Familie/Freizeit/Land und Leute
27.01.2012 -
In Angeln unterwegs: Von Brodlos nach Specklos
Bürgermeister Peter-Martin Dreyer (Mitte) bei einer Stippvisite in Brodlos. Er trifft hier zwei „keineswegs mittellose“ Berliner Freunde des Eigentümers Dr. Rothkirch. Foto: Hans-Joachim Köhler
Wenig Boden hieß wenig Brot und Speck
Nur einen halben Kilometer voneinander entfernt liegen im Naturpark Schlei zwei Winzlinge: Brodlos und Specklos. Selbst Bürgermeister Peter-Martin Dreyer, Oberhaupt der Gemeinde Rabenkirchen-Faulück, weiß nicht genau, was es mit diesen ungewöhnlichen Bezeichnungen auf sich hat. Sicher ist aber: Beide Ortsnamen beziehen sich auf ehemalige Katenstellen abseits des Dorfkerns von Faulück.
„Ich denke, Brodlos hat etwas damit zu tun, dass vor 1750 der dort lebende Kleinbauer auf seinem 1,4 ha großen Ackerland keinen Weizen anbauen konnte und deshalb ,brotlos’ blieb. Damals gab es noch keine einheitliche Rechtschreibung, sodass es egal war, ob sie ,brotlos’ oder ,brodlos’ schrieben. Analog dazu führten im nahen Specklos die Bewohner ein ebenso karges Leben: Offenbar waren sie in ihrem Kleinbetrieb aus wirtschaftlichen Gründen nicht imstande, eigenes Borstenvieh zu halten. Specklos ist ein Synonym für Einsamkeit und Stille, es sei denn, irgendwann würden die ersten Wildschweine auftauchen und Unruhe schaffen.
Der Siedlungsplatz Specklos liegt so versteckt in der Gemeinde Rabenkirchen-Faulück, dass man schon den ortskundigen Bürgermeister Peter-Martin Dreyer bitten muss, den Weg dorthin zu weisen. Der deutet kurz vor der Einmündung eines Grüner-Plan-Wegs in die Landesstraße von Kappeln nach Grödersby (L 25) rechter Hand auf ein Stück Land. Es war so klein, dass es schon zu früheren Zeiten einen Landwirt mit seiner Familie nicht wirklich ernähren konnte. 2011 wuchsen hier, auf 1,25 ha, rund 80 t grünen Rohstoffs heran – Futter für Biogasanlagen.
Den Annalen ist zu entnehmen, dass dieses Flurstück 1767 bei der Faulücker Fluraufteilung wegen seiner Dorfferne (3,5 km) als eine selbstständige Katen- oder Instenstelle angelegt wurde. Aber schon 100 Jahre später war in der Gebäudesteuerliste von diesem Anwesen keine Rede mehr. Das Haus und seine Bewohner waren für immer verschwunden.
Bürgermeister Dreyer stieß bei seiner Recherche im Internet auf einen Speckloser Familiennamen: Riese. Die Spur dieser Familie verliert sich in Dänemark. In dänischer Sprache ist von einem Mädchen namens Mary Magdalene Riese die Rede, das als 17-Jährige einen frühen Tod erlitt und auf dem Friedhof von Rabenkirchen bestattet wurde. Der Name des Mädchens und ihr Schicksal sind von dänischen Nachfahren offenbar dem Rabenkirchener Kirchenbuch entnommen worden. „Von dieser Spur wusste ich zuvor noch nichts“, merkt Peter-Martin Dreyer an.
Über den kleinen Ortsteil Neuwerk mit einem Bauernhof und Nebenhäusern erreichen wir Brodlos. Aus der einstigen Katenstelle von 1867 ist längst ein hübsches Ferienhaus geworden, das zur Sommerzeit von prächtigen Weinreben geradezu umzingelt wird. Heutiger Eigentümer ist der Potsdamer Facharzt Dr. Stefan Rothkirch.
Brodlos hat auch Tiefen erlebt. So verunglückte 1948 der damalige Eigentümer, Dachdecker August Schmidt, tödlich, als er auf dem Gleiskörper der Schleswiger Kreisbahn (heute Museumsbahnstrecke Kappeln-Süderbrarup) von einer Lok erfasst wurde. Seine ihn begleitende Frau überlebte schwer verletzt. Ab 1972 nutzte das Altamt Rabenkirchen das Anwesen in Brodlos als Sozialwohnung für eine kinderreiche Familie.
Dem Arnisser Wasserbauunternehmer Ingo Jaich (inzwischen verstorben) blieb es 1980 vorbehalten, durch Umbauten dem Anwesen Brodlos neues Leben einzuhauchen. Seither herrscht hier das Wohlgefühl für Menschen, die die Natur und die Ruhe lieben.
Dies gilt gleichfalls für andere Wohnplätze mit sonderbaren Namen in der größten Gemeinde des Amtes Kappeln-Land, dem mit 1.800 Einwohnern kleinsten Verwaltungsbezirk in Schleswig-Holstein. Wer Lust verspürt, weitere Niederlassungen mit exotischen Namen zu erkunden, hat es nicht weit bis nach Löwenstein, Fegetasch, Morgenstern oder Böhmen – dorthin, wo alle Straßen enden und die Welt noch ziemlich heil ist.
Hans-Joachim Köhler





