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16.07.2010 -
Mit Nivea „schmierte“ er Kunst und Sozialkultur
Foto 1: Inga Voller, Pressesprecherin der Firma Beiersdorf, und Museumsleiter Dr. Christian Walda erfreuen sich an den alten Beiersdorf-Produkten.
Foto 2: Der Unternehmer Oscar Troplowitz, gemalt von Franz Nölken, 1916. Fotos: Tonio Keller
Ausstellung über den Mäzen Oscar Troplowitz im Jüdischen Museum Rendsburg
„Nivea“ kennt jedes Kind. Dass die Firma Beiersdorf in Hamburg diese Creme herstellt – neben anderen bekannten Produkten wie Labello oder Leukoplast –, das wissen auch viele. Nicht so bekannt ist, dass der Beiersdorf-Geschäftsführer Oscar Troplowitz (1863-1918) ein großer Kunstmäzen und ein sozial denkender Unternehmer war. Das Jüdische Museum in Rendsburg widmet ihm derzeit eine Ausstellung unter dem Motto „Jüdische Mäzene der Kaiserzeit“.
Die Vorbereitung der Ausstellung hat Beiersdorf dem Museum leicht gemacht: Museumsleiter Dr. Christian Walda durfte sich im Archiv der Firma gleichsam „einnisten“. Viele Exponate wurden zur Verfügung gestellt. Und es gab die Erlaubnis, den Original-Schrifttyp und -Blauton für das Katalogtitelblatt zu verwenden – mit „Oscar Troplowitz“ statt „Nivea“ auf der Dose. Firmen-Pressesprecherin Inga Voller kam zur Eröffnung.
Der aus dem schlesischen Gleiwitz stammende Apotheker Oscar Troplowitz – er wollte eigentlich Architekt werden – übernahm 1890 das Labor von Paul C. Beiersdorf in Altona, das damals elf Mitarbeiter beschäftigte. Sein Onkel hatte ihm das Geld dafür geliehen. Innerhalb von wenigen Jahren weitete Troplowitz die bis dahin vorwiegend medizinische Produktpalette auf den kosmetischen Bereich aus und machte den Betrieb zu einem internationalen Konzern mit über 500 Angestellten.
Dabei war es nicht nur die gelungene chemische Substanz seiner Erfindungen Nivea, Leukoplast oder Labello, die den Erfolg brachten: „Von Anfang hat er in Produktmarken gedacht und sie mit schönen Namen belegt“, betont Walda. So bedeutet Nivea die „Schneeweiße“. Den Unternehmergeist von Troplowitz veranschaulicht der Museumsleiter mit einer Anekdote: „Ein Pflaster klebte so stark, dass es die Haut ätzte. Anstatt es wegzuwerfen, machte er daraus einen Fahrradflicken, der unter dem Namen ,Cito’ berühmt wurde.“
Schon zwei Jahre später, 1892, zog das Unternehmen nach Eimsbüttel um, wo es heute noch seinen Sitz hat. Das rasch wachsende Vermögen stieg Troplowitz jedoch nicht zu Kopf, von Anfang an dachte und handelte er mit sozialer Verantwortung. Nach und nach verkürzte er bis 1914 die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich von 60 auf 48 Wochenstunden. Schwangere ledige Mitarbeiterinnen zu entlassen, war damals üblich – bei ihm nicht! Es gab eine Kindertagesstätte im Betrieb. Und noch 1916, als schon der Erste Weltkrieg tobte, schuf er einen Rentenfonds, „in einer Zeit, wo es knapper gar nicht sein konnte“, so Walda. Mit solchen Maßnahmen stärkte er die Loyalität der Mitarbeiter, „und die ist noch heute besonders hoch“, betont Beiersdorf-Sprecherin Voller, „viele sind 30 Jahre oder mehr dabei“.
Eine große Leidenschaft von Oscar Troplowitz war die Kunst. Er legte sich eine Sammlung von etwa 180 Bildern zu, von denen viele das Gut Westensee schmückten, das ihm gehörte. Heute sind die wichtigsten im Besitz der Hamburger Kunsthalle, zwei Dutzend hatte Troplowitz ihr selbst vermacht. Durch Bilderkauf unterstützte er die Künstler, „aber er steckte ihnen auch so Geld zu“, weiß Walda. Dabei interessierte sich Troplowitz sehr für den Impressionismus, der für Hamburg „als Kunstprovinz“ (Walda) neu war. Als erster Sammler kaufte er 1914 ein Picasso-Gemälde – die „Absinthtrinkerin“ –, das das Kunstmuseum Bern leider nicht verleiht. Aber die Rendsburger Ausstellung zeigt acht charakteristische Gemälde aus seiner Sammlung, die die Kunstszene jener Zeit widerspiegeln.
„Oscar Troplowitz hat Beiersdorf und seine Umgebung wie kein anderer geprägt“, sagt Thorsten Finke, Leiter des Beiersdorf-Archivs: „Die Ausstellung stellt sein soziales Wirken inner- und außerhalb des Unternehmens dar und gibt einen bis jetzt noch nicht gekannten Einblick in dieses außergewöhnliche Unternehmer- und Kunstliebhaberleben.“ Will sagen, dass es eine solch umfassende Schau selbst in Hamburg bis jetzt noch nicht gegeben hat.
„Troplowitz war für Hamburg einzigartig“, ergänzt Christian Walda, „doch in der Kaiserzeit zeigten sich jüdische Familien allgemein als Vorreiter bei bürgerlichen Stiftungen.“ So wird in der Ausstellung auch anderer jüdischer Mäzene der Zeit gedacht: der Familien Rothschild und Arnhold sowie James Simons und Jacob Mosers.
Die Ausstellung ist bis zum 3. Oktober zu sehen.
Tonio Keller





