Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Familie/Freizeit/Land und Leute

02.08.2010 -  

Konzert des Schleswig-Holstein Musikfestivals auf Gut Altenhof

Bild - Konzert des Schleswig-Holstein Musikfestivals auf Gut Altenhof

Foto 1: Das Raschèr Saxophone Quartet (v. li.) Christine Rall (Sopran-), Bruce Weinberger (Tenor-), Kenneth Coon (Bariton-) und Elliot Riley (Altsaxofon) begeisterte im Kuhstall von Gut Altenhof.


Foto 2: Der Kuhstall wurde 1711 noch vor dem Herrenhaus erreichtet. Das damals reetgedeckte Gebäude brannte 1944 nach einem Bombentreffer nieder und wurde noch bis Dezember wieder aufgebaut. Seit 25 Jahren ist der Stall ein Konzertsaal.


Fotos: Tonio Keller


Vier Saxofone erobern sich die Klassik zurück


Johann Sebastian Bach und Henry Purcell kannten kein Saxofon, denn das wurde erst 1840 von dem Belgier Adolphe Sax erfunden. Das hält das „Raschèr Saxophone Quartet“ nicht davon ab, Stücke der beiden Barockkomponisten auf eben diesen Instrumenten zu spielen – nebst modernen Werken, die extra für Saxofon geschrieben sind. Das war zu erleben bei einem Konzert des Schleswig-Holstein-Festivals im Kuhstall auf Gut Altenhof bei Eckernförde.


Saxofon verbindet man mit Jazz, und tatsächlich hat erst der Jazz ihm zum Durchbruch verholfen, obwohl es eigentlich für das klassische Orchester erfunden wurde. Auf Gut Altenhof zeigten vier Meister dieses Instrumentes die „sinfonische“ Seite des Saxofons: Stücke aus Bachs „Kunst der Fuge“ erklangen so weich wie auf Flöten und Klarinetten und so ausgewogen wie von Fingern auf einem einzigen Klavier. „Das Quartett hat keine führende Stimme, es ist demokratisch organisiert“, sagt treffend das Programmheft.


In den 1930er Jahren hat der berühmte klassische Saxofonist Sigurd Raschèr (1907-2001) ein solches Quartett gegründet, und das gegenwärtige, gegründet 1969, beruft sich nicht nur im Namen auf diese Tradition. Raschèr hatte es verstanden, zeitgenössische Komponisten für das Saxofon zu begeistern, etwa Alexander Glasunow (1865-1936), der für ihn das Quartett B-Dur schrieb, das in Altenhof erklang: fünf Sätze verschiedenster Ausprägung, mal von einer Bach-Fuge nicht weit entfernt, mal wie ein Posaunenchoral vom Kirchturm, dann à la Schumann, à la Chopin, zuletzt wie eine schnelle Polka, wo der übermütige Bursch sein Mädel nicht gerade achtsam herumreißt. Überhaupt die schnellen Sätze – da sind die Saxofone in ihrem Element, wobei sie bei den langsamen, da sie nicht wie im Jazz improvisieren dürfen, zum schnarrenden Dauerton verdonnert sind, was den Bach- oder Purcell-Interpretationen doch etwas abträglich ist.


Nicht so bei dem Stück, das der US-Amerikaner Philipp Glass (geboren 1937) extra für dieses Quartett geschrieben hat. Vor 15 Jahren hat es die Gruppe beim Schleswig-Holstein-Musikfestival uraufgeführt und seitdem über 150 Mal gespielt. In jedem Satz hat ein anderes Instrument die Führung: Das Sopransaxofon singt wie eine Flöte, gespielt auf dem Kutschbock, während unten die Räder rollen. Das Baritonsaxofon führt ein Streitgespräch, bei dem jeder das letzte Wort haben will. Das Tenorsaxofon wägt tiefe Gedanken ab: Vielleicht ist es so? Oder so? Das Altsaxofon leitet eine muntere Schar von vier Köchen an, die den Brei nicht verderben und auch nicht anbrennen lassen. Dieses Gericht war ohne Zweifel der Höhepunkt des Konzertes.


Tonio Keller


transparent  


[Gesamtansicht] · [drucken] · [top]