Schleswig-Holstein

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Familie/Freizeit/Land und Leute

06.08.2010 -  

Mario Kleinschmidt, der Erfinder der „Notart“

Bild - Mario Kleinschmidt, der Erfinder der „Notart“


Im weißen Arztkittel behandelt der Künstler Mario Kleinschmidt seine Patienten aus Stoff, bevor er sie „einweckt“ und damit „unsterblich“ macht. Foto: Hans-Joachim Köhler


Onkel Doktor für „ausgeliebte“ Gegenstände


Skorpione aus Metall belagern ein Rad und streben vergeblich an die Spitze. Kleine, graue VW-Käfer fressen sich an einem morschen Baumstamm satt. Dies alles sind spielerische Kreationen, und die Werke folgen dem Prinzip der Verfremdung und Überraschung. Der 46-jährige Mario Kleinschmidt, in Sterup aufgewachsen, kümmert sich in seinem Atelier in der zum Kunsthaus umgestalteten alten Meierei von Scheggerott in Angeln vor allem um kranke und von Kindern verstoßene Stofftiere und Puppen.


„Zu mir kommen Patienten, die von der Schulmedizin aufgegeben wurden und denen nur noch die Kunst helfen kann“, sagt Mario Kleinschmidt. Er rettet sie mit seinem speziellen „Notart“-Programm vor der Müllabfuhr und konserviert sie nach medizinischer Behandlung in Einmachgläsern – so wie es Hausfrauen mit ihrer selbst gemachten Marmelade tun. Mario Kleinschmidt erhält diese „ausgeliebten Objekte“ auf ungewöhnliche Weise der Nachwelt.


Leicht wird von Außenstehenden die „Notart“ (Kunst in der Not) mit dem Notarzt verwechselt. Für den Kunstschaffenden verschmelzen beide Begriffe, sobald er sich einen weißen Kittel überstreift und mit der „Behandlung“ beginnt. Da kann es vorkommen, dass er bei einer Operation eine lädierte Stoffpuppe mit einer neuen Füllung versorgt, fremde Gliedmaßen anpasst und Köpfe vertauscht, ehe sie eingeweckt werden. Kleinschmidt nutzt jede Möglichkeit, um die Betrachter seiner Objekte zu verblüffen und zu irritieren. Irgendwie scheinen die Produkte aber immer Geschichten zu erzählen, zumindest in der Fantasie der Kunstfreunde.


Im Alter von zehn Jahren bekam Mario zu Weihnachten von seinen Eltern ein Radio geschenkt. Anstatt Musik zu hören, baute er das Gerät auseinander und brachte die „Innereien“ in einem neuen, selbst gefertigten Gehäuse unter. Seither ist quasi nichts mehr vor ihm sicher. Er, der Erfinder der Notart, sammelt und hortet alles, was ihm in die Finger kommt: schrottreife Fernseher, alte Fahrräder und sogar Mopeds, Elektrogeräte und ausgedientes Spielzeug. Diese Materialien präpariert Mario Kleinschmidt, verwandelt sie und erweckt sie ideenreich und mit geschickten Händen zu neuem Leben.


Sein eigener Lebensweg führte den Künstler nach dem Realschulabschluss in Süderbrarup und einer beruflichen Ausbildung zum Fliesenleger alsbald nach Berlin. Dort schloss er sich einer Gruppe von jungen Aktionskünstlern an und beteiligte sich an gemeinsamen Großprojekten. Drei Jahre später richtete er sich auf dem 600 m2 großen Dachboden eines zum Gut Lindauhof gehörenden Stallgebäudes ein neues Atelier ein. Dort, in unmittelbarer Nähe zum „Landarzt“-Dreh, schmiedete und schweißte er hauptsächlich Skulpturen aus Metall zusammen – getreu seiner Linie, Schrott in Kunst zu verwandeln. Sieben Jahre später zog es ihn aus privaten Gründen nach Hamburg-St. Pauli, wo er in einer Gewölbehalle neben der Werkstatt sogar einen Verkaufsladen und eine Bühne nutzen konnte.


Einem Onkel kaufte er vor zwei Jahren die alte Scheggerotter Meierei ab, damals eine leer stehende Immobilie mit kaputtem Dach und Fenstern sowie 50 m3 Hausmüll in den Räumen. Die Müh und Plag der Renovierung hat Mario Kleinschmidt längst vergessen, denn hier, wo er als Kind gelegentlich zu Besuch war, erfüllte er sich einen Traum. Ein botanischer Blickfang hinter dem Haus ist ein hundertjähriger Walnussbaum, der im vergangenen Herbst 35 kg Ernte abwarf.


„Jetzt bin ich Galerist und Meierist zugleich“, sagt er schmunzelnd und führt die Besucher durch seine von Objekten belagerten Räume bis hin zu einem gruseligen Badezimmer, in dem eine offensichtlich „verblutende“ Schaufensterpuppe mit letzter Kraft versucht, aus der Duschkabine zu steigen und um Hilfe zu rufen. Vom Mörder fehlt jede Spur. Alfred Hitchcock lässt auch in Scheggerott grüßen.


Hans-Joachim Köhler


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