Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Familie/Freizeit/Land und Leute

20.08.2010 -  

Na, das ist ja’n Ding






Richard und Margaret


Seit Mittag hat es geregnet. Auf unserer Wanderung quer durch Nordengland treffen wir völlig durchnässt und genervt bei unserer Unterkunft ein, die wir telefonisch gebucht hatten. Es ist ein einzelnes landwirtschaftliches Gehöft mit einem Herrenhaus. Margaret begrüßt uns und zeigt uns die Unterkunft: einen umgebauten Stall, ausgestattet mit zehn oder zwölf Stockbetten. Deshalb soll die Übernachtung also nur 10 £ pro Nase kosten! Was im Moment das Wichtigste ist: Wir sind im Trockenen.


Richard, der Bauer, kommt und heizt uns den Kamin ein. Er ist ein kräftiger, gutmütiger Typ, der das Herz auf der Zunge trägt. „Seit Ostern waren jeden Tag Leute da. An einem Wochenende waren es 45, sie haben überall gezeltet“, erzählt er und macht keinen Hehl daraus, dass ihn das nervt. Aber die Landwirtschaft werfe nicht mehr genug ab, man müsse halt sehen, wo man bleibt. Sind wir überhaupt willkommen? Doch, ich habe dennoch das Gefühl, dass wir es sind.


Margaret fragt, ob wir zu Abend essen wollen. Nichts lieber als das! Aufgetischt wird im Salon des Herrenhauses, der davon zeugt, dass der Platz schon bessere Tage gesehen hat. Wir bekommen vornehmes Besteck und Geschirr vorgelegt. An den Wänden hängen großformatige Gemälde und Zeichnungen der Familie von hohem künstlerischem Niveau. Drei Gänge werden uns angeboten, Suppe, eine Pastete mit Kartoffelbrei, Pudding. Auch ein Glas Wein? Warum nicht! Ich habe schon lange nicht mehr so gut gegessen.


Derweil erfahren wir, dass wir nicht die einzigen bleiben im Stockbettzimmer. Es kommen noch vier junge Engländer, einer von ihnen zeltet, sowie ein Paar mit etwa zwölfjähriger Tochter. Letztere sind sichtlich genervt von den Umständen, können jetzt aber auch nicht woandershin und finden sich drein. Spät abends sitzt die Notgemeinschaft zusammengedrängt im Kaminzimmer, derweil auf einer Stange die nassen Sachen qualmen. Wir inhalieren eine ordentliche Dosis Kohlenmonoxid.


Am Morgen dann die Rechnung: Es stellt sich heraus, dass die Bettwäsche extra kostet, das Frühstück, das Glas Wein, alle Gänge separat, es wird nicht ganz billig. Margaret plaudert unentwegt. Richard muss zu den Kühen.


Auf dem Hof humpelt ein alter Hund auf drei Beinen herum, sehr geschickt. Er hat das vierte schon als Welpe bei einem Unfall verloren. Wir wandern weiter. Es war die interessanteste Unterkunft auf unserer Reise.


Tonio Keller


transparent  


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