Familie/Freizeit/Land und Leute
25.08.2010 -
Lotti Boysen führt ein privates Kleinmuseum in Wippendorf
Sammlerin aus Leidenschaft
Die Landschaft Angeln ist reich an Dorfmuseen und volkskundlichen Sammlungen. Bislang kaum ans Licht der Öffentlichkeit gelangt ist aber das private Kleinmuseum in Wippendorf. „Ich bin ein Kind der Dachböden“, gesteht Lotti Boysen, die Inhaberin. Als kleines Mädchen spielte die heute 68-Jährige liebend gerne mit Gleichaltrigen auf dem Dachboden des ehemaligen Backhauses auf jenem Hof in Norderfahrenstedt, wo sie das Licht der Welt erblickte. Sie, handwerklich begabt und mit kreativer Ader, bezeichnet sich selbst als wissbegierig.
Im Laufe ihres Lebens hat die gelernte Bauzeichnerin, die während der Ausbildung Praktika in Tischlereien und auf dem Bau absolvierte, viele alte Gegenstände zusammengetragen, weil diese für sie einen ideellen Wert darstellten und deshalb erhalten bleiben sollten. Einfach Sachen wegzuwerfen, das war und ist nicht ihr Ding. Und so hat Lotti Boysen, die 1954 nach Atzbüll und 1965 durch Heirat nach Wippendorf in die Gemeinde Esgrus kam, alles aufbewahrt, was zur Geschichte ihrer Familie gehört und damit zugleich ein Stück Wippendorfer Historie spiegelt. Kein Wunder also, dass ein längst ausgedienter Kohlenschuppen den Rahmen für ihre Sammlung bildet, für „mein kleines Dorfmuseum“, wie sie sagt.
Ihre Sammelleidenschaft nahm schon konkrete Formen an, als sie als junges Mädchen bei der in Atzbüll lebenden Tante Marie im Obergeschoss die „besten Stube“ betrat. Alle Möbel waren mit weißen Tüchern verhüllt, damit sie nicht einstaubten. Ganz besonders neugierig machte sie eine geheimnisvolle Truhe, doch diese blieb lange Jahre fest verschlossen. Als das Möbelstück nach dem Tod der Tante geöffnet wurde, trat ein wahrer Schatz feinster bestickter Bettwäsche und Tischtücher zutage: Tante Maries gesamte Aussteuer.
Dass Lotti Boysen alte Sachen sammelt, sprach sich schnell im Dorf herum. So kam Stück um Stück zusammen: alles aus Wippendorf, vor allem von der Familie Vogel – das ist der Mädchenname der Sammlerin – und von einer benachbarten Familie namens Lund. Überhaupt kennt die Wippendorfer „Archivarin“ jeden Mitbürger in und auswendig – nach dem Motto: wer mit wem, wann und warum. Sie weiß eben im Dorf Bescheid, besser als Google.
Lotti Boysen wohnt auf dem ehemaligen Kleinbahngelände, dort gab es einst einen Warteraum der ersten und einen der zweiten Klasse. Doch die Zeit brachte wie überall gravierende Veränderungen mit sich: Die Gleise wurden bereits vor Beginn des Zweiten Weltkrieges abgebaut – sie wurden in Kriegsmaterial verwandelt. Im Bahnhofsschuppen lagerten danach Kohlen. Das Dorf versank in einen Dornröschenschlaf, als Bauhandlung, Kolonialwarenladen und Gaststätte eingingen, doch vergessen sind sie bis heute nicht. Teile von „Opa Lunds Gaststuuv“ gehören längst zu Lotti Boysens Museum, das nach Absprache – Telefon 04637-242 – besucht werden kann.
Während ihrer Berufstätigkeit als Bauplanerin, wobei sie auch selbst Bauzeichner ausbildete, kam sie viel in Angelner Privathäusern herum. Und da fand die Sammlerin manche schönen Objekte, die sie deren Besitzern abluchsen konnte. Lotti Boysen nahm solche Gaben gerne mit: „Ich konnte ja alles gebrauchen.“
Ob „Swienegel“ – ein Holzbalkenhobel mit mehreren Initialen –, ob „Plopp“-Flaschen der ehemaligen Wippendorfer Bierbrauerei Lumbeck, Nicolaus Lunds Tresen mit Ladenkasse oder Stickvorlagen: Das alles gibt es im Boysen-Museum für die „Jetztwelt“ und später die „Nachwelt“ zu sehen und zu bestaunen. Nicht zu vergessen: Sammeltassen en masse und viele nette Exponate, die einst in der „guten Stube“ üblich waren, „mein Schulaffe“, Handwerks- und Haushaltsgeräte, alte Puppenstuben, der Grogkessel von Tante Frieda Lund, eine hölzerne Salzlakenwanne für Pökelfleisch und jede Menge „Kledage“.
Ganz besonders in Ehren hält Lotti Boysen eine alte Blechdose ihres Großonkels Nicolaus Lund. Zwar hat sie diesen nie persönlich kennengelernt, weiß aber viel über ihn. In besagter Dose befanden sich mehrere Tüten voller Pfefferkörner. Doch aus den Körnern ist inzwischen Pulver geworden, und das kam so: Die Enkel langweilten sich, und, als die Oma nicht anwesend war, spielten sie in deren Museum. Mit einer handbetriebenen Kaffeemühle pulverisierten sie die Pfefferkörner. Natürlich war Lotti Boysen hinterher nicht begeistert, aber schließlich war das kein Beinbruch. Das Pfefferpulver kam kurzerhand in einen Plastikbeutel und zurück in die Dose. Obendrauf liegen die nun leeren und mittlerweile brüchig gewordenen Tüten mit des Großonkels Namenszug. Denn um diese Tüten, die noch immer einen würzigen Pfefferduft verströmen, geht es der privaten „Museumsdirektorin“ in Wirklichkeit. Es seien doch Erinnerungsstücke an eine gute alte Zeit, in der nichts fix und fertig abgepackt war, sondern gramm- und pfundweise abgefüllt wurde, sagt sie und packt die vorgezeigten Tüten vorsichtig wieder weg.
Ursel Köhler





