Schleswig-Holstein

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16.07.2010 -  

„Nordlandreise“ – Ausstellung im Kieler Schifffahrtsmuseum

Bild - „Nordlandreise“ – Ausstellung im Kieler Schifffahrtsmuseum


Foto 1: Die Jacht Hohenzollern von Kaiser Wilhelm II. in Balestrand, 1910, Gemälde von Eilert Adelsteen Normann.


Foto 2: Wilhelm II. trifft den norwegischen Maler Hans Dahl in Sognefjord. Postkarte nach einem Foto von Theodor Jürgensen.


Des Kaisers Sehnsucht nach nordischer Landschaft


Wie konnte Norwegen in besonderer Weise zu einem Sehnsuchtsland für deutsche Urlauber werden? Im Kieler Schifffahrtsmuseum ist eine über 800 Stücke umfassende Schau zum Thema „Nordlandreisen“ zusammengestellt, darunter auch Dinge aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms II. Die Ausstellung ist eines der bisher größten Projekte des Kieler Schifffahrtsmuseums, das, ehemals errichtet als Fischhalle am Hafen und bauhistorisch eine Besonderheit, in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiern kann.


Die eigentliche Entdeckung der norwegischen Landschaft unter Gebildeten fällt in die Zeit der Romantik. Wurde man zunächst aufmerksam auf die Alpen und den Harz mit „wilden Schluchten“ und „schäumenden Sturzbächen“, so fiel auch bald die „Erhabenheit“ Norwegens in den Blick. Romantische Landschaftsmaler, allen voran der im norwegischen Bergen geborene Johan Christian Dahl (1788-1857), vermittelten stimmungsvolle Ansichten der norwegischen Landschaft.


Der mit Caspar David Friedrich befreundete J. C. Dahl war bei Weitem nicht der Einzige, der die Fjorde und Gebirgsketten Norwegens schilderte. Zahlreiche deutsche Maler wie Wilhelm Schiertz oder Christian Morgenstern folgten seinen Spuren. So wurden erste Reisende von den Bildern der grandiosen Natur angelockt. Von 1847 an gab es eine erste regelmäßige Schiffslinie zwischen Kiel, Kopenhagen und Christiania, dem heutigen Oslo, wie das Modell des Raddampfers „Nordcap“ in der Ausstellung belegt.


Danach war es ausgerechnet der „Reisekaiser“ Wilhelm II., der die Nordlandreise mit dem Schiff entlang der norwegischen Küste in Deutschland populär machte. Getrieben sowohl von irrationalen Vorstellungen einer nordischen Mythenwelt als auch von der Faszination der großartigen Landschaft, begab sich Wilhelm II. alljährlich mit seiner Jacht „Hohenzollern“ von Kiel aus auf Nordlandfahrt.


Von 1889 bis 1914 war der deutsche Kaiser dreimal in Schweden und 23 Mal in Norwegen. Ihn begleitete eine illustre Entourage, darunter Künstler wie die Marinemaler Carl Saltzmann, Willy Stöwer oder Hans Bohrdt, die mit Stift und Pinsel das Gesehene festhielten. „Der Kaiser war in Deutschland nicht so leicht zu treffen wie in Norwegen“, kommentiert Sonja Kinzler, Kuratorin der Ausstellung, die gesteigerten Bemühungen des deutschen Adels und des gut situierten Bürgertums, ebenfalls gen Norden zu fahren. Tatsächlich hielt sich Wilhelm II. meist nur in den drei Wintermonaten in Berlin auf.


Auf den Linienschiffen der großen deutschen Reedereien Hapag und Norddeutscher Lloyd, die Nordlandfahrten von bis zu vier Wochen in die Fjorde und bis hinauf nach Spitzbergen anboten, konnten zahlungskräftige Bürger fahren. Das aufstrebende Geschäft mit den „Lustreisen zur See“ wurde vom Ersten Weltkrieg unterbrochen, aber schon Mitte der 1920er Jahre starteten deutsche Reiseanbieter wieder in die Fjorde. Bereits seit 1893 gibt es die von norwegischen Reedereien betriebene Hurtigruten, eine Post-, Fracht- und Passagierlinie entlang der norwegischen Westküste, die „Reichsstraße Nr. eins“.


In den 1920er und 30er Jahren engagierten die großen deutschen Reedereien für ihre Werbeabteilungen die renommiertesten Grafiker, beispielsweise Ludwig Hohlwein, Ottomar Anton oder Bernd Steiner. In ihrer prägnanten Bildsprache schilderten diese die steil aufragenden Felswände der Fjordlandschaft mit glitzerndem Wasser im Licht der Mitternachtssonne oder wiesen auf die polare Fauna mit Eisbären, Seevögeln und Rentieren hin. Ein besonders exotisches Motiv für die Plakatwerbung waren die Saami/Samen in ihrer bunten Tracht. Überhaupt wirkten sich die Darstellungen jeglicher norwegischer Trachten verkaufsfördernd aus, bekannt wurde die „Hardanger“-Stickerei.


Die Entwicklung zum Massentourismus vollzogen die Nationalsozialisten, getrieben bekanntlich ebenfalls von der Begeisterung für die nordische Mythologie. Von 1934 bis 1939 bot die Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) kurze, preiswerte Sommerkreuzfahrten an und profitierte vom Mythos des Kaisers. Ein bekanntes KdF-Reiseschiff war die „Wilhelm Gustloff“. Kontakte mit den Norwegern, dem „arischen Brudervolk“, gab es für die KdF-Reisenden jedoch kaum. Die dann folgende Besetzung Norwegens (1940-1945) hat auf traumatische Art die Beziehung zwischen Norwegen und Deutschland belastet. Erst seit den 1960er Jahren, nicht zuletzt wegen des Lebenslaufes Willy Brandts, besserten sich die Beziehungen wieder.


Von Kiel aus wurde schon 1961 mit der „Kronprins Harald“ eine Fährlinie nach Oslo eingerichtet, seit 1966 begann mit dem Schwesterschiff „Prinsesse Ragnhild“ der tägliche Fährverkehr. Für die Fördestadt Kiel mit ihrem bedeutenden Kreuzfahrthafen ist der Passagierschiffsverkehr ein essenzieller Wirtschaftsfaktor.


Doch hat sich zunehmend auch ein Individualtourismus für Camping- und Autoreisende entwickelt, und in den 1970er Jahren suchten Mutige das „alternative“ Skandinavien-Abenteuer im VW-Bus. Immer lockte auch der Besuch des Nordkaps, wo sich der nördlichste gebührenpflichtige Parkplatz Europas befindet. Heute hat Norwegen unter Touristen das Image eines modernen Outdoor-Paradieses für Wanderer, Skiläufer und Angelfreunde, die in wetterfester Ausrüstung – made in Norway – dem Alltagsstress entfliehen wollen.


Imme Feldmann


Ausstellungsdauer bis 31. Oktober


Kieler Schifffahrtsmuseum, Wall 65


Geöffnet: täglich 10 bis 18 Uhr, Führungen sonntags 11.30 Uhr


Tel.: 0431-901-3428


www.kiel.de/kultur


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