Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

23.03.2009 -  

Wo sind all die Kälbchen hin?

Der Bullen- und Kälbermastbereich hat im Lande einen deutlichen Einschnitt erlitten. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der letzten Jahre, wie hohe Milchpreise, hohe Kälber- und Futterkosten, sowie die Veränderungen auf der administrativen Seite wie Aufhebung der Schlachtsonderprämie und die Umlegung der Bullenprämie auf die Gesamtbetriebsprämie, haben viele Betriebe veranlasst sich von der Rindermast zu verabschieden. Gerade der Anteil der sogenannten Kombibetriebe, die neben der Milchproduktion die Mast als zusätzlichen Betriebszweig durchgeführt haben, hat sich deutlich verringert.
Wenn im Lande weniger Mastbullen gehalten werden, verringert sich auch der Bedarf an Nutzkälbern. Der so entstandene ‚Kälberüberschuss’, kann so nur überregional abgesetzt werden. In welchem Ausmaß das geschieht zeigen einige Zahlen aus der Statistik:
In Schleswig Holstein wurden nach Auswertung der HIT-Datenbanken im November 2008 ca. 373.000 Milchkühe gehalten. Dazu kommen noch ca. 52.000 Mutter- und sonstige Kühe. Nimmt alles seinen natürlichen Lauf, werden somit in Schleswig Holstein im Jahr über 400.000 Kälber geboren. Durch den leichten Anstieg der Anzahl der Milchkühe hat sich das Kälberaufkommen im letzten Jahr im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht erhöht. Während ein Großteil der weiblichen Kälber für die Bestandsergänzung genutzt wird, bleiben ca. 200.000 Bullenkälber die in der Rindermast Absatz finden müssen. Im Lande wurden zuletzt jedoch nur knapp über 100.000 männliche Mastrinder gehalten. Da sich diese Zahl zuletzt weiter verringert hat, werden mittlerweile über die Hälfte der anfallenden Nutzkälber außerhalb von Schleswig-Holstein gemästet. Einige Viehhändler berichten, dass sie statt der sonst üblichen 25 Prozent mittlerweile etwa 75 Prozent der gehandelten Kälber an die überregionale Kälbermast absetzen.
Die Betriebe, die der Rindermast treu geblieben sind, verzeichnen derzeit wieder steigende Deckungsbeiträge. Durch den Angebotsüberhang sind die Nutzkälber günstiger als im Vorjahreszeitraum. Gefallene Kraftfutterpreise und gestiegene Erlöse für Mastbullen, haben die Bullenmast wieder in die Wirtschaftlichkeit geführt. Trotz der desolaten Milchgeldauszahlungspreise und des derzeit weniger lukrativen Absatzes von Silomais an Biogasbetriebe, bleibt jedoch die Bereitschaft der Betriebe sich wieder mit der Bullenmast zu befassen, bislang eher gering. „Sind die Bullen erst einmal vom Hof, finden sie so schnell nicht wieder zurück“ so ein Viehhändler. Viele Betriebe bevorzugen eher wohl die Ausweitung der Milchproduktion und hoffen auf niedrige Quotenpreise. Auch die Änderung im Bereich der Rosé-Kälbermast hat dazu geführt, das die hier im Land übliche Form der Kälbermast weiter eingeschränkt wird. Obwohl sich die Kurse für Nutzkälber zuletzt etwas aus dem Keller hinausbewegt haben, wird man in diesem Frühjahr wohl vergeblich auf den sonst üblichen deutlichen Anstieg der Notierungen warten. Somit haben die wenigen Betriebe die noch über freie Stallplätze in der Bullenmast verfügen, derzeit günstige Einstiegsmöglichkeiten.
Insgesamt müssen sich die hiesigen Landwirte fragen, ob man einen traditionellen Wirtschaffszweig im Land behalten und evtl. wieder etwas ausbauen sollte, oder ob die heimischen, qualitativ hochwertigen Nutzkälber nur dazu gut sind, der überregionalen Kälbermast als günstiger Rohstoff zu dienen?

Karsten Hoeck, LK-Markt


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