Familie/Freizeit/Land und Leute
16.07.2010 -
Barrierefreier Tourismus
Urlauber Manfred Dütsch aus der Oberpfalz genießt den Sonnenuntergang an der Nordsee.
Schleswig-Holstein – ein Land für Gäste mit Handicap?
Unüberwindbare Stufen, zu wenig behindertengerechte Toiletten, und wie kommt man auf den Ausflugsdampfer? Für Menschen mit Handicap ist ein Urlaub oft nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Das Bauernblatt fragte nach: Wie stellen sich touristische Anbieter im Land zwischen den Meeren auf diese Urlaubsgäste ein?
Im besonderen Fokus der Touristikvermarkter stehen Gäste mit Handicap nicht. Familien, Best Ager und anspruchsvolle Genießer – das sind die drei Zielgruppen, die das Ferienland Schleswig-Holstein mit einer seit 2007 laufenden Werbekampagne bevorzugt ansprechen will. „Die Konzentration auf diese drei Gruppen bedeutet jedoch nicht, dass wir unsere anderen Urlauber nicht mehr im Blick haben. Auch Gäste mit Handicap sind gern gesehen“, betont Sabine Natebus von der Tourismusagentur Schleswig-Holstein (www.sh-tourismus.de). Und tatsächlich: Schaut man sich in touristischen Hochburgen und bei Sehenswürdigkeiten an den Küsten und im Binnenland um, so hat sich in den letzten Jahren eine Menge im Bereich „barrierefreier Tourismus“ getan.
Schwimmende Rollstühle
Nur einige Beispiele: Das Nordseeheilbad St. Peter-Ording plant von vornherein alle Neu- und Umbaumaßnahmen barrierefrei. Für Urlauber mit Handicap wurde hier eine spezielle Servicehotline eingerichtet. Amrum, Föhr, Büsum und Sylt haben Broschüren mit wichtigen Infos für Reisende mit Handicap herausgegeben. Strand- oder Wattrollstühle lassen sich an vielen Orten ausleihen.
Timmendorfer Strand bietet einen in Deutschland einzigartigen Service an: An fünf Badestellen gibt’s kostenfrei schwimmende Rollstühle, mit denen einem Bad im erfrischenden Ostseewasser nichts mehr im Wege steht.
Touristische Sehenswürdigkeiten bleiben Menschen mit Behinderungen ebenfalls nicht verschlossen.
Das Buddenbrookhaus in Lübeck, das NordseeMuseum Husum und die Sturmflutenwelt „Blanker Hans“ in Büsum sind barrierefrei. Drei Schleischiffe sind rollstuhlgerecht eingerichtet. Kulturinteressierte Rollstuhlfahrer kommen in den Schleswiger Landesmuseen Schloss Gottorf auf ihre Kosten. Der „Hansa Park“ in Sierksdorf wurde für sein barrierefreies Freizeitangebot sogar ausgezeichnet.
Immer mehr private Anbieter von Unterkünften, Ferien auf dem Bauernhof oder Jugendherbergen haben sich auf Urlauber mit Mobilitätseinschränkungen oder anderen Behinderungen eingestellt.
Treue Stammgäste
„Stimmt das Angebot, sind Urlauber mit Handicap treue Stammgäste“, wissen Birgit und Hans-Christian Andresen aus Sprakebüll im Kreis Nordfriesland. Auf ihrem landwirtschaftlichen Betrieb haben sie fünf rollstuhlgerechte Ferienhäuser errichtet. „Rund 70 % unserer Gäste haben gesundheitliche Einschränkungen. Wir versuchen, uns individuell auf ihre Bedürfnisse einzustellen“, berichten die Eheleute. Das sei manchmal gar nicht so einfach, denn Behinderung sei nicht gleich Behinderung. „Deshalb ist es wichtig, ständig mit den Feriengästen im Gespräch zu sein, um aus erster Hand zu erfahren, was man ändern oder ergänzen kann“, betonen die Vermieter.
Um Familien mit behinderten Angehörigen barrierefreie Ferien zu ermöglichen, hat der Landesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte Schleswig-Holstein e. V. seit vielen Jahren ein eigenes behindertengerechtes Gästehaus in Hörnum auf Sylt. Zwei Appartements stehen im „Haus Lieselotte“ zur Verfügung. Ulrike und Rudolf D. aus Kiel sind mit ihren zwei Söhnen, von denen einer aufgrund einer Muskelatrophie im Rollstuhl sitzt, dort gern zu Gast. „Auf Sylt gibt es immer viele helfende Hände, wenn wir einen Schiffsausflug oder einen Restaurantbesuch mit Rollstuhl planen“, lobt Ulrike D. die Sylter Gastfreundschaft. Bretterwege führen durch die Dünen zum Meer, Rampen helfen, Stufen zu überwinden. Auch behindertengerechte Toiletten seien vorhanden.
Demente nicht willkommen
Leider machen Reisende mit Handicap nicht überall nur gute Erfahrungen. Es gibt private Vermieter, die sich mit ihnen schwertun. Diese Erfahrung machte Dagmar Wüstenberg vom Landesverband der Deutschen Alzheimergesellschaft Schleswig-Holstein e. V. in Norderstedt. Seit 2003 organisiert sie betreute Urlaubsangebote für demenziell erkrankte Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Die Reisekoordinatorin bekennt: „Es ist immer wieder schwer, ein Ferienquartier zu finden, in dem unsere Gruppen willkommen sind.“ Als sie vor einiger Zeit bei privaten Anbietern in St. Peter-Ording nach einer Unterkunft suchte, fand sich niemand, der ihre Gruppe beherbergen wollte. „Die Vermieter hatten Angst, dass wir ihre Dauergäste vertreiben könnten. Außerdem wurde befürchtet, wir würden mehr Dreck und Arbeit machen“, benennt sie die Gründe für die Ablehnung.
Doch sie erlebte auch positive Reaktionen. „Im Glückstädter Restaurant ,Alte Mühle’ stellten die Stufen zum Gastraum für unsere Rollstuhlfahrer ein Hindernis dar. Freundliche Angestellte waren sofort zur Stelle und trugen unsere Reisenden behutsam über die Stufen. Sogar ein zusätzlicher Stapel frischer Handtücher wurde im WC für uns bereitgestellt“, freut sich die Reisebegleiterin und erzählt eine weitere Episode: „Als es einmal in einem Café böse Worte von anderen Gästen gab, ob es denn wirklich nötig sei, dass unsere Gruppe dort Kaffee trinkt, meinte die Wirtin: ,Ja, das muss sein. Wenn es Sie stört, können Sie Ihren Kaffee gern woanders trinken.’“
Ein Hindernis für eine Urlaubsreise mit Handicap liegt zudem oft in der mangelnden Information über barrierefreie Angebote. So gibt es in Schleswig-Holstein keinen Urlaubskatalog, der über alle behindertengerechten touristischen Angebote und Unterkünfte „auf einen Blick“ informiert. Die Urlauber müssen sich die benötigten Infos über das Telefon oder verschiedene Internetseiten zusammensuchen. Etliche Menschen mit Handicap schreckt dieser zeitaufwendige Vorbereitungsmarathon. Sie verzichten auf eine Urlaubsreise, obwohl sie grundsätzlich gern verreisen würden. Immer noch gilt: Die Möglichkeiten für Reisen und Urlaub sind für sie quantitativ und qualitativ erheblich eingeschränkt.
Sicherlich ist es aufgrund der Verschiedenartigkeit von Behinderungen für die Akteure der Fremdenverkehrsbranche kaum möglich, es allen Menschen recht zu machen. Es sollte jedoch das Bewusstsein wachsen, dass blinde, hörgeschädigte, geistig oder gehbehinderte Menschen verschiedene Voraussetzungen benötigen, um sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden und den Urlaubsalltag selbstständig zu gestalten.
Soziale Barrieren
Eines wird in Gesprächen mit Betroffenen immer wieder deutlich: Neben den verkehrstechnischen und architektonischen Barrieren sind es auch soziale Barrieren, die ihnen das entspannte Urlauben erschweren können. Dumme Sprüche oder böse Blicke von Miturlaubern sind traurige Realität.
Es hat den Anschein, dass einige Urlauber im Umgang mit behinderten Menschen unsicher und unerfahren sind. Sie wollen aus diesem Grund so wenig wie möglich mit diesem Personenkreis zu tun haben. Diese Ablehnung wird meist nicht offen zur Schau gestellt, sondern ist unterschwellig zu spüren. Für solch ein Verhalten hat Gastgeberin Birgit Andresen kein Verständnis: „Wir dürfen eines nie vergessen: Die Gesundheit ist ein Geschenk, das uns an jedem Tag unseres Lebens wieder genommen werden kann.“
Silke Bromm-Krieger
Nützliche Informationen
Urlaub auf dem Bauernhof
Die Arbeitsgemeinschaft Urlaub auf dem Bauernhof in Schleswig-Holstein e.V. stellt unter der Adresse www.bauernhof-erlebnis.de über 70 Ferienwohnungen und Häuser vor, die über Türen mit einer lichten Breite von 90 cm und ein rollstuhlgerechtes Duschbad verfügen. Hierzu einfach in der rechten Leiste den Button „Angebote für Menschen mit Behinderung“ anklicken. Infos gibt es auch über die InfoLine 04331-9453582 oder per E-Mail unter: info@bauernhof-erlebnis.de
Internet-Links
www.rollstuhl-urlaub.de
www.handicapped-reisen.de
www.barrierefreier-tourismus.info
www.reisen-ohne-barrieren.info
www.natko.de/reiseinfos.shtml
www.urlaub-ohne-hindernisse.de.
Buchtipp
„Ratgeber Handicapped-Reisen“ – Hotels, Pensionen, Ferienhäuser, Ferienwohnungen und Ferienbauernhöfe für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer, Ausgabe 2010, von Yvo Escales, Escales Verlag, 16,80 €.
ISBN 978-3-9813233-0-6.





