Schleswig-Holstein

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Familie/Freizeit/Land und Leute

25.08.2010 -  

Borschtsch ist ihr Leibgericht

Bild - Familie Maier aus Kasachstan in Kappeln: Sohn Eduard (17) und Ehemann Juri (37) lauschen dem Klavierspiel von Yelena Maier (37, v. li.).
© Foto: Ursel Köhler

Gut integriert in Angeln


„Integration“ ist das Zauberwort in der Debatte über den Umgang zwischen Ausländern beziehungsweise Personen mit ausländischer Herkunft, die in Deutschland leben, und den hier angestammten Menschen. Oft wird mangelnde Integration beklagt, aber es gibt auch gute Beispiele. Hans-Joachim und Ursel Köhler haben solche in ihrer Heimatregion Angeln gefunden und für das Bauernblatt beschrieben. Dabei zeigt sich: Integration ist immer eine Sache von beiden Seiten.


Einmal in der Woche kommt bei Familie Maier „Borschtsch“ auf den Tisch – diese Rote-Bete-Suppe ist für die aus Kasachstan stammende Familie ein Muss. Und zu besonderen Anlässen gibt es wie ehedem in ihrer alten Heimat Pelmeni – gefüllte Teigtaschen. Seit September 2001 leben Vater Juri (37 Jahre) und Mutter Yelena (ebenfalls 37) mit Sohn Eduard und Tochter Regina in Kappeln. Der 17-jährige Eduard besucht die Kappelner Realschule, die efljährige Regina ist Schülerin am Gymnasium der Schleistadt.


„Wir wollen arbeiten und unser eigenes Geld verdienen, wir wollen niemandem zur Last fallen“, sagen die Eheleute. Beide und natürlich auch die Kinder sind längst im Besitz deutscher Pässe. Sie stammen aus einem Land, das acht Mal so groß wie Deutschland ist, aber nur 16 Mio. Einwohner zählt. Als die Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre zerfiel, wurde Kasachstan wieder eine eigenständige Republik – so wie sie es bis 1918 war.


Juri Maier erblickte in dem 1.700-Seelen-Ort Turgenewka nahe der neuen Hauptstadt Astana das Licht der Welt. Dass er Maier heißt, erklärt er damit, dass seine Vorfahren vor über 300 Jahren von Deutschland nach Georgien auswanderten. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Familie Maier aufgrund der deutschen Abstammung in das Arbeitslager Karaganda in Kasachstan deportiert. Später blieben sie in Kasachstan, sodass Juri dort geboren wurde und aufwuchs.


Nach der Schule erlernte Juri in einer Maschinenfabrik den Beruf eines Drehers. Auch die Vorfahren seiner Frau Yelena waren mütterlicherseits vor langer Zeit von Deutschland gen Osten gezogen. Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater Ukrainer. In Kasachstan arbeitete Yelena als Musikerzieherin im Kindergarten und als Musiklehrerin in einer Schule. Kennengelernt haben sich die beiden bei einem Discobesuch, geheiratet wurde 1991. Beide lebten im Geburtsort von Juri Maier, der zwischendurch als Kraftfahrer arbeitete.


Die Lebensbedingungen verschlechterten sich in Kasachstan zunehmend, alles wurde knapp, erzählen die Eheleute. Sie erhielten keinen Lohn, Strom und Wasser fielen wochenlang aus, es gab Lebensmittelkarten. 1998 beantragten die Maiers die Umsiedlung nach Deutschland – dem wurde stattgegeben. Im Dezember 1999 traf die Familie mit ihren beiden Kindern im Lager Friedland in Niedersachsen ein, eine Woche später ging’s weiter nach Neumünster und wiederum eine Woche später nach Brodersby in Schwansen. Juri besuchte sechs Monate lang eine Sprachschule in Schleswig und gab seine Deutschkenntnisse an die Ehefrau weiter, die mit der damals noch kleinen Tochter zu Hause blieb und das russisch-deutsche Wörterbuch studierte. Zunächst arbeitete der Ehemann, dessen Dreherausbildung in Deutschland nicht anerkannt wurde, als Küchenhilfe in Damp, bis er Ende 2003 arbeitslos wurde. „Da haben wir viel Hilfe von den Einheimischen erfahren“, erinnern sich die Maiers gerne. In einem Kappelner Heizungs- und Sanitärbetrieb arbeitete er ab März 2004 als Hilfsarbeiter und konnte in dieser Firma im August des gleichen Jahres mit einer Ausbildung zum Anlagenmechaniker beginnen. Bereits nach zweijähriger Lehrzeit anstatt der üblichen dreieinhalbjährigen Lehre hatte er im November 2006 seinen Gesellenbrief in der Tasche – als Innungsbester. Seit August 2008 arbeitet Juri Maier bei einem Haustechnikbetrieb in Gelting, nachdem er zuvor kurzfristig im erlernten Beruf in Dänemark tätig war. Seit zwei Jahren steht für den Mann aus Kasachstan fest, dass er gerne seinen Meister machen möchte, doch der Besuch der Meisterschule in Heide ist teuer. „Ich muss kräftig sparen, um den weiteren Schulbesuch bezahlen zu können.“


Ehefrau Yelena machte erst bei Kappelns Kirchenmusikerin Annegret Bregas, dann bei deren Nachfolger Thomas Euler den Orgelschein. Seit 2002 ist sie für die Kirchengemeinde Arnis-Rabenkirchen tätig und begleitet in der Schiffer- und in der Marienkirche musikalisch die Gottesdienste und alle kirchlichen Amtshandlungen. Außerdem arbeitet sie seit Oktober 2008 als Klavierlehrerin in der Kappelner Zweigstelle der Kreismusikschule.


In der Familie wird sowohl Deutsch als auch Russisch gesprochen. Seit Kasachstan wieder selbstständig ist, ist eigentlich Kasachisch die dortige Amtssprache, doch die Maiers beherrschen diese nicht. Dennoch halten sie Kontakt zu den alten Freunden in ihrem Geburtsland. Heimweh haben sie aber nicht, denn sie fühlen sich in Deutschland wohl: „Hier haben wir Arbeit, hier verdienen wir Geld, hier gehören wir dazu.“


Längst sind weitere Verwandte der Maiers von Kasachstan nach Deutschland umgesiedelt – zum Beispiel der 27-jährige Großcousin Vitali Tajbert. Der lebt in Stuttgart und hat sich als siebenmaliger deutscher Boxmeister im Superfedergewicht Ende 2009 in Kiel den Weltmeistertitel geholt. Juri und Yelena Maier: „Wir haben den Kampf live miterlebt und sind stolz auf unseren Vitali.“


Ursel Köhler


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