Familie/Freizeit/Land und Leute
02.08.2010 -
Serie: Gut integriert in Angeln – 4. Folge: Sokol Braho in Kappeln
Er hat in Angeln längst ein neues Zuhause gefunden: der in Albanien geborene Sokol Braho mit seiner Frau Maike und den Töchtern Alissa (2. v. r.) und Meriann. Foto: Ursel Köhler
Flucht aus Albanien mit vielen Hürden
„Integration“ ist das Zauberwort in der Debatte über den Umgang zwischen Ausländern beziehungsweise Personen mit ausländischer Herkunft, die in Deutschland leben, und den hier angestammten Menschen. Oft wird mangelnde Integration beklagt, aber es gibt auch gute Beispiele. Hans-Joachim und Ursel Köhler haben solche in ihrer Heimatregion Angeln gefunden und für das Bauernblatt beschrieben. Dabei zeigt sich: Integration ist immer eine Sache von beiden Seiten.
Die Umzugskartons standen kürzlich schon wieder parat, denn die bereits viel umhergereiste Familie Braho war mal wieder auf dem Sprung. Vater Sokol (34), Mutter Maike (35) und die Töchter Alissa (5) und Meriann (3) verließen die Gemeinde Stoltebüll, doch diesmal zogen sie nur in das wenige Kilometer entfernte Kappeln um. Der Abschied von dem Ortsteil Wittkiel, in dem die Familie seit November 2001 lebte, ist ihr nicht leicht gefallen, aber die neue Wohnung sei allergiearm, und die Gesundheit der Kinder habe Vorrang, so sagen die Eltern.
Spätestens seit der gebürtige Albaner Sokol Braho 2005 für eine aktive Mitgliedschaft in die Feuerwehr Wittkiel eingetreten ist, fühlt sich die Familie in Stoltebüll zu Hause. Aber der Feuerwehr hält er auch nach dem Wohnungswechsel die Treue, und die Töchter gehören weiterhin dem Bastelkreis der Kirche in Toestrup an.
Die Vergangenheit von Sokol Braho entbehrt nicht einer gewissen Dramatik. Als jüngstes von sieben Kindern 1975 in Roskovec – 120 km südlich der albanischen Hauptstadt Tirana – geboren, arbeitete er bereits als 14-Jähriger in seinem damals kommunistischen Heimatland in einer landwirtschaftlichen Genossenschaft, um Geld für die Familie zu verdienen. In der Freizeit besuchte er parallel eine Abendschule. Die brach er jedoch ab und machte sich als 17-Jähriger zu Fuß das erste Mal über die Berge auf den Weg nach Griechenland. Was er dort an Drachmen verdiente, reichte aus, um seine Familie finanziell besser unterstützen zu können. Zurück in Albanien wurde er für 15 Monate zum Militär einberufen.
Im April 1995 flüchtete Braho mit zwei Cousins und anderen Albanern auf einem Boot nach Italien und arbeitete ein halbes Jahr auf einer Tomatenplantage. Im September kletterte er dann in einen Zug Richtung Deutschland – in Mainz war Endstation. „Da holte mich die Polizei raus, denn ich hatte kein Visum und keine Fahrkarte.“
Sokol Braho beantragte in Deutschland Asyl, kam in ein Sammellager in Eisenhüttenstadt. Sein Antrag wurde abgelehnt – dagegen erhob der Albaner Einspruch und erhielt zunächst eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Nächste Station war für ihn ein Asylbewerberheim in Luckenwalde bei Berlin.
Bei einem Unfall in einer Palettenfabrik verlor Sokol Braho vier Finger der linken Hand, woraufhin ihm eine Arbeitsunfähigkeitsrente zugesprochen wurde. Die Berufsgenossenschaft ermöglichte ihm den Besuch der deutschen Sprachschule in Berlin. Es folgten ein sechsmonatiger Reha-Vorbereitungslehrgang und von 1999 bis 2001 im Rahmen einer überbetrieblichen Ausbildung eine Fotografen-Lehre in Bad Pyrmont. Dabei lernte der Albaner seine heutige Frau Maike, geborene Erdmann aus Sörup, kennen. Die Krankenschwester ließ sich in Bad Pyrmont umschulen. Schnell stand fest, dass nach Ende der Ausbildung geheiratet werden soll, doch für eine Eheschließung in Deutschland fehlten Sokol Braho die erforderlichen Papiere. Also wurde umdisponiert und am 12. September 2001 im Geburtsort des Ehemannes in Albanien standesamtlich geheiratet. Dabei lernten in einer deutsch-albanischen Begegnung auch die jeweiligen Eltern einander kennen.
Im November des gleichen Jahres folgte Braho seiner Frau Maike nach Wittkiel, wo sie bereits für eine Wohnung gesorgt hatte. Die junge Familie vergrößerte sich um die Töchter Alissa und Meriann, die heute den Waldorf-Kindergarten in Kappeln besuchen. 2005 beantragte der Albaner, inzwischen mit unbefristeter Aufenthaltsgenehmigung, die deutsche Staatsbürgerschaft – ein Jahr später erhielt er sie, denn alle Voraussetzungen waren erfüllt. Sokol Braho: „Ich hatte Arbeit, war der deutschen Sprache mächtig und hatte in Deutschland eine Berufsausbildung absolviert.“ Als die Kinder noch ganz klein waren, trugen die Eheleute Braho nachts Zeitungen aus, um tagsüber abwechselnd für die Kinder dazusein. Er erstellte eine Arbeit für den Naturschutzbund Nabu, während sie sich in einem Steuerberatungsbüro ausbilden ließ. Maike arbeitet heute stundenweise als Sprechstundenhilfe in einer Kappelner Arztpraxis. 2007 stieg Sokol Braho als Mitarbeiter bei der Kappelner Dienstleistungsgesellschaft ein und kehrte Anfang 2009 nach zwischenzeitlicher Beschäftigung als Staplerfahrer in einem Söruper Betrieb in diesen Job zurück.
Auch wenn der gebürtige Albaner weiterhin via Internet und durch regelmäßige Besuche engen Kontakt zu seiner Familie in Albanien hält, möchte er in Kappeln bleiben – mit Dienst in der Feuerwehr Wittkiel, Engagement als Blutspender und dem gemeinsamen Fußballspiel mit Freunden. Für Sokol Braho steht fest: „In Deutschland fühle ich mich zu Hause und möchte zurückgeben, was ich Gutes erfahren habe.“
Ursel Köhler





