg zu gehen, wird derzeit oft auf Ware aus Südamerika zurückgegriffen, da in diesen Ländern bislang nur die EU-zugelassenen Sorten angebaut werden. Doch hier ist das Angebot durch die knappen Ernten begrenzt. Somit fordern die hiesige Futtermittelindustrie und viele Vertreter der Tierhaltung die Einführung einer Toleranzschwelle von 0,5 Prozent statt der bisherigen Null-Toleranz und eine Beschleunigung der EU-Zulassungsverfahren. Obwohl die bisherige EU-Agrarkommissarin Fischer Boel hier bereits Zustimmung signalisiert hat, ist man hierzulande eher zögerlich. Die Politiker der Regierungsparteien wollen sich nicht kurz vor der Bundestagswahl vorwerfen lassen, sich für einen erleichterten Einsatz von GVO-Futtermittel einzusetzen. Wie ideologisch die Diskussion geführt wird, zeigt sich, wenn man sieht, wie sich die Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner für ihr neues Lebensmittellogo „ohne Gentechnik“ einsetzt. Die Gegner des Einsatzes von Gentechnik in der Pflanzen- und Tierzucht wollen dagegen die Null-Toleranz unbedingt verteidigen. An dieser Barriere im Kampf für eine gentechnikfreie Land- und Lebensmittelproduktion hält man fest, um den Produzenten und Verbrauchern eine Wahlmöglichkeit zu erhalten.
Diese Diskussion macht vor allem deutlich, wie abhängig die Tierhalter in der EU von den Sojaeinfuhren sind. Auch mittelfristig wird es schwer sein, diesen Anteil durch den Einsatz von heimischen Eiweißpflanzen zu ersetzen. Die Farmer in Nord- und Südamerika werden sich auch weiterhin über die rege weltweite Sojanachfrage freuen können. Die Erzeugerpreise halten sich hier auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Somit lohnt sich auch der Einsatz des teuren GVO-Saatguts. Ob sich hierzulande ein Markt von garantiert gentechnikfreien Nahrungsmitteln etablieren lässt, muss sich zeigen. Die Diskussion um die Nulltoleranz sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass GVO-Futtermittel bereits im großen Umfang eingesetzt werden.
Karsten Hoeck, LK-Markt





