Familie/Freizeit/Land und Leute
06.08.2010 -
Engagement älterer Menschen – ein Gewinn für uns alle
Foto 1: Auf Schädlingssuche: Die Rapsglanzkäfer bleiben den AG-Lehrpfad-Mitgliedern, fast alle sind erfahrene Landwirte, nicht verborgen. Fotos: Silke Bromm-Krieger
Foto 2: Die Eheleute Jepsen sind dank des Oma&Opa-Mietservices heute glückliche Leih-Großeltern. Foto: privat
Ehrenamt statt Rentnerfrust
„Die Rolle, die ältere Menschen in unserer Gesellschaft einnehmen, ist nicht die, hinter dem Ofen zu sitzen und auf das Ende zu warten oder sich im Konsum- und Reiserausch zu ergehen“, betonte Alterswissenschaftlerin und Bundesfamilienministerin a. D. Ursula Lehr anlässlich des Tages der älteren Generation am 7. April. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen im dritten Lebensabschnitt engagieren sich ehrenamtlich in den unterschiedlichsten Bereichen. Eine Seniorengruppe aus dem Kreis Plön und Erika Denker aus Nordfriesland haben der Bauernblatt-Autorin Silke Bromm-Krieger erzählt, warum sie sich im Ruhestand für andere Menschen einsetzen.
Mehrere Hundert Schulkinder werden demnächst den „Lehrpfad Kulturlandschaft Bothkamp – Hof Siek“ in der Region Barkauer Land im Kreis Plön besuchen. Also bewaffnen sich an diesem nasskalten Vormittag acht Männer mit Hacke und Grubber, um auf den Schaubeeten des Geländes Unkraut zu jäten. In wenigen Tagen wollen sie außerdem Führungen, Rundgänge und Aktionen auf dem 3 km langen Pfad anbieten.
Sinnstiftende Tätigkeit
Dr. Hardwin Traulsen (67) ist heute mit von der Partie. „Was wir hier machen, ist eine höchst sinnvolle Aufgabe. Den Leuten zu zeigen, wie Landwirtschaft funktioniert, ist eine hervorragende Zielsetzung“, meint der ehemalige Mitarbeiter der Landwirtschaftskammer. Als der Experte für Landtechnik in den Ruhestand ging, hatte er schon Jahrzehnte in den unterschiedlichsten Ehrenämtern gewirkt. Nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst die Hände in den Schoß zu legen, kam für ihn nicht in Frage. Genauso wenig wie für die anderen 18 Mitstreiter um „Motor“ Günter Wachholz (67).
Die Gruppe gründete sich vor rund sieben Jahren als eine Arbeitsgemeinschaft (AG) des Bürgervereins Barkauer Land. Mit der Eröffnung des Lehrpfades im Jahr 2004 wurde eine Idee realisiert, die Günter Wachholz schon lange mit sich herumtrug: Menschen in Stadt und Land die Natur in der Kulturlandschaft näherzubringen. Nach dem Eintritt ins Rentenalter hatte der ehemalige Technische Leiter der Firma Basf in Siek endlich Zeit, seinen Ideen Taten folgen zu lassen. Die Begeisterung des Diplom-Agraringenieurs für das Projekt wirkte ansteckend. Ihm gelang es, unzählige Akteure, Ämter, Bürgermeister, Vereine und Sponsoren mit ins Boot zu holen. Der Funke sprang ebenfalls bei Grundeigentümer Conrad von Bülow über. Er stellte der Arbeitsgemeinschaft Flächen und Wege zur Verfügung.
Seit dem Startschuss kümmert sich die „AG Lehrpfad“ in Kooperation mit anderen helfenden Händen um die Pflege und den Weiterausbau des Geländes. „Etwa 100 Stunden pro Jahr und Person sind wir hier im Einsatz“, schätzt Herwig Trube (67), pensionierter Oberstudienrat. Günter Wachholz bringt es als AG-Koordinator, Öffentlichkeitsarbeiter und Ideengeber auf rund 500 Stunden. „Das ist für mich keine Last, sondern bereitet mir jede Menge Spaß“, versichert er.
Landwirt Hans Martens (68) weiß genau, warum er mit anpackt: „Der Lehrpfad ist der Mittelpunkt der Gemeinde und ein wunderschöner Wanderweg, von dem die ganze Region profitiert. Ihn für die Allgemeinheit in Schuss zu halten, macht mir Freude.“
Nach Beobachtungen der Senioren ist es auf dem Lande sehr häufig die Generation „60 plus“, die bereit ist, ein Ehrenamt zu übernehmen. „Die jungen Leute haben heutzutage meist keine Zeit mehr dafür. Das ist schade. Wie soll es weitergehen, wenn wir einmal nicht mehr können? Uns fehlt leider der Nachwuchs“, gibt Hans Martens zu bedenken.
Soziale Kontakte pflegen
Alle Männer betonen, dass sie ihr Ehrenamt als Hobby sehen. Ein Hobby, das für sie eine gute Möglichkeit bietet, soziale Kontakte zu pflegen und körperlich aktiv zu bleiben. „Der fachliche Austausch untereinander und die Gespräche und Diskussionen mit den Besuchern über anspruchsvolle Themen wie Gentechnik oder Landbau halten uns zudem geistig fit und rege“, ergänzt Herwig Trube. „In unserem Ehrenamt geben wir viel, aber wir bekommen auch viel zurück. Wir fühlen uns für das, was wir hier auf die Beine stellen, wertgeschätzt“, bringen es die Ehrenamtlichen auf den Punkt.
Für Erika Denker aus Nordfriesland kam es ebenfalls nicht infrage, im Ruhestand die Beine hochzulegen. Die 65-Jährige lebt mit Ehemann Robert in einem Eigenheim in Breklum. Im Jahr 2006 gaben die zweifachen Eltern ihren landwirtschaftlichen Betrieb im Cecilienkoog an Sohn Jan weiter. Mit der Übergabe war die Entscheidung verbunden, den Hof zu verlassen. „So wurde auch räumlich deutlich, dass für uns ein neuer Lebensabschnitt begann“, blickt Erika Denker zurück.
Als langjährige Vorsitzende des LandFrauenvereins Bredstedt-Reußenköge schaute sie sich sehr frühzeitig nach einer jüngeren Nachfolgerin um und arbeitete diese ein, bevor sie selbst einfaches „Handtaschenmitglied“ wurde. Die Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft nahm sich vor, als Ruheständlerin noch einige Stunden berufstätig zu sein. So leitet sie einmal in der Woche bei den Fachkliniken Nordfriesland eine Kochtherapie-Gruppe für Patienten mit psychischen Erkrankungen.
Der Startschuss für ihr neues Ehrenamt fiel im Januar 2009. Zuvor hatte die LandFrau des Öfteren mit ihrer Bekannten Andrea Pietrock gesprochen. Die Mutter zweier kleiner Kinder war von Köln nach Nordfriesland umgezogen. „Andrea berichtete mir, wie schwer es für sie ist, in der neuen Heimat keine Großeltern zu haben, die bei der Kinderbetreuung kurzfristig einspringen können. Mir war schnell klar, dass ihre Situation kein Einzelfall ist. Es musste noch mehr Familien geben, die eine Oma oder einen Opa in der Nähe schmerzlich vermissen. Und es musste Senioren geben, die weit weg von den Enkelkindern wohnen und trotzdem gern regelmäßig Kontakt zu Kindern hätten. Andrea fragte mich irgendwann, ob ich mithelfen will, diese beiden Seiten zusammenzubringen. So war unsere Idee, einen Oma&Opa-Mietservice zu gründen, geboren.“
Oma&Opa-Mietservice
Ob es in der Region tatsächlich einen Bedarf gab, ermittelte Andrea Pietrock bei den Schulen und Kindergärten. Erika Denker stellte in den LandFrauenvereinen des Amtsbereiches Mittleres Nordfriesland ihre Idee vor. Von allen Seiten kam Zuspruch für das geplante Projekt. So machten sich die beiden Frauen ans Werk, ein Konzept für den Oma&Opa-Mietservice zu entwickeln, ein Infoblatt zu erstellen und die Rahmenbedingungen für ihre Vermittlungstätigkeit festzulegen. Eine Redakteurin der örtlichen Tageszeitung griff in einem Artikel das Vorhaben des engagierten Damen-Doppels auf. Amtsvorsteher Hans-Jakob Paulsen unterstützte die Frauen nach Kräften. Sogar der Norddeutsche Rundfunk reiste an und drehte für das Schleswig-Holstein-Magazin einen Filmbeitrag.
„Aktuell stehen bei uns zwölf Familien in der Warteschleife, die dringend eine Oma oder einen Opa suchen. Leider sieht die Resonanz bei der älteren Generation eher verhalten aus“, bedauert Erika Denker. Wird es konkret, „kneifen“ viele Senioren, so ihre Beobachtung.
Ehrenamt sitzt im Blut
Bis zu 20 Stunden im Monat setzt Erika Denker für ihre ehrenamtliche Aufgabe ein. „Ich habe in meinem Leben schon immer etwas für andere Leute gemacht. Das Ehrenamt sitzt mir im Blut. Das habe ich von meinem Vater geerbt, der war genauso“, schmunzelt sie. Ihre freie Zeit für eine gute Sache zu nutzen, sei für sie eine Selbstverständlichkeit. „Für Kinder sind Großeltern wichtige Bezugspersonen. Leider ist der Kontakt zwischen den Generationen aus verschiedenen Gründen nicht in jedem Fall möglich. Ihn wieder in Gang zu bringen, ist mir ein persönliches Anliegen. Auch die Unterstützung junger Familien liegt mir am Herzen“, benennt die Großmutter eines Enkels ihre Motivation fürs Ehrenamt.
Für die Zukunft haben sich Erika Denker und Andrea Pietrock vorgenommen, besonders die ältere Generation für die Teilnahme am Oma&Opa-Mietservice zu gewinnen. So wie es bei dem Ehepaar Jepsen aus Bredstedt erfolgreich gelang. Die Leihgroßeltern fanden dank der Vermittlung eine vierköpfige „Enkelschar“, mit der sie heute toben, spielen, basteln oder spazieren gehen.
Silke Bromm-Krieger
Informationen zum Ehrenamt
Die vorgestellten Projekte:
Lehrpfad Kulturlandschaft Bothkamp – Hof Siek, Günter Wachholz, Tel.: 0 43 29-9 29 50; E-Mail: guenter-wachholz@t-online.de, Internet: www.bothkamp.de
Oma&Opa-Mietservice, Erika Denker, Tel.: 0 46 71-60 18 75
Datenbank
Derzeit wird eine landesweite Datenbank für Angebote von Ehrenämtern und Suchenden eingerichtet unter www.ehrenamt-sh.de
Bürgerstiftungen
www.buergerstiftung-region-ahrensburg.de
www.buergerstiftung-ostholstein.de
www.buergerstiftung-ratzeburg.de
www.buergerstiftung-region-rendsburg.de
www.buerger-stiftung-stormann.de
Ehrenamtsbörsen
EhrenamtNetzwerk SH: www.ehrenamtnetzwerk.de
Ehrenamtsbörse Kiel: www.nette-kieler.de
Ehrenamt in Lübeck: www.ehrenamt-in-luebeck.de
Ehrenamt in Flensburg: www.ehrenamt-flensburg.de
Freiwilligenzentrum von und für Menschen mit Behinderungen: www.mittenmang.info/
Zum Weiterlesen:
„Endlich Zeit für … Ehrenamt“, Band 1, von Marcus Buchholz, Lutherisches Verlagshaus, 9,90 €, ISBN 978-3-785909-51-5
Ein Überblick über das breite Angebot der Einsatzmöglichkeiten. Mit Kurzporträts von Ehrenamtlichen aus unterschiedlichen Bereichen. Eine gute Orientierungshilfe für Einsteiger.
Das Jahrbuch 2010 „Älter werden in Schleswig-Holstein“, unter anderem mit vielen Beiträgen und Impulsen zum bürgerschaftlichen Engagement älterer Menschen steht zum Download bereit unter www.seniorenpolitik-aktuell.de





